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Winter 4/2020

Abisag Tüllmann

von Ingeborg Nödinger

(aus WIR FRAUEN Heft 3/2020, Schwerpunkt: Hexenglaube)

* 7. 10.1935 Hagen/Westf.
† 24.09.1996 Frankfurt/Main

„Fotografieren heißt teilnehmen“

Ihre Mutter galt als „Halbjüdin“, ihr Vater starb im Juli 1945 auf der Flucht aus Schlesien, wohin er zwangsversetzt worden war. Mutter und Tochter Ursula Eva (ihr Taufname) leben ab 1946 in Wuppertal. Abisag besucht die Frauenoberschule, absolviert Praktika als technische Zeichnerin in Architektenbüros und bei einem Schreiner, studiert vier Semester Innenarchitektur an der Werkkunstschule Wuppertal. 1956/57 arbeitet sie für den Schriftsteller Paul Pörtner, Gründer der Künstlervereinigung „Der Turm“. Ihm verdankt sie ihren neuen (jüdischen) Vornamen „Abisag“.

1957 Umzug nach Frankfurt/M., Volontariat beim Werbefotografen Dieter Jörs. Ein Jahr später Beginn der Arbeit als Bildjournalistin für FAZ, Frankfurter Rundschau und Frankfurter Presse, ab 1960 organisiert im Hessischen, ab 1961 im Deutschen Journalistenverband. Sie beliefert regelmäßig auch Zeitungen/ Zeitschriften wie ZEIT, Magnum, Publik visuell, Scala International, Capital. Sie arbeitet für Frankfurter Museen und Galerien wie für Firmen und Banken. In ihrem Freundeskreis sind Schriftsteller wie H.P. Piwitt, Ror Wolf, GrafikdesignerInnen wie Isolde Monsun-Baumgart, Hans Hillmann, Rolf Lobeck, Wolfgang Schmidt, die ihre Aufnahmen u.a. für Plakatentwürfe wie etwa den Atlas-Filmverleih verwenden. Ab 1964 fotografiert sie Theateraufführungen in Berlin (Schaubühne), Brüssel (Oper), Stuttgart, Wien und Salzburg (Festspiele).

Ab 1970 arbeitet sie als Dozentin für Fotografie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin sowie an den Hochschulen in Frankfurt/M., Hamburg, Kassel und Mainz. 1986 überlässt sie den Feministischen Studien für die Ausgabe 2 „Politik der Autonomie“ eine Fotografie für das Titelbild. 1993 erhält Abisag Tüllmann den Reinhold-Kurth-Preis in Frankfurt/Main, 1995 den Sibylla-Merian-Förderpreis des Hessischen Ministeriums für Kunst.

Noch zu Lebzeiten übergibt sie ihre Theaterfotografien dem Deutschen Theatermuseum in München. Alle weiteren Fotografien liegen im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz. Dank testamentarischer Verfügung wurde im Sept. 2008 die Abisag-Tüllmann-Stiftung in Frankfurt/M. gegründet, finanziert aus Erlösen des Bildarchivs u. a. zur Förderung des künstlerischen Bildjournalismus und Finanzierung eines Abisag-Tüllmann-Preises. Ihr Grab befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.