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Winter 4/2019

„Riot grrrls never die, every girl is a Riot grrrl!“

von Daniela Weißkopf

(aus WIR FRAUEN Heft 2/2019, Schwerpunkt: Girlpower)

So lautet der Ausruf einer revolutionär-feministischen Bewegung, die sich Ende der 1990er in Olympia, Hauptstadt des US-Staates Washington, entwickelte und sich unter dem Namen Riot grrrls schnell über die Landesgrenzen hinaus verbreitete. Auch wenn das Feuer, das die Riot grrrls entfachten, nicht lange brannte, haben sie vielen Frauen den Weg in die Musik geebnet und wirkt ihr Engagement bis heute nach.

Anfang der 1990er Jahre revolutionierte der Grunge, eine Mischung aus Rock, Punk und Metal die Musikszene. Mit „dreckig“ klingenden, verzerrten Gitarrentöne avancierten Bands wie Nirvana, Soundgarden oder Pearl Jam zu bekannten Musikgrößen. Jugendliche jeglichen Geschlechts fühlten sich in dem rebellischen Musikstil des Grunge zuhause. Der Sound war laut und hart und brachte das Publikum dazu, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Woran bei den Konzerten eigentlich alle Spaß haben sollten, war jedoch für viele Frauen ein Problem, da sie den pogenden Männern oft körperlich unterlegen waren. In der arte-Dokumentation „RIOT GRRRL“ erzählen die Mädchen davon, wie sie bei Konzerten nach hinten abgedrängt und geschubst wurden. Hinzu kam, so berichtet es Allison Wolfe, Sängerin der Band Bratmobile, dass die Mädchen das Gefühl hatten, dass viele ihrer Themen in den Texten der männlichen Grunge-Bands nicht auftauchten. So kam es, dass sich südlich von der Grunge-Hauptstadt Seattle in Olympia, Washingtons Hauptstadt, ein weibliches Pendant zur Grunge-Revolution entwickelte, ein feministisches wohlgemerkt. Für Bands wie Bikini Kill, Bratmobile oder Sleater-Kinney war der Punkrock das Sprachrohr, mit dessen Hilfe, sie ihre Wut über Sexismus oder Missbrauch loswerden konnten.

Ihre Musik war ein Protest und davon zeugen nicht nur die Liedtexte, sondern auch die Bühnenperformance. Auf alten Konzertaufnahmen tritt Kathleen Hanna, Sängerin der Band Bikini Kill, in Unterwäsche auf die Bühne und hat sich „Slut“ auf den Bauch geschrieben. Ein Mann, der versucht sie von hinten zu fotografieren, wird kurzerhand von ihr aus dem Saal geschmissen. Frauen und Mädchen forderte sie mit „All Girls to the Front“ dazu auf, sich an den Bühnenrand zu stellen, und es gab Konzerte nur für Frauen. Hanna berichtet in der Dokumentation von Männern, die sich von ihrer Art zu performen angegriffen fühlten und die Mädchen als männerhassende Feministinnen beschimpften. Für die Mädchen und Frauen, die ihre Konzerte besuchten, war es jedoch wichtig zu sehen, wie die Punker_innen auf der Bühne ungeniert auftraten. Das, was mit Musik angefangen hatte, wurde nach und nach zu einer Bewegung, deren Botschaften sich auch überregional verbreiteten. Mitte der 1990er Jahre gingen einige der Bands aus Olympia, unter anderem Bikini Kill und Bratmobil, nach Washington D.C. und schlossen sich dort dem Punktreff im Positive Force Haus an. Die Mädchen und Frauen, die sich dort trafen und vernetzten, begannen sich Riot Grrrls zu nennen. Sie bezeichneten sich bewusst als Mädchen, weil sie sich noch nicht als Frauen fühlten und gleichzeitig Mädchensein nicht als Schwäche, sondern Stärke begreifbar machen wollten. In einem feministischen Manifest riefen sie Mädchen dazu auf, ihre Stimmen zu erheben. In so genannten Fanzines, die auf die Band Bikini Kill zurückgehen, brachten sie ihre Forderungen in Umlauf. Die Riot Grrrls wurden schnell bei Plattenlabels und in der Presse bekannt. Magazine, Fernsehsender und Zeitungen berichteten über das Phänomen feministischer Musik und rückten vor allem die Frontsängerinnen einiger Bands in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Kathleen Hanna beispielsweise ist bis heute eine Gallionsfigur der Bewegung und das Lied „Rebell Girls“ von Bikini Kill wurde zur Hymne der Riot Grrrls. Die Bewegung blieb jedoch ein relativ kurzes Phänomen in der Presse. Das lag vor allem daran, dass die Mädchen sich entschlossen, die Medien zu boykottieren, weil sie mehr das Gefühl hatten, für eine Story inszeniert zu werden, als ihre Botschaften verbreiten zu können. Allison Wolfe singt in dem Lied „Brat Girl“: „Wir werden keine Presse-Lieblinge. Eher falle ich auf die Schnauze!“.

