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Winter 4/2019

Feminismus für die 99% – ist das neu?

von Daniela Weißkopf und Melanie Stitz

(aus WIR FRAUEN Heft 4/2019, Schwerpunkt: Utopien)

Nancy Fraser ist eine der bekanntesten Philosophinnen und Feministinnen der USA und lehrt an der New School in New York, wie ihre Kollegin, die italienische Philosophin Cinzia Arruzza. Tithi Bhattacharya ist Professorin für südasiatische Geschichte an der Purdue Universität in den USA. Gemeinsam veröffentlichten sie Anfang dieses Jahres ein Manifest, in dem sie für einen klassenbewussten „Feminismus für die 99 %“ plädieren, der an Solidarität zwischen Feminist_innen und die Abschaffung der kapitalistischen Grundordnung gekoppelt ist. Die Bewegung, auch F99-Bewegung genannt, entwickelte sich im Rahmen des Women’s March 2017, der kurz nach der Amtseinführung des US-Präsidenten Donald Trump zustande kam. Gemeinsam mit anderen Feminist_innen und Aktivist_innen beschrieben die drei Autorinnen im Februar 2017 im Viewpoint Magazine, wie sich eine Welle einer neuen globalen feministischen Bewegung bilde. Diese müsse sich gegen neoliberale Strukturen richten, die in direktem Zusammenhang mit Geschlechterungleichheit, Gender-Diskriminierung und Ausbeutung von Frauen und Minderheiten stehen. In dem F99-Manifest geht es vor allem um die systematische Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen durch ein imperiales und kapitalistisches Wirtschaftssystem. 

Die Autorinnen sind nicht nur von aktuellen, sondern auch von vergangenen feministischen Protestbewegungen inspiriert. Sie lehnen sich an die elf Thesen von Karl Marx über Feuerbach an oder auch an die „Brot und Rosen“-Parole des Textilfabrikarbeiterinnen-Streiks 1912 in Lawrence. Damit wendet sich das Manifest gegen einen liberalen Feminismus, der den Autorinnen zufolge, vorherrsche, und sich in z.B. in der ehemaligen US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton oder der Co-Geschäftsführerin von Facebook Sheryl Sandberg zu erkennen gebe. Frauenquoten an den Spitzen von Unternehmen und Aufsichtsräten seien nur eine Förderung ohnehin schon privilegierter Frauen. Sie richteten sich an einen kleinen Prozentteil der Frauen, das so genannte 1%. Damit trügen sie nur scheinbar zu Geschlechterparität bei, denn die systematische und strukturell hervorgebrachte Ungleichheit würde dadurch nicht angegriffen. Die restlichen 99 % der Frauen müssten somit weiterhin tagtäglich gegen Unterdrückung und Ausbeutung kämpfen. Laut der Autorinnen stehe der Feminismus aktuell an einer Weggabelung zu einem der gesellschaftlichen Ordnung angepassten „Lean in“-Feminismus, so wie ihn Sheryl Sandberg 2013 beschrieb, einerseits und einem antikapitalistischen, antirassistischen und klassenbewussten Feminismus andererseits. Erst wenn der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und der Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen Rechnung gezollt wird, könne die Utopie einer gleichen und gerechten Gesellschaft verwirklicht werden. Um dies zu erreichen, plädieren die Autorinnen für die transnationale und globale Vernetzung von Bewegungen, die nach Ähnlichem wie F99 streben.

