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Winter 4/2022

Podcast-Rezension: Das Patriarchat hat Gästeliste

von Tina Berntsen

(aus WIR FRAUEN Heft 2/2022: Kritik)

Diversität gehört zum Selbstverständnis der elektronischen Musik- und Clubkultur. Die Szene versteht sich als aufgeschlossen, inklusiv, emanzipatorisch – ein diskriminierungsfreier, toleranter Ort für jede*n. Dass patriarchale Machtstrukturen auch in diesem vermeintlich progressiven Raum herrschen, davon berichtet „Das Patriarchat hat Gästeliste“.

In dem dreiteiligen Podcast sprechen Autorin Lea Schröder vom elektronischen Musikmagazin Groove und DJ Judith van Waterkant über Sexismus in der Clubszene. Es ist vor allem ein sehr persönlicher und ehrlicher Erfahrungsbericht von Judith van Waterkants Werden zur DJ – und zeitgleich zur feministischen Aktivistin.

In Teil 1 spricht sie über ihren Weg zum Auflegen, über sexistische Glaubenssätze, die auch sie verinnerlicht hatte so wie sie „an den Weihnachtsmann geglaubt hat“, über sexistische Verhaltensmuster und Abwertungen, die ihr als weibliche Künstlerin begegnet sind und Quotenfrau-Bookings.

Teil 2 gibt einen Einblick in ihre Erfahrungen als Aktivistin und wie sich die unbezahlte Bildungsarbeit, die sie leistet, auf sie auswirkt. Ein DJ-Kollege sagte ihr einmal, ihr Engagement sei beeindruckend – ihm sei seine Zeit zu schade dafür. „Ich könnte mich viel mehr aufs Musikmachen konzentrieren, wenn ich nicht diese unfreiwillige Aktivistin wäre“, so die DJ. Es geht außerdem um sexualisierte und digitale Gewalt. Die DJ berichtet über Hass- und Drohnachrichten, weil sie nicht schweigt, sondern Missstände anspricht und damit „die Szene spalte“.

Der dritte Teil der Reihe zeigt auf, was getan werden muss, um die Missstände zu überwinden – von konkreten Handlungstipps für Veranstalterinnen, Clubs, Crews, DJs und Gästinnen bis hin zur kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Macht und Diskriminierung.

Dass die beiden Sprecherinnen im feministischen Leipziger Netzwerk fem*vak aktiv sind, ist zu hören. Begriffe wie Patriarchat oder FLINTA* werden zu Beginn erklärt, oder es wird darauf hingewiesen, dass die geschilderten Erfahrungen nur einen winzigen Teil der Diskriminierungserfahrungen abbilden, „die DJs aufgrund ihrer zugeschriebenen Merkmale in ihrem Berufs- und Lebensalltag machen“. Die persönlichen Erfahrungen, von denen Judith van Waterkant erzählt, werden durch die Groove-Autorin kommentiert und als strukturelle Benachteiligungen im Patriarchat anhand von Studien eingeordnet.

Damit leistet der Podcast selbst Bildungsarbeit und ist unabhängig vom Musikgeschmack hörenswert für jede*n, denn das hier gehörte, lässt sich sicherlich auf andere Genres übertragen.

Ein Podcast, der wütend macht, auf eine gute Weise. Judith van Waterkant berichtet offen, wie belastend und schmerzhaft die Kämpfe gegen die patriarchalen Zustände in der Clubszene sind. Es ist ein selbstermächtigender Lernprozess, an dem Hörer*innen teilhaben. Die 2,45 Stunden der drei Folgen habe ich in einem Rutsch durchgehört.

Online zu finden auf der Groove-Webseite. Auf der Seite gibt es auch einen Link zu den Quellen und weiterführender Literatur.