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/2016

Umkämpfte Gesundheit

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Was gilt als gesund? Wer hat überhaupt die Chance auf ein Leben in Gesundheit? Warum spielt eine gesunde Lebensführung eine immer größere Rolle? Und welche Rolle spielen hierbei sozio-ökonomische Bedingungen?

Gesundheit, Selbstverantwortung und Normalisierung

In der gesellschaftlichen, ökonomischen und medizinischen Auseinandersetzung mit Gesundheit spielt die s.g. Biomacht (Michel Foucault) eine große Rolle. Es geht um Techniken zur Unterwerfung der Körper und zur Kontrolle der Bevölkerung, um Selbstdisziplinierung und Normalisierung. Sich im eigenen Körper wohlfühlen, ein gutes, gelassenes Gefühl für ihn zu entwickeln und körperlich selbstbestimmt zu sein, ist dabei nachrangig.

Was aber gilt als gesund und normal? Schlank, sportlich, diszipliniert, selbstoptimiert, heteronormativ. So das neoliberale Idealbild. Wer dem nicht entspricht oder entsprechen will, ist schnell mit gesellschaftlicher Abwertung konfrontiert: Menschen, die eine Geschlechtsanpassung vornehmen wollen, müssen sich zumeist einer sexualmedizinischen oder psychotherapeutischen Begutachtung aussetzen. Oft erhalten sie die Diagnose der s.g. „Geschlechtsidentitätsstörung“ – sie werden pathologisiert, weil sie nicht der zweigeschlechtlichen ‚Norm’ entsprechen. Wer als fettleibig gilt oder raucht, wird als willensschwach und undiszipliniert abgestempelt. Von diesem Stigma sind besonders sozial und ökonomisch benachteiligte Menschen betroffen: Sie gelten oftmals als faule, antriebslose und maßlose Menschen, die ihr Leben nicht im Griff haben würden. Die Soziologin Andrea Bührmann weist außerdem darauf hin, dass Frauen(körper) noch mehr als Männer(körper) politisiert, bewertet und abgewertet werden: „Wenn Menschen eine dicke Frau sehen, die Pommes isst, würden sie eher nicht auf die Idee kommen, dass sie eine erfolgreiche Managerin ist.“

Gleichzeitig sind wir heute mit einer zunehmenden Selbstverantwortung für ein immer gesünderes Leben konfrontiert. Krankheit gilt als ‚fehlgeleitete Entwicklung’ die bei rechtzeitiger Intervention zu vermeiden gewesen wäre, so die Gesundheitswissenschaftlerin Daphne Hahn. Es liegt daher in der Verantwortung des Einzelnen, immer gesünder, fitter, leistungsfähiger zu werden und so ein vernünftiges, ‚besseres’, vorausgeplantes, gesünderes, ‚sicheres’, risikominimiertes Leben zu führen, so die Politikwissenschaftlerin Lisbeth N. Trallori. Die neoliberale Idee dahinter: (Nur) wer als fit und leistungsfähig gilt, nützt dem Staat als ‚Humankapital’. Der Einfluss von Lebensbedingungen wie Armut, Umwelt etc. auf die Gesundheit spielt dabei kaum mehr eine Rolle. Das zeigt auch die vermehrte Nutzung von Gen-Diagnostik. So sollen vermeintlich ‚riskante’ Gene identifiziert werden, um Krankheiten zu verhindern und Leben und Gesundheit bis ins Unendliche zu optimieren. Die realen Möglichkeiten bleiben dabei hinter den Heilserwartungen weit zurück.
Gerade Frauen sind dazu angehalten, dass sie und ihre Körper ‚funktionieren‘ und von ihnen selbst kontrolliert werden – z.B. durch gesunde Lebensführung und ‚verantwortungsvolle’ Reproduktion, wie Sarah Diehl am Beispiel der Verhütung zeigt: „Mittlerweile wird Frauen gesagt: ‚Du kannst dein Leben total kontrollieren. Du hast Verhütungsmittel, du bist gleichberechtigt, du kannst in deinem Leben alles machen, was du willst’“. Die Verhütung werde dabei komplett auf die Frau übertragen, setze sie unter Druck und bringe enorme Schuldgefühle hervor: „Sie selbst sind dann schuld daran, dass die Verhütung nicht klappt […], dass sie ungewollt schwanger werden.“ Ähnliches gilt für die Schwangerschaftsvorsorge, die sich durch eine Zunahme an Untersuchungen, Kontrolle und medizinischer Vorschriften zu Ernährung und Lebensweise als Ausweis ‚verantwortlicher’ Elternschaft auszeichnet. Selbst da, wo es um die gesundheitlichen Folgen unserer Leistungsgesellschaft geht, werden Frauen angehalten, sich in den Griff zu bekommen: Das Online-Gesundheits-Magazin Evidero verweist auf gesundheitliche Folgen der Doppelbelastung berufstätiger Mütter (z.B. Rückenleiden, Migräne, Schlafstörungen, Burnout). Die Antwort darauf? „Anti-Stress-Tipps für perfekte Mütter: Mama, entspann dich!“ – frau ist also letztlich selbst Schuld, wenn sie sich stressen lässt. Was Frauengesundheit gegenwärtig mit am meisten belastet: Frauen sind heute mehr als je zuvor mit dem neoliberalen und individualisierenden Aufruf konfrontiert, dass sie doch alles schaffen und erreichen können – am besten gleichzeitig – wenn sie nur stets funktionieren, sich disziplinieren und domestizieren. Die Soziologin Angela McRobbie beschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff der „Top Girls“ – ein Lebens- und Selbstentwurf von Frauen, der permanenter Selbstoptimierung aller Lebensbereiche einhergeht: Leistungsfähigkeit, Planungssicherheit und selbst auferlegte Weiblichkeitsnormen anstelle von Partizipation, Solidarität und Selbstermächtigung in einer geschlechtergerechteren Gesellschaft. Die möglichen Folgen für Gesundheit und (körperliche) Selbstbestimmung von Frauen können Medikamentensucht, Essstörungen oder Depressionen sein. Die feministische Bloggerin Laurie Penny bringt es auf dem Punkt, wenn sie schreibt: „Ein braves Mädchen zu sein, kann uns umbringen.“

