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Frühjahr 1/2024

Rechte Frauen gegen Frauenrechte

Wie Konservative gegen progressiven Feminismus mobil machen

von Annegret Kunde und Florence Hervé

(aus WIR FRAUEN Heft 1/2023)

Ein internationaler Trend zeichnet sich ab: Frauen gewinnen in verschiedenen Ländern Einfluss in konservativen und rechten Parteien und nehmen Führungs- und Regierungsämter ein. Dabei vertreten sie häufig auch antifeministische Positionen und machen vor allem gegen progressiven und linken Feminismus mobil. Teilweise lehnen sie Feminismus ganz ab oder beteuern im Gegenteil, den „wahren“ Feminismus zu vertreten.

Dabei greifen sich „rechtsstehende Frauen jene historischen Momente oder Aspekte des Feminismus heraus, die bequem für sie sind und zu anderen ideologischen Elementen“ passen, erläutert Marianthi Anastasiadou in einem Beitrag des Gunda-Werner-Instituts. So behaupten rechtskonservative Frauen, „dass der Feminismus in der Vergangenheit möglicherweise für Frauenrechte gekämpft und sogar einiges erreicht habe, dass aber die feministische Kritik und die feministischen Forderungen heute keine Gültigkeit mehr hätten.“ Anastasiadou erklärt weiter: „Verweise rechtsextremer Frauen auf Rechte sind oftmals rassistischer Natur und befördern Nationalismus, Heteronormativität und Geschlechtersegregation“.

Demonstration gegen die gleichgeschlechtliche Ehe in Paris am 13. Januar 2013 („Manif pour tous“). Die Frauen sind als Marianne, ein Symbol der Französischen Republik, gekleidet und halten Ausgaben des französischen Bürgerlichen Gesetzbuchs. Bild: Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, CC-BY 2.5

In Frankreich versammelten sich 2013 fast eine Million Menschen zur „Manif pour tous“ (Demo für alle) und demonstrierten gegen die Ehe und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Seitdem entstanden über ein halbes Dutzend rechte Frauengruppen, die sich z.T. feministisch nennen. Sie lehnen Abtreibungen, „Homoehen“ und Genderpolitiken ab und mobilisieren gegen nicht-europäische Migration.

So plädieren die „Caryatides“, bei der Nationalpartei PNF angesiedelt, für einen weiblichen Nationalismus – heterosexuell und christlich – und für eine „natürliche Ordnung“, sprich eine Komplementarität der Geschlechter. Dabei seien Frauen die Stütze der Familie. Die „Caryatides“ setzen auf „Heimat, Familie und Religion“ – die vom Kollaborateur Pétain propagierten „Werte“.

Der „Cercle fraternité“ der rechtsextremen Marine Le Pen (Front National, heute RN) setzt sich seit 2016 für einen weißen Feminismus mit nationaler Identität ein: Frauen werden nicht mehr allein als Hüterin des Herdes betrachtet. Gefordert wird das Recht der Frauen auf Schutz des eigenen Körpers, und Migranten werden für Gewalt gegen Frauen verantwortlich gemacht.

Ähnlich argumentieren auch die Frauengruppe „Belle et Rebelle“ mit ihrem identitären „femininen Spaßfeminismus“ und das nonkonformistische „Collectif Nemesis“. Nicht das Patriarchat sei der Feind, sondern die Migranten. Die „Antigones“ (seit 2013) wollen Emanzipation durch Unterordnung unter ein „Naturgesetz“. Der Frauenkörper müsse dem Einfluss des Staates entzogen werden. Dementsprechend werden Familienplanung und Abtreibungsrecht als gesetzliche Gewalt und Unterdrückungsmechanismen abgelehnt.

So bewegen sich die „neuen“ Frauengruppen zwischen Antifeminismus und Femonationalismus – einer Instrumentalisierung feministischer Diskurse für völkisch-nationalistische Zwecke. Sie lehnen eine patriarchatskritische Frauenemanzipation ab und machen die nicht-europäischen männlichen Migranten verantwortlich für Gewalt gegen Frauen. Damit üben sie einen nicht zu unterschätzenden politischen wie medialen Einfluss aus. Zu diesem Schluss kommt die französische Politikwissenschaftlerin Magali Della Sudda in „Les Nouvelles Femmes de Droite“ (Marseille 2022).

