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Sommer 2/2017

Seit über 30 Jahren erscheint die Zeitschrift WIR FRAUEN

Unabhängig, feministisch, konsequent, so der Slogan. Ein Forum für außerparlamentarische Frauenpositionen, mit Blick über den bundesdeutschen Tellerrand. Auf dem Titelbild in Hochglanz und auf Din-A4 sind mal Angela Davis, Patti Smith oder Niki de Saint Phalle, manchmal Frauen bei der Arbeit, beim Klettern oder Musizieren, lachende und ernsthafte Gesichter, Frauen, die demonstrieren und Barrikaden bauen, in den letzten Jahren auch mal eine leuchtend rote Tomate oder ein Stück Stacheldraht.

Die WIR FRAUEN erscheint viermal im Jahr, die Auflage liegt derzeit bei 1.500. „Gut und auch unglaublich, dass es euch noch gibt!“, hören wir von mancher frauenbewegten „alten Häsin“ – am traditionellen Infotisch zum 1. Mai in Düsseldorf zum Beispiel. Andere finden uns im Internet und schreiben per E-Mail: „Habe Euch im Netz gefunden, ich wusste gar nicht, dass es noch feministische Print-Projekte gibt! Und ich fühlte mich schon ganz allein da draußen!“

Welche Wurzeln hat die Zeitschrift, die so renommierte Autorinnen wie Peggy Parnass, Jutta Heinrich, Erika Runge, Ingrid Strobl, Ellen Diederich, Gisela Steineckert und viele andere aufweisen kann? Die WIR FRAUEN ist eng verbunden mit den Zeiten des Aufbruchs, der internationalen Solidaritätsbewegung, der bundesdeutschen Geschichte und der Entwicklung der Frauenbewegung.

Anfang der 1980er Jahre: Die DFI-Gründerinnen, die verschiedenen Weltanschauungen und Parteien anhängen, verstehen sich im weiten Sinne als Linke, als Feministinnen. Sie begrüßen die Ziele des UNO-Jahres der Frau ‚Gleichberechtigung – Entwicklung – Frieden‘, wollen aber Taten sehen. „Nicht länger deklarieren, sondern handeln“, heißt es an die Adresse der Regierungen und der Medien. Die DFI versteht sich als autonomer Zusammenschluss, unabhängig von bestehenden Organisationen und Parteien, und unter Ausschluss von Männern in der Gruppenarbeit. Von Anfang an betont sie den gesellschaftlichen Zusammenhang der Frauendiskriminierung in der BRD, aber auch den gesamten weiblichen Lebenszusammenhang im Kampf um Emanzipation. Ihre Themen sind u. a.: Arbeit, Frieden, Selbstbestimmung; später wird Umwelt dazukommen. Die DFI verfolgt das Ziel einer „Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander leben können, patriarchalische Strukturen überwunden sind, die jahrhundertealte Unterdrückung der Frau aufgrund ihres Geschlechts ebenso der Vergangenheit angehört wie jede Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen.“

Seitdem ist viel geschehen. Die Verantwortlichkeit ist mittlerweile auf die Jüngeren übergegangen: Florence Hervé ist nach wie vor in der Redaktion dabei, viele Jahre zeichnete sie, zunächst mit Elly Steinmann, später mit Ingeborg Nödinger, für die Redaktion verantwortlich. Gabriele Bischoff, Melanie Stitz und Mechthilde Vahsen sind nun die verantwortlichen Redakteurinnen.

Immer wieder gab es und gibt es auch kleine und große Krisen. Mitte der 1990er zum Beispiel war einfach die Luft raus – die Redaktion brauchte „frisches Blut“. Die Jungen kamen: Elke Boumans-Ray, Mithu M. Sanyal, Gabriele Bischoff, später auch Melanie Stitz, Mechthilde Vahsen, Uschi Siemens und Sonja Klümper. Sie kamen mit neuen Ideen, frischen Diskussionen und anderen Sichtweisen. Im neuen Jahrtausend verstärkt sich die Redaktion mit Frauen, die so jung sind wie die Zeitung oder jünger: Isolde Aigner, Mareen Heying, Elena Bütow, Anna Schiff und Lena Bökenhans. Unterstützt wird die ehrenamtliche Redaktion von dem engagierten Gestalter Heiko Bugaj und von der zuverlässigen Anke Pfromm, die für die Abo-Verwaltung zuständig ist.

