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Frühjahr 1/2024

Klassenfragen

Ausgabe 2/2023

Es muss an die Verhältnisse gehen, die Armut und Reichtum – zwei Seiten derselben Medaille – erzeugen: Klassenkampf statt „Sozialpartnerschaft“, die auf Kompromissen und Teilhabe an der Ausbeutung anderer fußt. Es braucht verbindendes Klassenbewusstsein und gemeinsame Kämpfe. Erst das macht die Klasse „an sich“ zu einer „für sich“. […]

Zur Arbeiterklasse gehören alle, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen und abhängig sind vom Lohn – vom eigenen oder dem eines anderen. Also selbstverständlich auch Frauen und die „Reservearmee“ der (Lohn-)Arbeitslosen, all jene, die nicht arbeiten können, dafür noch zu klein sind oder zu alt, und auch jene, deren Arbeit unentlohnt einverleibt und zum Beispiel „Liebe“ genannt wird. […]

Der Herrschaftsknoten – ein Begriff von Frigga Haug – ist eng geknüpft und verschlungen. Man muss kein Kapitalist sein, um von der Ausbeutung anderer zu profitieren oder gar darauf angewiesen zu sein. Wenn Erzieher:innen streiken, wird das für Alleinerziehende, prekär Berufstätige, denen Oma und Opa nicht beispringen können, zum Problem. 2021 urteilte das Bundesarbeitsgericht, dass Rund-um-die-Uhr Pflege nur noch mit Mindestlohn legal sei. Für die meisten werde sie so unbezahlbar und es drohe „das Armageddon der häuslichen Pflege“, so VdK-Präsidentin Verena Bentele. […]

Ein gemeinsames Interesse der Arbeiter:innenklasse lässt sich also nicht einfach behaupten – es ist immer wieder neu zu erarbeiten. Ein Zusammenhang zwischen den Kämpfen besteht nur, wenn wir ihn herstellen, so Haug. […]

Es gibt viel zu entdecken in den Arbeiten marxistischer Feministinnen: Auch „Zuhause“ wird gearbeitet, erfahren wir Ausbeutung und Entfremdung und wird nicht zuletzt Arbeitskraft re-produziert. Auch in der Sorgearbeit sind wir nicht Eigner:innen unserer Produktionsmittel und Arbeitsbedingungen. Aber auch hier üben wir uns in Solidarität, streiten trotzig für unsere Rechte und Tag für Tag dafür, das Leben in den Mittelpunkt stellen zu können. Auch am Küchentisch beginnt die Revolution, sofern wir aus der Vereinzelung treten, in den Kämpfen der anderen unsere eigenen Interessen erkennen und aufhören, an persönliches Versagen zu glauben.

Auszug aus der Einleitung


Inhalt dieser Ausgabe

Schwerpunkt KLASSENFRAGEN
Einleitung:
Klassenfragen
von Melanie Stitz

Es geht um mehr (als) Geld
von Annegret Kunde

„Du weißt ja nicht mal, welcher Käse der Beste ist“
von Klara Schneider

Beschämen und Herrschen – (Kein) Geld Macht Wirkung
von Isolde Aigner und Gabriele Bischoff

„Unsere Gesellschaft wird nicht gerechter, wenn hier und da eine Klassenbeste ein angenehmeres
Leben als ihre Eltern führt“ – Marlen Hobrack schreibt über die Klassenfrage
von Isolde Aigner

Über den Zusammenhang von Klasse und Rassismus
von Bafta Sarbo
(Auszug aus „Die Diversität der Ausbeutung. Zur Kritik des herrschenden Antirassismus“, Dietz Verlag Berlin 2023)

Meine feministische Wahrheit
Allzeit bereit im Selbstoptimierungsprozess
von Beate Truchsess

Krieg & Frieden
Entwicklungszusammenarbeit: „Ist das feministisch oder kann das weg?“
von Radwa Khaled-Ibrahim

Projekte
Rolling Safespace – Eine mobile Anlaufstelle für Frauen auf der Flucht
von Annegret Kunde

Bühnenmütter – Verein und Netzwerk für familienfreundliche Strukturen in Theaterberufen
von Gabriele Bischoff

WHO CARES?! Kämpfe um Reproduktion und Gewerkschaftsarbeit
Sind Informationen im Internet wirklich für alle verfügbar? Wie globale Tech-Unternehmen den Zugang zur sicheren Abtreibungsversorgung erschweren
von Women on Web

Herstory
Der Streik der Pierburg-Arbeiterinnen – Ihr Kampf bleibt unser Kampf
von Nuria Cafaro

Ein Knoten für Clara Zetkin? Notizen zu einer antikommunistischen Posse
von Florence Hervé

Kultur
fair share! Sichtbarkeit für Künstlerinnen
von Ines Doleschal

Etel Adnan. Poesie der Farben
von Thea Struchtemeier

Gesehen
Schulen dieser Welt
von Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Daten und Taten
Julia Kerr / Judith Kerr
von Christiana Puschak

… und sonst
Hexenfunk
Gehört
Gelesen


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