Gesundheit, soziale und globale Ungleichheit

In einer Welt, die sich durch soziale und globale Ungleichheit auszeichnet und in der sich die Schere immer weiter öffnet, bleibt das Menschenrecht auf Gesundheit vielen Menschen verwehrt. Selbst in den reichsten Ländern: In Großbritannien hat die Zahl der Grundschuldkinder, die zu Hause nicht ausreichend ernährt werden, in den letzten Jahren massiv zugenommen. In Deutschland – eines der reichsten und organisiertesten Länder der Welt – haben Geflüchtete nicht die gleichen Rechte auf gesundheitliche Versorgung wie die Mehrheitsgesellschaft. Geflüchteten Frauen, die nicht selten (sexuelle) Gewalterfahrungen auf der Flucht erlebten, wird kein ausreichender Schutz geboten, wie die sexuelle Belästigung in Flüchtlingsunterkünften durch die Security (die für den Schutz der Geflüchteten eingestellt sind) zeigt.
Zusätzlich untergräbt unsere kapitalistische Lebensweise das Recht auf ein gesundes Leben aller Menschen weltweit. Sie führt zu Umweltverschmutzung, Ressourcenraub und Ausbeutung.. Davon sind besonders Frauen betroffen: Wenn der Einsatz von Hybridsamen die indigene, autonome Landwirtschaft der Frauen im Süden zerstört oder die Massenproduktion von Textilien schlimmste Ausbeutung von Näherinnen (nicht nur) in Bangladesh voraussetzt.

Gesundheit als Menschenrecht

„Gesundheit ist ein Menschenrecht, das es zu verteidigen gilt, und wenn die Mittel dafür nicht ausreichen, so sollte das ein wichtiger ‚Verteidigungsfall’ der gesamten Gesellschaft werden.“, schreibt Ingrid Jost auf Seite 11 in diesem Heft. Dagmar Hertle und Karin Bergdoll stellen den Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF) und zwei aktuelle Projekte vor: eine Ausstellung zum Thema Kaiserschnitt sowie eine Fallstudie zur Arbeit des medizinischen Häftlingspersonals im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Christiana Puschak geht Ursachen von Medikamentensucht bei Frauen nach. Isolde Aigner sprach mit der Genderforscherin Mithu M. Sanyal über den gesellschaftlichen Umgang mit weiblichem, sexuellen Begehren. Kathrin Schultz beleuchtet den Zugang zu Wasser aus globaler Perspektive. Außerdem stellen wir das Heft „Medizin – Gesundheit – Geschlecht“ der Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien vor. Für die Zeichnungen auf den kommenden Seiten danken wir der Künstlerin Chantal Kirch.

von Isolde Aigner


Hinweis in eigener Sache:

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Schon einmal in 2007 widemten wir dem Thema Gesundheit einen Schwerpunkt.

Unsere Themen damals: Impfen gegen Krebs?, „Mothers little helper“, kritische Gedanken zum Gesundheitssystem, Angsterkrankungen von Frauen, die Gesundheitssituation von Frauen auf der Flucht und historische Pharma-Werbung „für Frauen“.

Zur Ausgabe 2007 geht es hier.Den gesamtem Schwerpunkt als pdf zum downloaden gibt es hier.

 

 

 


Inhalt dieser Ausgabe

Schwerpunkt: Umkämpfte Gesundheit

Medizin – Gesundheit – Geschlecht

Wasser ist (auch) ein Frauenrecht
von Kathrin Schulz

Dieses System schadet Ihrer Gesundheit
von Ingrid Jost

Für eine frauengerechte Gesundheitsversorgung
von Dagmar Hertle und Karin Bergdoll

„….. als würde Sexualität unabhänig von allem anderen Dingen funktionieren“ Interview mit Mithu M. Sanyal
von Isolde Aigner

Meine feministische Wahrheit


Kein Anita-Augsurg-Preis für die Internationale Frauenlige für Frieden und Freiheit?
von Gabriele Bischoff

Die Debatte um den Augspurg-Heymann-Preis
von Gabriele Bischoff

Krieg und Frieden


Frauenwiderstand in Italien
von Hanni Skroblies

Eine Weltkulturstadt soll überflutet werden
von Florence Hervé

Projekte


„Onbemannt Missoun“ – Unbemannte Mission
von Melanie Stitz

Sozialismus oder Barbarei – Feministisch eingreifen, jetzt und allerorts

Kultur


Ausstellung: „Homosexualität_en“
von Gabriele Bischoff

Herstory


1956 Südafrika: Marsch der Frauen auf Pretoria gegen die Passgesetze.
von Florence Hervé

„…unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten.“
von Dagmar Hertle und Karin Bergdoll

Daten und Taten


Johanne Schopenhauer / Anna Pröll