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Winter 4/2020

Die Hexe als Ausdrucksform sozialer Bewegungen

von Daniela Weißkopf

(aus WIR FRAUEN Heft 3/2020, Schwerpunkt: Hexenglaube)

Nehmt eure Kreuze aus unserem Uterus

Weltweit inszenieren sich politische Aktivist*innen in Hexenkostümen, selbsternannte Hexen in den USA verfluchen Donald Trump auf Twitter und Wissenschaftlerinnen fragen, wie die Hexenverfolgung, das Frauenbild noch heute prägt. Die Hexenfigur ist als Teil sozialer Bewegungen jedoch nicht neu und es stellt sich die Frage, wieso sie gerade jetzt wieder interessant erscheint und Frauen dazu einlädt, sich mit ihr zu identifizieren.

Bis heute ist „Hexe“ eine Beleidigung für eine böswillige und gemeine Frau. „Der Begriff Hexe vereint das, was Frauen nicht sein sollen: hässlich, aggressiv, unabhängig und böse“, sagt die Religionswissenschaftlerin Cynthia Eller. Mit der modernen Frauenbewegung wurden der Figur der Hexe aber auch positive Attribute zugeschrieben. Im Jahr 1921 erschien Margaret Alice Murrays Buch „Hexenkult in Westeuropa“. Es zeichnet ein verändertes Bild von Hexen, die nämlich nicht von Herrschenden verfolgt werden, weil sie durch Schattenzauber anderen Schaden zufügen, sondern durch ihre Weisheit und ihr Wissen über die Natur, religiösen Staatsmächtigen überlegen und damit für sie gefährlich seien. Der Hexenkult wurde zur heidnischen Auflehnung gegen die christliche Unterdrückung und zur Grundlage der in den 1920er Jahren entstandenen Hexenreligion Wicca, die sich von den Kontrollmechanismen des Patriarchats befreien wollte.

Ende der 1960er und in den 1970er wurde das Hexentum dann Teil politischen und feministischen Aktivismus. Verschiedene feministische Gruppen weltweit nutzen für ihre Protestaktionen Hexenkostüme oder Rituale. 1967 demonstrierten die als Hexen verkleideten „Yippies“ in den USA gegen den Vietnamkrieg, 1968 als Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell – W.I.T.C.H. gegen den US-amerikanischen Präsidenten Nixon. Nachts schlichen sie sich in die Banken der Wall Street und verklebten Türen, sodass die Banker morgens nicht in die Gebäude kamen, oder belegten die US-Börse mit Flüchen. Am nächsten Tag brachen kurzzeitig die Kurse an der Börse ein, was als Beleg für die Wirkung des Zaubers galt. Robin Morgan, eine der Wallstreet-Protestierenden, sagt, Feminist*innen hätten die Hexe in ein Symbol der weiblichen Macht und Weisheit umgekehrt.

Eng verbunden mit der Frauenbewegung eroberte die Hexenfigur auch in Europa die Straße. In Rom riefen Frauen „Zittert, zittert, die Hexen sind zurück“, in Deutschland und der Schweiz organisierten sie in der Walpurgisnacht Demonstrationsmärsche und Fackelzüge unter dem Slogan „Wir erobern uns die Nacht zurück“. Im Interview mit Radio Corax sagt die Genderforscherin Katharina Karcher über die Gründe, dass unter anderem die Gewalttaten an Frauen und die Wut, dass diese oftmals als Einzelfälle, jedoch nicht als Ausprägung patriarchaler Strukturen ausgemacht wurden, viele Frauen auf die Straße trieb. Hinzu kam die Suche nach unkonventionellen Rollenbildern für Frauen. Die Hexe als Symbol wurde zur Leitfigur für Magazine und Kollektive wie dem Hexenschuß, eine Berliner Berufsschulzeitung für Mädchen, die 1971 erschien und in der es eingangs heißt: „Wir sind die neuen Hexen. Wir lassen uns nicht zu Hausmütterchen erziehen“, oder der 1975 gegründeten Frauenkneipe „Blocksberg“ in Berlin-Kreuzberg, wo sich lesbische Frauen zum politischen Austausch versammelten. Und heute? Es gibt weiterhin Feministinnen, die sich der Figur der Hexe als Symbol bedienen und/oder sich selber als Hexen sehen. Ob in den USA, Mexiko, Spanien oder Frankreich: Frauen protestieren weltweit gegen soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, Frauenmorde oder gegen sexuelle Gewalt und Abtreibungsgegnerinnen. Dabei sind sie als Hexen kostümiert oder halten Schilder hoch mit Slogans wie „Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet“ oder skandieren „Nehmt eure Kreuze aus unserem Uterus“. Doch wieso trenden die Hexen so breitflächig gerade jetzt?

