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Winter 4/2020

Antifeminismus und Rechtsextremismus – eine tödliche Mischung

von Tina Füchslbauer

(aus WIR FRAUEN Heft 2/2020, Schwerpunkt: Gewalt)

Tina Füchslbauer sprach mit Eike Sanders, Anna O. Berg und Judith Goetz

Ihr seid Teil des Autorinnenkollektivs fe.in. „Frauen*rechte und Frauen*hass“ ist euer erstes Buch. Gab es einen Anlass, zu diesem Thema zu schreiben?

Anna: Es ist unser erstes Buch als Kollektiv. Aber wir alle haben in unterschiedlichen Zusammenhängen schon lange zum Thema gearbeitet – nicht zuletzt im Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Wir hatten den Eindruck, dass in der Debatte um Antifeminismus die Vielschichtigkeit des Phänomens unterbelichtet bleibt: einerseits die antifeministischen Angriffe und Kämpfe, die wir alle kennen. Andererseits das Engagement der extremen Rechten für sogenannte „Frauenrechte“, also die Mobilisierungen, die sich um angebliche oder tatsächliche Übergriffe von als migrantisch markierten Männern gegen weiße Frauen drehen. Vielleicht ist das das Erschütterndste: dass dieselben Leute, die sich auf die Fahnen schreiben, für die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum einzutreten, in letzter Konsequenz die gleichen politischen Ziele vertreten wie antifeministische und rassistische Terrorattentäter.

Warum braucht es den Begriff der toxischen Männlichkeit, den ihr im Buch diskutiert, zusätzlich zum Begriff der hegemonialen Männlichkeit?

Anna: Es ist wahr, dass bereits die hegemoniale Männlichkeit Aspekte hat, die gefährlich sind oder ungesund, für die Männer selbst und für ihr Umfeld. Aber es ist ein Unterschied zwischen etwa der Unfähigkeit, nicht-sexualisierte Beziehungen zu Frauen haben zu können oder mit anderen Männern in ständigem Konkurrenzkampf zu sein – das wäre hegemoniale Männlichkeit – und dem gewaltvollen Ausagieren dieser Geschlechteridentität, zum Beispiel durch sexuelle Übergriffe gegen Frauen, die sich nicht als verfügbar präsentieren, oder gegen LGBTIQ-Personen, die die eigene Idee von Männlichkeit so sehr bedrohen, dass sie ausgelöscht werden müssen. Das ist toxisch, und in dieser Art von Männlichkeit verbinden sich dann oft verschiedene Ressentiments: gegen Frauen, gegen Nicht-Binäre, gegen Nicht-Weiße.

Es entsteht oft der Eindruck, die Kölner Silvesternacht hätte zu einem Höhepunkt der Ethnisierung von sexualisierter Gewalt geführt. Ist das wirklich so und ist es gelungen, dem zu widersprechen?

Eike: Das rassistische Bild, dass insbesondere Schwarze und muslimische Männer per se übergriffige Täter seien, die weiße Frauen verführen oder vergewaltigen wollen, fällt in Deutschland und Österreich auf einen fruchtbaren Boden. Alte antisemitische und koloniale Bilder konnten hervorgeholt, mit dem antimuslimischen Rassismus nach 9/11 kombiniert und der heutigen Zeit angepasst werden. Die feministische Seite reagierte nach der Silvesternacht schnell, das war richtig und wichtig. Es wurde klar und laut gesagt: Sexualisierte Gewalt ist ein globales Problem, dem wir „ausnahmslos“ entgegentreten müssen, also immer und überall, unabhängig von der Herkunft des Täters und übrigens auch der des Opfers. Dennoch konnte die extreme Rechte einige Leerstellen und Veränderungen der letzten Jahre erfolgreich nutzen, was zu den bekannten rechten Mobilisierungen für Frauenrechte führte. Dabei hat sich gezeigt, dass zum einen rechte Frauen in ihrer Wirkung und Motivation weiterhin oft nicht ernst genommen wurden, und zum anderen die Verschränkung von Rassismus und Antifeminismus im Kampf für Frauenrechte verkannt wurde: Das war nicht nur eine Instrumentalisierung von Frauen durch die extreme Rechte, es war ihre ganz spezifische hoch anknüpfungsfähige Erzählung von der „weißen Frau als Opfer“, die rechten Frauen Selbstermächtigung verschafft. Darin konnten sie rassistisch und antifeministisch argumentierend die normale Bedrohung sexualisierter Gewalt externalisieren, sich wehrhaft zeigen und den Schulterschluss mit den sie beschützenden weißen Männern erneuern.

Rechtsextreme Parteien wie die AfD und die FPÖ geben vor, sich für Frauenrechte einzusetzen. Wie sollten Feministinnen dem entgegenwirken?

