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Frühjahr 1/2020

Der lange Atem der Migrantinnen* im Einwanderungsland Deutschland

von Dr. Delal Atmaca und Michiyo Fried, DaMigra

(aus WIR FRAUEN Heft 1/2020, Schwerpunkt: Unternehmen und Frauenrechte)

Die Internationale Arbeitsorganisation geht von weltweit 164 Millionen Arbeitsmigrant*innen aus – 68 Millionen davon sind Frauen*. Dabei sind sie aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Nationalität verstärkt Diskriminierungen ausgesetzt, was die Beschäftigungschancen in den Zielländern im Vergleich zu Männern deutlich reduziert, so Manuele Tomei, ILO-Direktorin der Abteilung Conditions of Work and Equality.

Ökonomische Teilhabe ist nicht nur ein Menschenrecht, sondern sie ist zugleich die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und der Schlüssel zur kulturellen und sozialen Teilhabe.

Frauen* mit Flucht- und Migrationsgeschichte werden häufig als billige Arbeitskräfte gesehen. Sie putzen, pflegen, erziehen unsere Kinder, unsere kranken oder alten Menschen, sie servieren, sind als Zimmermädchen* oder als Saisonarbeiterinnen* unterwegs. Die aktuelle Diskussion um die Pflegekräfte und die damit zusammenhängende Arbeitskräftezuwanderung in den letzten fünf Jahren zeigt, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die zunehmende Zahl der Altenpflegekräfte aus dem Ausland ist laut der Bundesagentur für Arbeit seit 2013 um rund 50.000 gestiegen. Ohne diese Arbeitskräfte wäre die Pflege in Deutschland zusammengebrochen.

Aber nicht nur jene, die neuzuwandern, sondern auch all die Frauen* und Mädchen*, die hier geboren und aufgewachsen sind, die eine gute Ausbildung haben oder Hochschulabsolventinnen sind, werden am Arbeitsmarkt diskriminiert. Sie arbeiten allzu oft unter prekären Bedingungen und sind zugleich unsichtbar.

Das tatsächliche Potenzial dieser Frauen* wird viel zu häufig weder erkannt noch wertgeschätzt. Das hat mit kolonialen Konzepten, rassistischen Einstellungen und Vorurteilen zu tun. Erkennen, Anerkennen und Wertschätzen von Potenzialen dieser Frauen* ist aber Grundlage für eine diverse und emanzipatorische Gesellschaft. Eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt ist zudem essenziell, damit sich nachfolgende Generationen an den Frauen* als Vorbilder orientieren können.

Hartnäckig hielt Deutschland bis 2001 an einem Selbstverständnis fest, kein Einwanderungsland zu sein – mit fatalen gesellschaftspolitischen Folgen.

Erst 2001 konnte sich Deutschland folgendes Bekenntnis abringen: „Deutschland braucht Zuwanderinnen und Zuwanderer. Für die Gestaltung von Zuwanderung und Integration ist ein Gesamtkonzept erforderlich, das klare Ziele festlegt: humanitärer Verantwortung gerecht werden, zur Sicherung des Wohlstandes beitragen, das Zusammenleben von Deutschen und Zuwanderern verbessern und Integration fördern“, heißt es in den am 4. Juli 2001 vorgelegten Empfehlungen der Süssmuth-Kommission.

Leider sind viele Empfehlungen der Süssmuth-Kommission nicht umgesetzt worden. Das 2019 geschlossene Migrationspaket ist ein erster Anfang, verdient aber nicht den Innovationspreis.

Für ein Einwanderungsland ist Deutschland bemerkenswert integrationsfeindlich und politisch äußerst kurzsichtig – ganz besonders in Bezug auf Frauen* mit Flucht- und Migrationsgeschichte und solche, die so gelesen werden. Ob vor vielen Jahren nach Deutschland migriert, kürzlich nach Deutschland geflüchtet, in 2., 3., oder 5. Generation in Deutschland geboren und aufgewachsen – wir sind in dieser Gesellschaft nicht gleichberechtigt. Die mehrfache Diskriminierung schlägt sich gerade auch auf dem Arbeitsmarkt nieder. Frauen* mit Flucht- und Migrationsgeschichte haben so individuelle und vielfältige Lebenslagen und Lebensentwürfe wie alle anderen Frauen* auch. In Bezug auf die Teilhabe am Arbeitsmarkt spielen insbesondere geflüchtete Frauen* immer noch eine sehr untergeordnete Rolle, konstatiert das Netzwerk IQ – Integration durch Qualifizierung.