Auch heute laden die in verschiedenen Netzwerken aktiven Redakteurinnen gezielt Frauen aus ihrem Umfeld ein, Beiträge zu schreiben. Außerdem nehmen Frauen von sich aus Kontakt mit der Redaktion auf, zum Beispiel weil sie „heimatlos“ geworden sind: Ihr Frauenprojekt ist in Auflösung, sie verlassen die Uni und lösen sich aus den dortigen Zusammenhängen oder sie sind in die Region gezogen. Dass sie dazukommen und in den allermeisten Fällen dabei bleiben, liegt vor allem an der inhaltlichen Ausrichtung der WIR FRAUEN und an der offenen Struktur des Projekts.

In der Praxis sieht das so aus: Sind „Neue“ dabei, könnte die Vorstellungsrunde kaum kürzer sein. Jede nennt ihren Namen und erzählt in ein paar Sätzen, wie lange und aus welchen Gründen sie bei der WIR FRAUEN mitarbeitet, worüber sie gerne schreibt oder für welche Aufgabe sie verantwortlich ist. Für mehr bleibt keine Zeit, denn schon geht es in die Planung der nächsten Ausgabe. Die „Neuen“ werden meist schon beim ersten Treffen eingeladen, zu einem Thema, das sie interessiert, einen Beitrag zu schreiben, und erhalten – auf Wunsch – jede Unterstützung, vom Recherchieren bis zum Gegenlesen.

Außerdem für viele Frauen attraktiv: Jede hat die Möglichkeit, das Ausmaß ihres Engagements zu regulieren. Es gibt keinen moralischen Druck und braucht keine Rechtfertigung, wenn eine eine Auszeit nimmt. Jede weiß selbst, was es heißt, neben Job und/oder Familienarbeit ehrenamtlich tätig zu sein. Jede weiß auch, dass so ein Projekt nur funktionieren kann, wenn sie nur zusagt, was sie auch zuverlässig leisten kann. Wenn eine noch so wünschenswerte, wichtige, sinnvolle Maßnahme nicht realisiert werden kann, dann ist das so. Die Redaktion tut das, was möglich ist.

Auch unterschiedliche Arbeitsweisen werden respektiert. Die einen suchen den direkten, persönlichen Kontakt, andere engagieren sich stärker per E-Mail in den Debatten. Offenheit, Vertrauensvorschuss und Pragmatismus sowie die Wertschätzung jeden Beitrags zum Projekt haben sich bewährt.

Seit Jahren schwebt das Damoklesschwert von sinkenden Abo-Zahlen und wenigen bezahlten Anzeigen über der Redaktion: Das drohende Aus läuft stets nebenher. Viele Frauenprojekte, die auf unbezahltem Engagement fußen und nicht institutionell verankert sind, können ein Lied davon singen.

Dennoch: WIR FRAUEN macht weiter, weil die Kraft noch reicht, weil es Spaß macht, weil Leserinnen schreiben: „Gut, dass es Euch noch gibt!“ und „Das hab‘ ich vorher nicht gewusst!“, weil für die Redakteurinnen jede neue Ausgabe noch immer ihre beste, ihre schönste ist und weil über 30 Jahre Tradition verpflichten. Wir sind der Überzeugung, dass Frauen damals wie heute kritischen Lesestoff schreiben und auch lesen wollen.

Für die Zukunft haben wir uns viel vorgenommen. Wir möchten mehr Abonnentinnen gewinnen. Es braucht Buchhandlungen und andere Orte, an denen WIR FRAUEN ausliegt und verkauft wird. WIR FRAUEN soll mehr sein als ein Zeitschriftenprojekt. Noch häufiger wollen wir Veranstaltungen organisieren und präsent sein bei überregionalen Treffen von frauen- und friedensbewegten Engagierten. Über die Newsletta, die ca. achtmal im Jahr an einen großen Mailverteiler geschickt wird, sollen Themen schneller diskutiert und eine stärke Vernetzung ermöglicht werden. Mit der aktuellen Kampagne „Meine feministische Wahrheit braucht Platz“ wollen wir junge und neue Frauen für die WIR FRAUEN gewinnen: als Leserinnen und als Redakteurinnen.

(Frauen-)Bewegte Zeiten

 

1975

Ein Jahr großer Ereignisse: Vietnam ist befreit; die Japanerin Junko Tabei erklimmt als erste Frau den Gipfel des Mount Everest, im deutschen Scheidungsrecht fällt das Schuldprinzip und es ist das von der UNO ausgerufene „Jahr der Frau“. Die Welt ist in Bewegung und mittendrin die Frauen in einer Anzahl wie noch nie zuvor. Es gründet sich die Initiative Internationales Jahr der Frau ‘75, aus der die Demokratische Frauen Initiative, kurz DFI, hervorgeht. „Frieden, Entwicklung und Gleichberechtigung“ (das Motto des UNO-Jahres) bleiben die Hauptanliegen.