Helen Berger, Soziologin der Brandeis University, spricht davon, dass Globalisierung und politische Polarisierung das Leben vieler Menschen präge und Spiritualität, das Gefühl vermittele, sich vor den negativen Folgen schützen zu können. Interessanterweise zeigt eine Umfrage des Pew Research Instituts von 2017, dass sich mehr als ein Viertel der Erwachsenen in den USA für spirituell hielt, mehr denn je. In den USA wird nicht zuletzt der Sexist und Rassist Donald Trump als Auslöser ausgemacht. Michael M. Hughes, der regelmäßig zu öffentlichen Flüchen gegen Donald Trump aufruft, meint, es brauche surreale und seltsame Proteste, um in der ohnehin skurrilen Trump-Welt noch Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Berliner Journalistin Stephanie Kuhnen schreibt zum Thema Hexenkult: „Die Unsicherheit vor der Zukunft und die eigenen prekären Verhältnisse darin lassen sich mit Allmachtsfantasien zumindest beruhigen“. Sie befürchtet jedoch auch, dass Hexerei als neuheidnische und esoterische Praxis auch kontraproduktiv für politische feministische, queere oder anti-rassistische Kämpfe sei.

Die widerständigen Praktiken der verschiedenen sozialen Bewegungen, die sich als Hexen inszenieren oder diese als Symbol nutzen, haben heute ähnliche Themen wie bereits in den 1970er Jahren. Die in Berlin forschende Autorin Victoria Hegner, sagt, dass viele Hexenbewegungen zugleich auch oft queere Bewegungen seien, die geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Freiheit in den Mittelpunkt rückten. So wie früher viele lesbische Frauen suchen LGBTIQ* (of Color) in einer Zeit, in der sich die junge Generation gegen Homo- und Transphobie und Rassismus stellt, wieder nach neuen Rollenbildern. In „Hexen: die unbesiegte Macht der Frauen“ geht die französische Autorin Mona Chollet der Frage nach, welche Spuren die Hexenverfolgung in unserer Gesellschaft hinterlassen hat. Sie schreibt, dass die Abwertung bestimmter Frauentypen bis heute währt. Unabhängige und selbstbewusste Frauen werden bis heute als Gefahr wahrgenommen und das kann in Gewalt an Frauen umschlagen. Feminizide zum Beispiel, oft auch als moderne Form der Hinrichtung von Frauen bezeichnet, sind weltweit, aber besonders in südamerikanischen Ländern unter dem Slogan „Ni una menos“ in den Fokus von Frauenbewegungen gerückt. Ähnlich wie bei „Wir erobern uns die Nacht zurück“ wiegt auch hier die Wut schwer und wird der Ursprung der Gewalt in misogynen patriarchalen Strukturen verortet.

Seit einigen Jahren sind auch wieder Frauen unter dem Namen des W.I.T.C.H. Kollektivs aktiv. 2016 protestierten sie in Chicago gegen Wohnungsnot und „verhexten“ lokale Politikerinnen und Vermieterinnen. „Ihr profitiert von Ungleichheit, da sind wir uns einig. Lasst uns den Fluch ihrer giftigen Gier vertreiben“, riefen sie im Chor. In seinem Manifest schreibt das Kollektiv, dass Hexerei schon in den Anfängen ein Akt des sozialen Protests gewesen sei und dass Hexen versucht haben, auf die Bedürfnisse der am wenigsten Mächtigen einzugehen sowie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten im Kampf gegen Unterdrückung weiterzugeben. Vielleicht taucht die Hexe als Symbol in sozialen Bewegungen gerade dann wieder auf, wenn neue Formen der Unterdrückung, neue Wege des Widerstandes brauchen. Die Vorstellung von Hexenkraft unterstützt dabei, das Gefühl zu überwinden, einer Übermacht schutzlos aufgeliefert zu sein, und die Kraft für Politisierung, Aktivismus und Auflehnung gegen unterdrückerische Systeme zu entfalten.