Feminist_innen als Wegbereiter_innen
Die Mädchen, die zur Graswurzel-Bewegung der Riot Grrrls gehört hatten, verschwanden von der Bildfläche und ihr Geist lebte im Kommerzkäfig weiter. „Girl Power“ – einst Titel eines Fanzines von Bikini Kill – wurde zum Slogan der Spice Girls. Der feministische Ursprung der Girl Power aber verblasste. Es folgten die Musikerinnen meiner Jugend, der Millenial Generation. Sängerinnen wie Avril Lavigne, Christina Aguilera oder Gwen Stefani waren sicherlich keine Zugpferde des Feminismus. Dennoch boten sie eine Möglichkeit, sich mit Frauen zu identifizieren, die einige Klischeezonen verließen. Mir hat das geholfen, unterschiedliche Sichtweisen auf Frauen zu bekommen, eingeschränkt zwar, aber dennoch in einem wichtigen Aspekt – der äußerlichen Abgrenzung. Mit Nietenarmbändern rumlaufen, sich die Augen schwarz schminken, Krawatte tragen: All das waren Ausdrucksformen, die halfen, sich gängigen Schönheitsidealen zu widersetzen – auch wenn sie das Patriarchat nicht im Kern angriffen, sondern nur oberflächlich verlangten, eine facettenreichere Gestaltung von Weiblichkeit zuzulassen.

Es war ein starkes Bild, als Avril Lavigne bei den MTV Video Music Awards mit untypischer Kleidung für eine junge Frau und gitarrenspielend als Leadsängerin einer ansonsten männlich besetzten Band ein Konzert gab. Ihr Auftreten war cool und das machte es auch für Mädchen möglich, sich auszutoben, was ihr Äußeres anging. Zugegebenermaßen fällt es schwer, daran etwas wirklich Feministisches zu erkennen, zumindest im Sinne des Feminismus als Drang nach Gleichberechtigung der Geschlechter.

Ein Mädchen, das ihren eigenen Kleidungsstil ausbildete, wurde weiterhin mit dem, was als männlich galt, verglichen. Baggy Pants, so wie sie in der Skater- und Hip-Hop-Szene von Jungs getragen wurden, wurden zu “Boyfriend”-Hosen, als Mädchen anfingen, darin rumzulaufen. Ein Skatergirl war gleichzeitig ein Tomboy, also ein Mädchen, das sich wie ein Junge verhält. Geschlechter-Schubladen wurden also keinesfalls aufgesprengt. Ein unkonventioneller Kleidungsstil wie der von Avril Lavigne wurde akzeptiert, galt aber weiterhin als “mädchenuntypisch”. Mädchen, die Skaterkleidung trugen, waren nicht einfach normale Mädchen, sondern eher eine Art Jungen. Alles, was von diesem Bild jedoch wieder abwich, wurde erklärungsbedürftig. Das wurde zum Beispiel deutlich, als die Sängerin Lavigne einen zunehmend glamouröser werdenden Stil entwickelte und sich dafür rechtfertigen musste. Plötzlich trug sie einfach ein Kleid oder hohe Schuhe, war also eher „ladylike” gekleidet – und das passte so gar nicht zu ihrem Tomboy-Image. Ohne politische Message wie bei den Riot Grrrls brachten die punkigen Pop-Queens die Welt der geschlechtsspezifi schen Stereotype nicht wirklich ins Wanken. Trotzdem haben Feminist_innen wie die Mädchen der Riot Grrrl-Bewegung den Weg geebnet, um als Frau in Musikgenres wie Punk, Rock und Hip-Hop, die lange als nicht mädchenhaft galten, weil rebellisch, vulgär und rüpelhaft, erfolgreich sein zu können. Und nicht nur das: Inzwischen ist auch feministische Musik kein Nischenphänomen mehr. Direkte Anhängerinnen der Riot Grrrl-Bewegung wie Gossip oder die Pussy Riots, aber auch Frauen wie Sxtn, die sich nicht in erster Linie als Feministinnen sehen, feiern musikalische Durchbrüche. Allerdings scheint es für viele auch heute noch etwas Besonderes zu sein, wenn beispielsweise junge Frauen als Rapperinnen erfolgreich sind. Das deutsche Rap-Duo Sxtn ist dafür ein Beispiel.

