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Herbst 3/2020

Unternehmen und Frauenrechte

Ausgabe 1/2020

Als Alten- oder Krankenpflegerinnen, Hebammen und andere Sorgearbeiterinnen, ob entlohnt oder unbezahlt im Privaten, versuchen mehrheitlich Frauen, Tag für Tag das Unmögliche möglich zu machen. Wider die Zumutungen einer aus den Fugen geratenen Welt ringen sie z.B. darum, ein „illusionäres Gemeinwesen“ zu bauen und zu erhalten. Aus Solidarität mit ihren Angehörigen, mit Patient*innen und Kolleg*innen verzichten sie auf dringend notwendige Selbstsorge, machen Überstunden und springen ein, wenn „Not an der Frau“ ist. Genau das wird von ihnen erwartet und einkalkuliert. Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse – und umgekehrt, so Frigga Haug. Wenn es um die klassischen Frauenberufe geht, wird der Zusammenhang besonders deutlich. „Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still“, so das Motto des Frauenstreiks. Es steht für die immense Bedeutung von Frauenarbeit und ist zugleich Ausdruck der Schwäche: Eben weil die Welt sonst stillstehen würde, legen so viele Frauen ihre Arbeit nicht nieder.
(…)
Die Soziologin Ingrid Artus spricht von einer „Feminisierung von Arbeitskämpfen“: Diese und die Frauen darin fordern Demokratieverständnis und Geschlechterverhältnisse heraus. Sie eignen sich die klassischen Formen von Arbeitskämpfen und den Streikbegriff kreativ an und setzen die Frage „Wie wollen wir miteinander leben?“ auf die Agenda. Stets haben Frauen für ihre Rechte als Arbeiterinnen gekämpft, oft unter erschwerten Bedingungen: Es braucht viel Mut, sich am Streik zu beteiligen, wenn eine als Alleinerziehende auf die Frühschichten angewiesen ist. Da bleibt zudem kaum Zeit für politische Einmischung. Insbesondere für Frauen und Mütter gilt der Satz: „arm trotz Arbeit“ und von Altersarmut sind sie besonders betroffen. Immer wieder mussten Frauen ihren Platz in der Lohnarbeit verteidigen, den sie in (Nach-)Kriegszeiten, als Arbeitskräfte rar waren, eingenommen hatten.
(…)
Auch jenseits der Sorgearbeit ringen Frauen um Teilhabe und Emanzipation – gemeinsam, organisiert in Verbänden und oft allein, in Institutionen, in Kunst und Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien, gegen gläserne Decken, für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, gegen Sexismus, Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz und für die Quote. Mitunter werden sie dabei unterstützt von Arbeitgebern, die interessiert sind an qualifizierten Arbeitskräften und sich dabei um das Geschlecht nicht viel scheren oder erkannt haben, dass „Diversity“ zieht. Bei vielen Kämpfen geht es schlichtweg um die Hälfte vom verschimmelten Kuchen. Doch ohne Gleichberechtigung und Teilhabe ist die Revolution nicht zu machen. Zugleich ist immer wieder Skepsis geboten, angesichts allzu leicht gewährter Rechte, vor allem, wenn sie nicht allen, sondern nur einigen zu Gute kommen.

(aus der Einleitung)


Covergestaltung 2020

Die vier WIR FRAUEN Titelcover in 2020 gestaltet die Künstlerin Anke Feuchtenberger, die schon vor 30 Jahren mit ihren Plakaten zur Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes feministischen Forderungen Ausdruck gab. Wir hoffen, die Leser*innen freuen sich ebenso wie wir über die Zusammenarbeit!

Cover WF Ausgabe Frühjahr 2020: Anke Feuchtenberger und Nik Pitton


Inhalt dieser Ausgabe

Schwerpunkt: UNTERNEHMEN UND FRAUENRECHTE
Einleitung: Unternehmen und Frauenrechte
von Melanie Stitz

Die Mehrheit in der Minderheit: Was kann die Frauenquote?
von Tina Berntsen

Aus Armut geschneidert
von Annegret Kunde

Der lange Atem der Migrantinnen* im Einwanderungsland Deutschland
von Dr. Delal Atmaca und Michiyo Fried, DaMigra

Freizeit oder Geld?
von Gabriele Bischoff

Mutige Gewerkschafterinnen
von Annegret Kunde und Daniela Weißkopf

Armut verstehen, um sie zu bekämpfen
von Gabrile Bischoff

Meine feministische Wahrheit
„Weiß ist mehr als eine Hautfarbe“
Carolina Brauckmann über Charlotte Wiedemann

Krieg & Frieden
Gender und Müll – Die internationale Agenda der Entwicklungszusammenarbeit erweitert sich
von Daniela Weißkopf

Herstory
„Der Widerstand vereint sich auch im Jetzt“ – Frauenwiderstand auch in Europa würdigen!
von Florence Hervé

Annette Kuhn – ein Nachruf
von Tina Berntsen

WHO CARES?! Kämpfe um Reproduktion und Gewerkschaftsarbeit
Schwangerschaftsabbrüche – Tabu im Medizinstudium?
von Daniela Weißkopf

Frauenstreik 2020: Nur gemeinsam sind wir stark!
von Melanie Stitz

Projekte
Partnerschaftsprojekt zwischen lesbischen Gruppen in Afrika und NRW
von Cornelia Sperling

Kultur
Wendepunkte – Internationales Frauenfilmfestival

Gesehen
Varda par Agnès
von Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Daten und Taten
Dinah Nelken / Gerda Lerner