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Herbst 3/2020

Hexenglaube

von Melanie Stitz und Tina Berntsen

(Einleitung aus WIR FRAUEN Heft 3/2020)

„Hexen gibt es nicht!“ – darüber waren wir uns beim Redationstreffen schnell einig. Zugleich begegnen sie uns überall, gar zunehmend in den letzten Jahren, so unser Eindruck.

Jugendliche in den 2000er Jahren wuchsen mit Serien wie „Sabrina – Total Verhext!“, „Charmed – Zauberhafte Hexen“, den Abenteuern von Bibi Blocksberg oder der Zauberwelt aus Harry Potter und der hochbegabten Hexe Hermine Granger auf. Netflix produzierte gar ein Remake der Serie um die Hexe Sabrina. Auf Instagram sind unter Hashtags wie #witchesofinstagram, #greenwitch oder #witchyvibes Tipps für Selbstheilung und Selbstfindung, die innere Ruhe oder das Sammeln positiver Energien zu finden. Die Bilder sind klischeebeladen mit Kerzen, Kräutern, Steinsammlungen und gestylten Social-Media-Hexen, oftmals apolitisch, esoterisch und kommerziell aufbereitet. Das Geschäft mit stylischem Zubehör, modischen Looks und Lebenshilfe floriert. In Wien gibt es gar eine „moderne Hexenschule“, die Ausbildungen anbietet, um „als moderne Hexe persönlich, online und telefonisch den Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen und ortsungebunden Geld damit (zu) verdienen“.

Hexen wurden vor allem in den 1970/80er Jahren und heute wieder vermehrt von Teilen der Frauenbewegung als Symbolfigur gegen das Patriarchat genutzt. Zwecks Provokation, als Antwort auf bigotte Rechtskonservative, um Gewalt anzuprangern oder um für reproduktive Selbstbestimmung zu streiten, inszenieren sich Aktivistinnen als Hexen. Feminist*innen eignen sich damit widerständig das Bild der Hexe an und versehen es mit einer eigenen Erzählung von Hexen als machtvolle, eigensinnige, unbequeme Frauen, mit denen nicht zu spaßen ist. BITCHES & WITCHES lautete z.B. der Titel eines Festivals in Wien 2019 – ein „Aufruf zur radikalen queer-feministischen Gesellschaftskritik an einem Status quo, in dem politische und soziale Repressionen Normalität geworden sind“. Eingeladen waren alle, „die gegen toxische Macht- und Dominanzstrukturen kämpfen“.

Als Stigma und zur Diffamierung ist die Erzählung von der bösen Hexe bis heute wirkmächtig – mit schwerwiegenden, mitunter gar tödlichen Folgen. Wörter töten nicht. Doch oft genug wiederholt, können aus Lügen und Spekulationen vermeintliche Wahrheiten, Hass und auch Taten werden. So können Herabwürdigung und Entmenschlichung, Hetz- und Hasskampagnen nicht nur Karrieren zerstören, sondern auch heute noch Menschenleben.

Opfer von „Hexenjagden“ zu sein, behaupten gerne auch Täter, die sich z.B. verfolgt sehen von Feminist*innen (siehe die #metoo-Debatte) oder kritischen Medien (siehe Trump). Ab 1935 ließ Heinrich Himmler Archive und Bibliotheken durchforsten, um eine „Hexenkartothek“ anzulegen. Er wollte „beweisen“, dass die Hexenverfolgung eine jüdisch-katholische Verschwörung zur Vernichtung der „altgermanischen Kultur“ und also ein „Verbrechen am deutschen Volk“ gewesen sei.

Auf den kommenden Seiten wollen wir weder dem Hexenglauben noch der Romantisierung Vorschub leisten, sondern nach der „Auftreffstruktur“ oder dem Nährboden fragen, auf denen Hexenglaube, Verfolgung und Selbstinszenierung als Hexe gedeihen. Oft liegen dem Vorwurf der Hexerei Neid und Gier zugrunde und geht es um Bereicherung, Enteignung und Machtgewinn. Zudem sind Vorurteile, Ohnmacht und Verunsicherung starke Motive: Irgendjemand muss Schuld haben an schlechter Ernte, Naturkatastrophen und Krankheit, dafür bestraft werden.

Waren Frauen, vor allem Hebammen und Heilerinnen, tatsächlich einmal eine so große Gefahr für die Mächtigen, dass sie verfolgt werden mussten, wie Teile der Frauenbewegung behaupten? Mitunter scheint es darum zu gehen, real erfahrene Ohnmacht mit imaginierter weiblicher Allmacht zu lindern oder zu leugnen. Sich dazu mit den Opfern von Verfolgung und Mord zu identifizieren oder sich als deren Nachfolger*innen zu bezeichnen, ist ein zweischneidiges Schwert – vor allem, wenn dazu die Geschichte verbogen werden muss. Gleichwohl funktioniert die Hexe ganz trefflich als Provokation, vor allem in den USA, wo evangelikale Bewegungen stark sind und manch ein Republikaner tatsächlich glaubt, im Namen des Herrn gegen den Satan zu kämpfen. Nicht zuletzt können Hexen auch eine Projektionsfläche sein für die Sehnsucht nach Freundinnenschaft (im gemeinsamen Hexenzirkel), nach Verbundenheit mit der Natur, nach Anders-Sein-Dürfen, Sinn und Spiritualität in einer kalten, vorgeblich rationalen und gnadenlos ökonomisierten Welt.

Klara Schneider hat Fakten, Forschungsstände und offene Fragen zur historischen Hexenverfolgung zusammengetragen, die manches Klischee in anderem Licht erscheinen lassen. Annegret Kunde berichtet über Hexenverfolgung weltweit, hier und heute, mit tödlichen Folgen, für Frauen und Kinder – Menschenrechtsverletzungen, gegen die auch die UN vorzugehen versucht. Anna Schiff schreibt über „magischen Mädchenkram“, mit dem Mädchen auch ein durchaus feministisches Begehren nach einer anderen Welt artikulieren, das ernstgenommen werden will. Daniela Weißkopf erzählt davon, wie Frauenbewegungen sich hier und andernorts, damals und heute das Symbol der Hexe für politische Zwecke aneignen. Tina Berntsen hat sich auf die Suche nach Frauen gemacht, die als Hexen bezeichnet werden, und stieß u.a. auf Helen Duncan aka „Hellish Nell“. Um ein kriegswichtiges Geheimnis, die Landung der Alliierten, zu schützen, wurde die Schottin, die sich ihr Geld als Medium verdiente, 1944 wegen Verletzung des britischen Hexengesetzes von 1735 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Weitere „Hexensichtungen“ waren, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Hillary Clinton, Angela Merkel, Alice Schwarzer, Verena Brunschweiger (Autorin der Bücher „Kinderfrei statt kinderlos“ und „Die Childfree-Rebellion“), Michelle Obama, Theresa May, Margaret Thatcher, Condoleezza Rice, Julia Gillard, Gertrude Abercrombie, Michele Bachmann, Adam Schiff, Nancy Pelosi und Jerry Nadler (die Protagonist* innen im Impeachment Verfahren gegen Trump). Tina Berntsen stellt weitere mit Steckbriefen vor – mit ihnen illustrieren wir die kommenden Seiten.