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Winter 4/2020

Gender und Müll

Die internationale Agenda der Entwicklungszusammenarbeit erweitert sich

von Daniela Weißkopf

(aus WIR FRAUEN Heft 1/2020, Schwerpunkt: Unternehmen und Frauenrechte)

Mehr als 50 Millionen Tonnen Abfall im Jahr produzieren die Deutschen laut dem World Bank Report 2018 „What a Waste 2.0“. Darunter tonnenweise Plastikmüll und Elektroschrott, die ins Ausland verschifft werden. Gleichzeitig nimmt der Wohlstand in vielen Ländern des globalen Südens zu, so dass mehr Müll denn je generiert wird. Etwa 15 Millionen Menschen leben von der Arbeit im informellen Müllsektor. Häufig indem sie auf Mülldeponien nach Wertstoffen suchen, die sie weiterverkaufen können. Ein Großteil der Müllsammler*innen sind Frauen. Nun haben sich internationale Hilfsorganisationen auf die Fahnen geschrieben, Frauen im Müllsektor stärker zu fördern und ihnen bessere Perspektiven zu geben. Aber was hat Müll mit Gender zu tun, wie genau werden Frauen empowert und was hat sich für sie geändert?

Seit China keinen Plastikmüll aus dem Westen mehr importiert, wird der Abfall verstärkt in südostasiatischen Ländern wie die Philippinen, Malaysia oder Thailand verfrachtet. Doch auch diese Länder wollen unseren Müll nicht mehr haben und schicken ihn zurück. So geschehen, als bei der Einfuhr von wiederverwertbaren Plastik aus Kanada auf die Philippinen auch Hausmüll entdeckt wurde. Die Philippinen waren erbost über den Versuch Kanadas, kontaminierten Müll in ihrem Land abzuladen. Das löste eine politische Krise zwischen den beiden Staaten aus, die darin gipfelte, dass der philippinische Präsident mit Krieg drohte. Die Aufmerksamkeit für die Müllkrise zwischen einigen Ländern des globalen Südens und Nordens hat auch die Aufmerksamkeit auf die Menschen gelenkt, die in diesem Sektor arbeiten. Denn sie formten einen Teil der Proteste gegen den Müll aus dem Westen und wurden in der medialen Berichterstattung sichtbar.

Mehr als 15 Millionen Menschen leben vom Sammeln und Recyceln wiederverwertbarer Materialen aus dem Müll. Nicht nur finanzieren sie damit ihr eigenes Leben, auch leisten sie einen wichtigen Beitrag für die Umwelt und kompensieren fehlende städtische oder staatliche Recyclingsysteme. Dennoch sind Müllsammler*innen häufig von Armut betroffen, haben einen geringen sozialen Status und werden selten von der lokalen Politik unterstützt. In vielen Ländern haben sich Müllsammlerinnen inzwischen zusammengeschlossen, um für ihre Belange und Rechte gemeinsam einzustehen. Vorreiter ist Brasilien, hier wurde im Jahr 2005 die Globale Allianz der Müllsammlerinnen ausgerufen. Die lateinamerikanische und die indische Sektion der Allianz sind die mitgliederstärksten. Auffallend ist, dass sich in diesen Ländern mehrheitlich Frauen zusammengeschlossen haben, um für ihre Belange einzutreten beziehungsweise sie den größeren Anteil an Müllsammlerinnen ausmachen.

Im Müllsektor arbeitende Frauen erleben neben Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung auch häufig innerhalb des Sektors Diskriminierung. Der internationalen Organisation WIEGO zufolge, die sich für Frauen in informellen Anstellungen engagiert, haben Frauen beispielsweise erschwerten Zugang zu hochwertigem recycelbarem Müll, werden schlechter bezahlt als Männer und haben weniger Chancen, höhere Positionen im Müllmanagement zu bekleiden. WIEGO und andere Organisationen wie zum Beispiel die Women of Waste (WOW), eine Gruppe der Internationalen Vereinigung für Reststoffe (ISWA), verfolgen den Ansatz, dass der Müllsektor eine Chance für Frauen in Entwicklungsländern bietet, sich zu empowern. Ein zentrales Projekt in Lateinamerika ist Gender & Waste (dt.: Gender und Müll). Auf die Anfrage von Müllsammlerinnen hin, erarbeitete WIEGO gemeinsam mit nationalen und regionalen Bewegungen der Müllsammler*innen, dem Frauenforschungsinstitut der brasilianischen Universität Minas Gerais und der UNESCO-Organisation InSea ein Workshop-Konzept. In den Workshops lernen die Frauen nicht nur geschlechterbezogene Diskriminierung zu erkennen, sondern vor allem auch ihre Forderungen praktisch umzusetzen.

Umweltschutz, nachhaltiger Konsum und Recycling sind wichtige Nenner der Nachhaltigkeitsziele, die 2016 in Kraft getreten sind. Die Müllwirtschaft in Ländern des globalen Südens bekommt daher in den letzten Jahren auch von den großen internationalen Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit verstärkt Aufmerksamkeit. Berichte der Weltbank oder der Vereinten Nationen (UN) über globales und regionales Abfallmanagement werden bereits regelmäßig veröffentlicht. Ein umfangreicher Bericht, der Müllwirtschaft mit einer Genderperspektive verbindet, fehlte aber bislang. Das Umweltprogramm der UN hat dies 2019 mit Blick auf Bhutan, die Mongolei und Nepal nachgeholt. Aus der Studie „Gender and Waste nexus“ geht hervor, dass Abfallmanagement zu einem immer bedeutenderen Arbeitszweig wird, besonders in den urbanen Regionen, da hier mehr Müll produziert wird. Frauen sind zwar öfter als Männer in Initiativen aktiv, die sich für die Prävention, Minimierung oder Wiederverwertung von Müll einsetzen, im Management oder der Administration sind sie jedoch kaum tätig. So bleiben Frauen auf den niedrigbezahlten und -qualifizierten Stellen im Müllsektor und die geschlechterbezogene Ungleichheit in diesem Bereich verdichtet sich. Ursächlich dafür könnte nicht zuletzt, der im Vergleich zu Männern niedrigere Bildungsstand von Frauen und Mädchen in den drei untersuchten Ländern sein.

Vor dem Hintergrund der Müllmassen, die täglich entstehen, kann davon ausgegangen werden, dass der Bedarf an Arbeitskraft in der Müllindustrie steigt und dort in Zukunft auch mehr Frauen beschäftigt sein werden. Dabei wird die Branche auch kreative, technologische und soziale Lösungen für den nachhaltigen Umgang und die Verwertung von Müll brauchen. Ob aktuelle Empowerment-Projekte für Frauen im Müllsektor dazu führen, dass ihre Arbeit zukünftig mit der von Männern gleichgestellt sein wird, kann mangels Forschung momentan noch nicht beantwortet werden. Optimistisch stimmen Erfolge von Projekten, wie dem von WIEGO und den lateinamerikanischen Müllsammlerinnen. So berichtet Tania Alfonso, eine Müllsammlerin aus Buenos Aires, dass sie früher ihre Kinder zum Müllsammeln mitnehmen musste. Inzwischen haben sie und andere Frauen es jedoch geschafft, die Stadt zu überzeugen, ihnen Räumlichkeiten und Ausstattung zur Verfügung zu stellen, so dass die Kinder eine Betreuungseinrichtung besuchen können, während die Mütter arbeiten. Dort bekommen die Kinder Essen, aber auch Unterstützung bei Schulaufgaben. Etwas, das viele von ihnen nicht hatten, sagt Tania.