Dabei zeichnen Arruzza, Bhattachary und Fraser ein Bild der radikalen Frauenbewegungen, die 1848 mit den „Brot und Rosen“-Protesten anfangen und ein kurzes Aufflackern in den 1970er Jahren erleben, dann quasi dem Stillstand erliegen und erst jetzt ihr ganzes Potential in Form von Massenbewegungen (ein wiederkehrendes Beispiel sind die „Ni una menos“-Proteste in Argentinien) entfalten. So schreiben sie, am 8. März 2017 hätten „die Streikenden die beinahe vergessenen Ursprünge des Feiertags in der Geschichte eines in der Arbeiterklasse verankerte sozialistischen Feminismus widerbelebt“ (S. 16), und später: „Diese neue Bewegung hat neue Streikformen entwickelt und den Streik zum Träger einer neuen Form von Politik gemacht. Indem sie die Arbeitsniederlegung mit Märschen, Demonstrationen, der Schließung kleinerer Unternehmen, mit Blockaden und Boykotten verbindet, erweitert die Bewegung das Repertoire an Streikaktionen.“ (S. 17). Die Autorinnen klammern jedoch aus, dass auch in der Zwischenzeit zahlreiche feministische und antikapitalistische Kämpfe stattgefunden haben und dass es auch schon vorher kreative Formen feministischer Streiks gegeben hat. Es wurde nicht nur vor Einführung des Internationalen Frauentags am 8. März 1917 gestreikt, sondern auch nach den beiden Weltkriegen. In Island legten 1975 etwa 90 % der Frauen ihre Arbeit nieder, 1979 erstritten deutsche Arbeiterinnen ein Urteil gegen Lohndiskriminierung, 1991 erregten eine halbe Million streikender Frauen in der Schweiz internationale Aufmerksamkeit und nahezu vergessen ist der eine Millionen starke Frauenstreik 1994 in mehreren deutschen Städten. Da stellen sich beim Lesen des Manifests Fragen wie: Warum wird so wenig an die langen Jahre radikaler Frauenkämpfe erinnert? Wieso mobilisieren feministische Proteste plötzlich massenhaft Frauen, die nun auf die Straße gehen? Warum mutiert Feminismus – in Teilen – zum neoliberalen Mainstream? Aber auch: Inwiefern konnten radikale, kapitalismuskritische Ansätze dennoch überdauern? Aus welchen Gründen gewinnen sie heute an Stärke? In dem Manifest werden diese Fragen nicht gestellt. Das derzeitige Erstarken erscheint wie ein Wunder, irgendwie aus der plötzlichen Einsicht der vielen geboren, dass „es so nicht weitergehen kann“. So lässt sich aus der Geschichte wenig lernen.

Den Siegeszug des neoliberalen Kapitalismus erklären die Autorinnen nahezu ausschließlich mit Unterdrückung. Sie argumentieren anschaulich, inwiefern „das Gros der von Frauen geleisteten Lohnarbeit dezidiert nicht befreiend“ sei (S. 95). Wenn aber die 99 % der Menschheit tatsächlich nichts zu verlieren haben als ihre Ketten, dann stellt sich die Frage, warum die Verhältnisse nicht längst schon über den Haufen geworfen sind. Offen bleibt die für die politische Praxis so wichtige Frage, auf welche Weise und aus welchen Gründen die Marginalisierten immer wieder Entscheidungen treffen (müssen), die sie in den Verhältnissen festhalten. Die Dramatik und den Ausbeutungscharakter globaler Sorgeketten beschreiben die Autorinnen z.B. in deutlichen Worten. Zugleich aber haben Erfahrungen der (Arbeits-)Migration viele Facetten. Viele Migrant_innen fordern denn auch ein, nicht als „Opfer“, sondern auch als Akteur_innen wahrgenommen zu werden, die unter nicht selbst gewählten Bedingungen mutige Entscheidungen getroffen haben. Und es bleibt ein Dilemma: In diesen Verhältnissen ist, keine Lohnarbeit zu haben, auch keine Lösung. Das Ringen um die Widersprüche, Ungleichheiten und Differenzen innerhalb der 99% ist oft schmerzhaft, aber wichtig, um Allianzen zu gründen und unsere verschiedenen Perspektiven und Erfahrungen in gemeinsame Stärke zu wenden. Das Manifest ist ein Appell, diesen Weg weiter zu gehen und dabei stets den grundlegenden Widerspruch zwischen dem 1% und den 99% im Blick zu behalten.

Es lohnt sich, Ansätze und Argumentationen zum Beispiel Rosa Luxemburgs, Clara Zetkins oder auch Frigga Haugs Arbeiten zum Herrschaftsknoten und unseren eigenen Verstrickungen, in die wir uns aktiv selbst hineinarbeiten, zu studieren. Um dem „Lean-in“- Feminismus – wie es die Autorinnen nennen – entgegenzuwirken, braucht es auch Geschichtsbewusstsein. Auch die vermeintlich kleinen Kämpfe, die kontinuierliche Maulwurfsarbeit wider die Verhältnisse, das mühsame Ringen um Hegemonie, den langen Atem immer viel zu weniger – all das gilt es zu erinnern und daraus zu lernen. Nicht nur, um wertzuschätzen, welche Früchte wir von unseren Vorkämpferinnen ernten, sondern auch, um auf Erfahrungen aufbauen zu können und weiterführende Fragen zu stellen, die helfen, zu verstehen, was es braucht, um das Potential einer globalen feministischen Welle zu nutzen. Sonst können wir den Feminismus der 99% zwar akklamieren, aber nur schwer gestalten und gewinnen.