Auch im konservativen Spektrum der USA gewinnen Frauen an Einfluss und erkämpfen sich ihren Platz in der Republikanischen Partei. Die US-Korrespondentinnen Annett Meiritz und Juliane Schäuble gehen dem Phänomen in ihrem Buch „Guns n‘ Rosé“ (2022) nach. Das Spektrum der Konservativen reicht dabei von Moderaten, die den Rechtsruck ablehnen, bis hin zu Radikalen, Verschwörungsidiologinnen und Nationalistinnen. Es sind vor allem letztere, die den Diskurs dominieren. Eine Untersuchung der Politikwissenschaftlerin Chatherine Wineinger zeigt, dass Kongressabgeordnete beider Parteien ideologisch extremer sind als in den Jahrzehnten davor. Studien verdeutlichen, dass gemäßigtere Kandidatinnen seltener Wahlen gewinnen und moderat aufzutreten gerade für Frauen nachteilig wirkt.

Beim TV-Sender Fox News tragen Frauen wie Laura Ingraham zu Desinformation und populistischer Meinungsmache gegen transgender Personen und „woken“ Feminismus bei. Auch über Social Media finden konservative und rechte Influencerinnen immer mehr Gehör.

Besonders umkämpft war im letzten Jahr das Thema Schwangerschaftsabbruch. Die Historikerin Mary Ziegler zeigt auf, dass die meisten Anti-Abtreibungsorganisationen in den USA von Frauen geführt werden. Sie verweisen teilweise auf den eigenen Karriereerfolg als Mütter: Die Emanzipation sei erreicht und ermögliche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein Recht auf Abtreibung sei damit also nicht mehr zu begründen.

In Italien wurde Giorgia Meloni zur ersten Ministerpräsidentin des Landes gewählt. Sie ist seit 2014 Vorsitzende der rechtsextremen Partei Fratelli d’Italia („Brüder Italiens“). Für ihre Unterstützerinnen gilt ihr Wahlsieg als klarer Beweis für Gleichberechtigung. Im Laufe ihrer Karriere hat Meloni ihren Status als Außenseiterin und ihre Erfolge gegen Widerstände immer wieder betont. Zugleich hat ihre Partei gegen Vorschläge zum Schutz von Frauen vor Diskriminierung und Gewalt gestimmt, weil sie gegen die „Gender-Ideologie“ eintritt.

Meloni äußert sich selbst öffentlich gegen Feminismus und Quoten-Regelungen. Sie erklärte, dass sie nicht vorhabe, das italienische Abtreibungsgesetz abzuschaffen, aber Programme auf den Weg bringen will, um die Anzahl der Abtreibungen zu senken. Tausende von Frauen protestierten daraufhin in ganz Italien für den Erhalt ihrer Rechte.

Auch in Deutschland erhalten antifeministische Argumente in den letzten Jahren mehr Zuspruch. Laut Leipziger Autoritarismus-Studie stimmten 17,9 Prozent der in 2020 Befragten der Aussage zu: „durch den Feminismus werden gesellschaftliche Harmonie und Ordnung gestört“. 2022 waren es acht Prozent mehr. Die Studie verdeutlicht, dass konservative Tendenzen in Krisenzeiten zunehmen. Traditionen und ein Rückgriff auf „die Natur“ sollen wieder für Sicherheit sorgen. Eine vermeintlich natürliche Geschlechter- und Gesellschaftsordnung solle dann nicht hinterfragt werden.

Die Soziologin Rebekka Blum gründete 2020 das Netzwerk femPI (feministische Perspektiven und Intervention gegen die (extreme) Rechte). In einem Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung kommt sie zu dem Schluss: „Antifeminismus ist zentraler Bestandteil konservativer bis (extrem) rechter Ideologien.“ Dabei befasst sie sich besonders mit antifeministischer Politik der rechtsextremen AfD.

Über die Rolle von Frauen in der AfD äußert sich der Sozialpsychologe Rolf Pohl in einem Interview: „Frauen [können] auch sehr konservative, familientraditionalistische, fundamentalistische Positionen vertreten, die sich eigentlich gegen die eigenen Interessen richten. Sie können sich an diesem Geschäft der Selbstunterdrückung beteiligen, und dann sagen, ‚seht her, wie erfolgreich wir sind‘. Alice Weidel ist ein Beispiel. Dass Frauen sich an diesem Geschäft beteiligen, ist bitter, zeigt aber, dass Frauen durchaus auch Teil dieses ganzen strukturellen Systems sind und eben auch an der Aufrechterhaltung interessiert sind.“