Einsamkeit

Ausgabe 3/2025
Vor einem Jahr stellte die damalige Bundesfamilienministerin Lisa Paus die Ergebnisse des Einsamkeitsbarometers mit Daten aus 2021 vor. Demnach nimmt Einsamkeit zu, besonders betroffen sind Frauen, vor allem Alleinerziehende, womit sich eine weitere Geschlechterdifferenz auftut: der Gender Loneliness Gap. Das Risiko, sich einsam zu fühlen, erhöht sich durch Armut, Migrationserfahrung und Sorgeverantwortung.
Wir erleben eine Einsamkeitskrise von globalem Ausmaß, so die britische Ökonomie-Professorin Noreena Hertz. Die dramatische These belegt sie in ihrem Buch „Das Zeitalter der Einsamkeit“ (2021) auf über 400 Seiten mit unzähligen Beispielen: Immer weniger Menschen geben an, Freund*innen zu haben. Blickkontakte reduzieren sich im Alltag messbar. In Japan verschulden sich junge Frauen, um stundenweise eine Freundin zu mieten. Einsamkeit senkt die Lebenserwartung und macht kränker als Rauchen, fördert messbar Ressentiments und Demokratiefeindlichkeit, lässt Orte und soziale Kompetenzen veröden. Ein Markt ist entstanden, auf dem (Pseudo-)Gemeinschaft verkauft wird: Dienstleistungen und Produkte versprechen Nähe und Zugehörigkeit – eine Strategie, die sich „We Washing“ nennt. In Co-Living-Spaces – meist hochpreisige Apartmentanlagen – organisieren professionelle Animateur*innen den Grill- oder Spieleabend: unverbindlich, bequem und risikoarm für die Kundschaft. Allzeit sexuell willig ist Roboter Harmony und der/die/das niedliche Pepper-Modell geht im Haushalt zur Hand und kann im Alter versorgen. […]
Vieles davon ist sicher richtig, reizt aber auch zum Widerspruch. Gilt das wirklich für alle – und überall auf der Welt? Ist das Problem tatsächlich neu? […]
Wer problematisiert also Einsamkeit und zu welchen Zwecken? Welche Vorschläge drängen sich auf? Ausgerechnet in diesen Zeiten, in denen Schulen und Krankenhäuser „kriegstauglich“ gemacht werden sollen, soziale Sicherungssysteme zersetzt werden, Verachtung gegen Bürgergeldberechtigte geschürt wird und es an Antworten auf die Frage fehlt, wer uns im Alter pflegt und versorgt?
– Auszug aus der Einleitung zum Schwerpunkt von Melanie Stitz
Inhalt dieser Ausgabe
Schwerpunkt
Einsamkeit
von Melanie Stitz
Allein und verbunden, statt vereinsamt und ausgeschlossen
Einsamkeit und Alleinsein aus feministischer Perspektive
Isolde Aigner
Über Einsamkeit, Armut und Kultur
Interview von Klara Schneider
Tagebuch des Ankommens
von Kefah Ali Deeb
(zuerst erschienen bei We Refugees Archiv)
Die weiße Folter. Weltweit leiden Frauen in Isolationshaft
von Annegret Kunde
In der Einsamkeit Inspiration und Kraft holen:
Frauen am Meer und in der Wüste
von Florence Hervé
Meine feministische Wahrheit
Ich gebäre nicht für den Staat – Gedanken zum Gebärstreik damals und heute
von Vanesa Imeri
Krieg & Frieden
Billig und ausbeutbar – die Gewalt des Maquila-Systems
von Jana Flörchinger
WHO CARES?! Kämpfe um Reproduktion und Gewerkschaftsarbeit
Unterschätzte Löwinnen
von Sigrun Matthiesen
„Community Care greift dann, wenn Systeme versagen“
von Chris Neuffer mit RosaLinde e.V. zum Projekt „Que(e)r durch Sachsen“
Projekte
LieLa e.V.
von Anna Schiff
Kultur
Lyrik und Leben von Mascha Kaléko
von Christiana Puschak
Herstory
Seit über 50 Jahren: Feministische Gesundheitsbewegung
von Gabriele Bischoff
Frauenkultur Leipzig – 35 Jahre feministische Arbeit
von Team der FraKu
Gesehen
Já ég þori, get og vil – „Ein Tag ohne Frauen“
von Klara Schneider
Daten und Taten
María Telo Núñez
von Anni Mertens
Jody Williams
von Anni Mertens
… und sonst
Hexenfunk
Gehört
Gelesen
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