1977

Oberhausener Frauenkongress mit 1.000 Frauen. Um die Kommunikation unter den rund 100 Gruppen zu erleichtern, gibt die DFI zunächst hektografierte Rundschreiben heraus. Themen: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, internationale Solidarität, Kinderbetreuung, Friedensinitiativen …

1978

Der Kalender WIR FRAUEN ’79 erscheint mit überwältigenden Erfolg: Die erste Auflage ist innerhalb eines Monats ausverkauft, es muss nachgedruckt werden.

1982

Aus dem DFI-Rundbrief – der seit 1980 WIR FRAUEN heißt – wird eine richtige Zeitschrift mit dem Titel WIR FRAUEN und mit 6 Ausgaben im Jahr. Themen: gleicher Lohn, Berufsverbote, Entwicklung und Frieden, § 218, Lesben, ausländische Frauen in Deutschland, Frauen in anderen Ländern und Kulturen … WIR FRAUEN bietet ein wichtiges Diskussionsforum über die vielen Frauen-(friedens-)aktionen der 1980er Jahre.

1985

WIR FRAUEN ist auf der Weltfrauenkonferenz in Nairobi dabei, der Blick über den Zaun auf die internationale Frauenbühne ist ein Merkmal der Zeitschrift.

1989/1990

Zwei schwierige Jahre: Zusammenbruch der sozialistischen Länder, die Berliner Mauer fällt, mit ihr die DDR. Die Zeit der kleinen Reformen und der großen Bewegungen ist zunächst vorbei. In Memmingen tobt eine Hexenjagd gegen BefürworterInnen der Abschaffung des § 218. Danach die Zeit des Golfkriegs, des Einmarsches der Talibane in Afghanistan, des Jugoslawien-Kriegs, der rechtsextremen Übergriffe auf ausländische BürgerInnen. Aber es ist auch das Ende der Apartheid in Südafrika und Namibia.

Viele Frauenprojekte kämpfen ums Überleben, Frauenzusammenhänge zerbrechen, so auch die DFI-Strukturen. Beide WIR FRAUEN-Projekte, Zeitschrift und Kalender, entwickeln sich in veränderter Form weiter. Statt sechs Ausgaben gibt es nur noch vier im Jahr.

Kleine Lichtpunkte: die Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes im Osten und ein gut besuchtes internationales Frauenseminar „Wir wollen den Frieden, die Freiheit, das Recht“ im Westen.

1992

WIR FRAUEN nennt sich jetzt das feministische Blatt: unabhängig, radikal, feministisch und solidarisch.

1994

Die europäische Frauen-Zusammenarbeit verstärkt sich gegen das Europa der Konzerne und der Kriegsherren: Redakteurinnen von 5 europäischen feministischen Zeitschriften treffen sich mit WIR FRAUEN in Düsseldorf, überlegen u. a. gemeinsame Kampagnen für die Freilassung der inhaftierten kurdischen Ex-Abgeordneten Leyla Zana.

Außerdem gibt es einen bundesweiten FrauenStreikTag. Nach dem neuen Namensrecht dürfen Frauen ihren sogenannten Mädchennamen beibehalten.

Und: Es kommen die „Youngsters“ – WIR FRAUEN verjüngt sich.

2000

Das zweite Jahrtausend beginnt mit dem Weltfrauenmarsch gegen Armut und Gewalt in Brüssel, New York und vielen anderen Orten – ein Zeichen der Frauen-Widerständigkeit; WIR FRAUEN ist eine der wenigen Zeitschriften, die darüber berichtet.

Die Verantwortlichkeit für WIR FRAUEN ist mittlerweile auf die „Jüngeren“ gegangen – ohne Generationenkonflikt und ohne Krach, stattdessen mit viel Freude und Solidarität.

2007

Zum 25. Geburtstag gibt es das feministische Blatt nun auch im Netz, mit Archiv, gut sortierter Linkliste und überregionalen Terminen. Ebenfalls neu: unsere Newsletta.

Und es erscheint der 30. Kalender ‚WIR FRAUEN 2008‘.

WIR FRAUEN geht on tour mit Vorträgen u. a. zum Neuen Feminismus: Bad-Girls, F-Klasse, Alphamädchen …

2010

WIR FRAUEN startet ein weiteres Mal durch, diesmal lautet das Motto: Meine feministische Wahrheit braucht Platz.

Die Kooperationen bei Veranstaltungen werden intensiver. Das ist das neueste Projekt, an dem WIR FRAUEN beteiligt ist: Rebellinnen.