Die Ursache für die niedrige Erwerbsquote wird im „Herkunftsland“ und in angeblich „tradierten Geschlechterrollen“ verortet und somit aus der Verantwortung deutscher Behörden genommen.

Die Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass die Erwerbsquote hochqualifizierter Frauen* mit Flucht- und Migrationsgeschichte gegenüber hochqualifizierten Frauen* ohne Migrations- und Fluchtgeschichte deutlich niedriger ist: 65% gegenüber 90 %. Hier spielen u.a. die Anerkennung der Bildungsabschlüsse, aber auch Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt eine große Rolle.

Gerade Familien* mit Flucht- und Migrationsgeschichte erleben sehr oft, dass Frauen* und Mütter* Angebote erhalten, die sich mit der Aufgabe der Kinderbetreuung vereinen lassen – überwiegend Halbtagsangebote für Jobs im Niedriglohnsektor. Das führt dazu, dass Geschlechterrollen festgeschrieben werden. Akademikerinnen*, die in ihren Herkunftsländern entsprechend ihrer Ausbildung gearbeitet haben, bekommen eine – vermeintlich im Herkunftsland tradierte – Geschlechterrolle übergestülpt und erhalten überwiegend Jobangebote aus dem Bereich der Sorgearbeit, häufig in Teilzeit und noch häufiger im Niedriglohnsektor.

Wie ist es um den arbeitsmarktlichen Erfolg von Frauen* bestellt, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die als kleine Kinder mit den Eltern migriert oder geflüchtet sind, die in dritter, vierter Generation in Deutschland leben, die sich mit Fug und Recht als Deutsche bezeichnen können?

Șemsi Bilgi, Informatikerin und Vorstandsvorsitzende des Türkischen Frauenvereins, berichtet:
Nach meinem Informatikstudium an der TU Berlin bin ich mit meiner Bewerbungsmappe zum Arbeitsamt und wollte über Berufschancen reden. Dort wurde mir sogleich unterstellt, hier falsch zu sein. Ich wurde gefragt, ob ich meine Zeugnisse übersetzt hätte. Als Informatikerin* war ich oft die einzige Frau in vielen Projekten, es gab Sexismus. Als Frau* – als Migrantin* – wird dir im Beruf nicht zugehört. Was du sagst, kann nicht richtig sein. Als Frau* musst du doppelt so viel Energie aufbringen, um dich durchzusetzen. Es gibt immer Momente, in denen man dran erinnert wird. Zum Beispiel, wenn ich gefragt werde: »Können Sie Deutsch?« Oder: »Haben Sie Internet?« Oder: »Fährst du nach Hause – in die Türkei?« Wie lange wird es noch dauern, bis mein Kind nicht mehr ebenso mit diesen Fragen kämpfen muss? Sind wir immer noch nicht angekommen?“

Wer Zuwanderung braucht, muss eine echte Gesellschaft der Vielfalt aufbauen. Chancengleichheit, Teilhabe und insbesondere Bekämpfung von Rassismus und Sexismus wären ein guter Anfang. Das Einwanderungsland Deutschland braucht einen langen Atem. Wir Frauen* mit und ohne Flucht- und Migrationsgeschichte wissen, wie das ist. Wir wissen auch: Es geht nur solidarisch und zusammen.

Dr. Delal Atmaca ist Geschäftsführerin und Michiyo Fried ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Dachverband der Migrantinnen*organisationen – DaMigra.

DaMigra e.V.
DaMigra agiert seit 2014 als bundesweiter herkunftsunabhängiger und frauen*spezifischer Dachverband von derzeit über 70 Migrantinnen*organisationen und setzt sich bundesweit für ihre Interessen in Politik, Öffentlichkeit, Medien und Wirtschaft ein. Das Leitmotiv und zentrale Ziel ist Empowerment, was die gleichberechtigte politische, soziale, berufliche und kulturelle Teilhabe von Migrantinnen* am gesellschaftlichen Leben in Deutschland einschließt. Gleichermaßen geht es um die Bekämpfung von Rassismus, Sexismus und sozialer Ungleichheit. www.damigra.de