Judith: Dass sich rechtsextreme Parteien auch frauen- und geschlechterpolitisch äußern, stellt im Grunde keine Neuigkeit dar. Das zeigt sich auch insbesondere an der FPÖ, die beispielsweise schon im Wien-Wahlkampf 2010 mit Plakaten angetreten ist, auf denen zu lesen war: „Wir schützen freie Frauen, die SPÖ den Kopftuchzwang“. Neu ist allerdings, dass rechtsextreme Parteien mit Thematisierung von geschlechterpolitischen Anliegen so erfolgreich sind und für ihre Positionen Aufmerksamkeit und Sympathien bekommen. Das hat vor allem auch damit zu tun, dass sie, wie schon Eike beschrieben hat, die „weiße Frau als Opfer“ ins Zentrum ihrer Agitationen gerückt haben und damit gleichermaßen an Frauen wie auch an Männer appellieren – an Frauen, dass ihre externalisierten Ängste vor sexualisierter Gewalt ernstgenommen werden würden, und an Männer, dass sie „unsere Frauen“ verteidigen müssten. Dadurch gelingt es ihnen, auch ein Stück weit aus „dem rechten Eck“ rauszukommen und sich als Mainstream darzustellen, da die Sorge um und von Mädchen und Frauen vor sexualisierter Gewalt nicht per se ein Thema der Rechten ist. Für Feministinnen sollte es angesichts dieser Entwicklungen einerseits darum gehen, den Feminismusbegriff gegen nationalistische und rechte Vereinnahmungen zu verteidigen und keine falschen Allianzen einzugehen. Das bedeutet, sich für einen Feminismus als emanzipatorisches Projekt stark zu machen, der sich für den Abbau von Benachteiligung und die Verbesserung der Lebensumstände aller Frauen (sowie Lesben, Inter, Trans*-Personen) weltweit einsetzt und nicht nur für das eigene Wir-Kollektiv. Insofern ist es gerade auch für privilegierte Feministinnen wichtig, eigene verinnerlichte rassistische oder auch klassistische Denkmuster zu reflektieren. Andererseits muss es auch darum gehen, diesen vermeintlichen Einsatz für Frauen*rechte ins rechte Licht zu rücken und aufzuzeigen, dass diese für die extremen Rechte nur dann von Bedeutung sind, wenn sie mit rassistischen Agenden kombiniert werden können. Frauen- und geschlechterpolitische Themen werden folglich stets ethnisiert und bestehende sexistische Machtstrukturen in der Mehrheitsgesellschaft nicht in Frage gestellt, sondern strukturelle Benachteiligung von Frauen weitgehend geleugnet. Zudem ist es wichtig aufzuzeigen, dass Diskriminierung von Frauen und die Bedrohung durch sexualisierte Gewalt mit einer bestimmten Form von Männlichkeit zu tun hat und nicht mit Herkunft oder Kultur. Im Gegenteil lassen sich diese (gewaltförmigen oder toxischen) Männlichkeiten quer um den Globus antreffen. Feministische Analysen und Kämpfe, die das im Blick haben, lassen sich auch nicht von rechts vereinnahmen.

Ihr thematisiert die Überschneidungen von Antifeminismus und Rechtsextremismus. Ist bekannt, ob sich auch der Attentäter von Hanau antifeministisch geäußert hat?

Anna und Eike: In den meisten rechtsterroristischen Manifesten, so auch in dem von Hanau, kommen auch antifeministische Aspekte vor. Der Täter von Hanau formulierte wenig zum Thema, es ist aber deutlich, dass er ein sehr patriarchales Frauenbild hat. Seine rassistisch und sexistisch gedachte Idealfrau hat er nicht getroffen, also blieb er angeblich selbstgewählt alleine. Bei manchen steht eine Art Incel-Identität („Incel“ steht für „involuntary celibate“, also unfreiwillig Enthaltsame) noch deutlicher im Vordergrund. Es ist die Vorstellung, dass sie als Männer das Recht auf unbegrenzten Zugriff auf Frauenkörper hätten. Bei anderen ist die Idee vom sogenannten „großen Austausch“ prominenter. Darin spielen Feministinnen die Rolle als angebliche Türöffnerinnen für einwandernde Menschen aus als fremd wahrgenommenen Kulturen und Ethnien. Nicht-weiße Frauen, die angeblich keine Feministinnen seien, werden im Gegensatz dazu für eine übersteigerte Geburtenrate nicht-weißer Kinder verantwortlich gemacht. Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und toxische Männlichkeit werden dann zu einer tödlichen Mischung.


Das Buch:
Autorinnenkollektiv Fe.In: Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. Verbrecher Verlag Berlin 2019.