sxtn1
Während die Texte ihrer männlichen Kollegen eher wegen Sexismus diskutiert werden, heißt es bei Sxtn, das sind Juju und Nura, dass ihre Texte für Frauen-Rap ja schon sehr provokant seien. In einem #waslos-Interview mit hiphop.de sagen die beiden, es sei nicht ihr Ziel, zu provozieren, sondern Musik zu machen, die ihnen persönlich gefällt. In ihrem Leben habe Hip-Hop eine wichtige Rolle gespielt und sie hätten einfach irgendwann festgestellt, besser zu rappen als die meisten ihrer männlichen Freunde. Dieses Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Talent annehmen und einfach ihr Ding durchziehen, in diesem Fall zu rappen, kann für viele Mädchen inspirierend sein – und das, obwohl sich Sxtn nicht als Feminist_innen erklären und betonen, dass sie Musik machen „ohne Druck zu fühlen“ und keine Lust haben, immer wieder über ihre Rolle als Frau zu reden. Trotzdem ist es verständlich, dass manch eine_r danach lechzt, ihre Videos (z.B. zum Track „Fotzen im Club”) und Lieder („Hass Frau”) feministisch zu verstehen, denn Juju und Nura rappen über sexuelle Gleichberechtigung und Selbstbestimmung.

“Du rappst wie ein Player, doch du bist es nicht
Denn wenn du kommst und sie nicht, hat sie dich gefickt”
(Song: Ausziehen)

Er will Sex
Du willst mich ficken
Aber du darfst es nicht, weil ich`s verbiete
Ich bin zu für dich!
Du willst an meine Titten
Aber du darfst es nicht, weil ich`s verbiete
(Song: Er will Sex)

Die Aufregung über ihre Musik zeigt, dass rappende Frauen anscheinend immer noch etwas Besonderes sind. In dem gleichen Interview mit hiphop.de sagt Juju, am besten sei, „einfach zu machen, was man mag und sich nicht dafür zu verteidigen, dann wird, was man tut, ‚normal‘“. Sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, kann die Selbstverständlichkeit stören, mit der frau ihr „Ding” unabhängig von Geschlechterrollen gemacht hat.

Vom Vermächtnis früherer Feministinnen zu profitieren und selbst feministische Ideen zu verbreiten funktioniert also ganz gut, ohne sich selbst als feministisch zu bezeichnen. Da stellt sich die Frage, warum immer noch viele Frauen und Mädchen es ablehnen, sich Feministin zu nennen, und warum das Gefühl entsteht, sich als Frau für feministische Texte rechtfertigen zu müssen. Was die Musik von Künstler_innen über ihr Bild der Geschlechter aussagt oder ob sie eine feministische Message hat, wäre doch eigentlich eine interessante Frage für jede_n Künstler_in, nicht nur für Frauen, die sich in einem bisher männlich geprägten Genre wie dem HipHop bewegen. In der arte-Dokumentation über die Riot Grrrls sagt Lauren Mayberry von Chvrches, es mache sie traurig, wenn sie eine Frau sagen hört: Ich bin keine Feministin. „Das, was sie dann sagt, macht sie vermutlich zu einer. Trotzdem hat sie Angst, einen Stempel verpasst zu bekommen. Das wird sich nicht ändern, wenn Leute Feminismus nicht als das verstehen, was er ist: das Streben nach Gleichberechtigung.“ Catherine Connors schreibt in ihrem Artikel „Why I Refuse To Call My Daughter A Tomboy“, dass Feminismus für sie der Glaube daran sei, dass jede_r die Freiheit hat, zu definieren, wer er_sie ist, ohne sich durch das Geschlecht beschränkt fühlen zu müssen. Wer sich mit diesen Definitionen identifizieren kann, kann sich vielleicht auch fragen, was sie_ihn davon abhält, sich als Feminist_in zu bezeichnen.

1 Das Duo hat sich Ende des Jahres 2018 musikalisch getrennt.