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Sommer 2/2015

Prima Klima?

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Ein Ende der Ressourcen ist längst kein Thema mehr. Öl, Gas und Kohle gibt es noch im Überfluss, und genau das ist das Problem: Bevor der letzte Zentner Kohle und der letzte Liter Öl verbrannt sein werden, ist die Erde längst schon unbewohnbar. Die Klimaerwärmung bis 2050 auf maximal + 2 Grad zu reduzieren, ist das erklärte Ziel der Weltgemeinschaft, Emissionen zu verhindern und soviel wie möglich fossilen Brennstoff in der Erde zu lassen, lauten die Losungen.

Dagegen sprechen halbherzige internationale Vereinbarungen, verfehlte Klimaziele und kein Grund zur Hoffnung, dass der Klimagipfel in Paris Ende des Jahres Ergebnisse bringen wird. Millionen EinwohnerInnen der pazifischen Inselstaaten werden wegen des steigenden Meeresspiegels bis 2050 ihre Heimat verlieren, anderen Regionen drohen Stürme und Überschwemmungen, Wassermangel und Dürren. Krankheiten und Hunger werden die Folgen sein und Menschen in die Flucht treiben.

Der Glaube, der „Markt werde es schon richten“, ist widerlegt: Der Emissionshandel trägt nicht zur Reduzierung der Verschmutzung bei, er reguliert nur, wer sie verursachen darf, und gilt als das „größte und weitreichendste Marktversagen, das es je gab.“ Abstruse Lösungen werden unter dem Stichwort Geoengineering diskutiert (es lohnt ein Blick auf Wikipedia): Schwefeldioxid oder Aluminiumplättchen in die Stratosphäre zu befördern, um Sonnenstrahlen ins All zu reflektieren, die Meere mit Phosphor zu düngen, Meerwasser in die Atmosphäre zu sprühen und dadurch die Wolkenbildung zu fördern, um nur einige Beispiele zu nennen – damit wir weitermachen können wie bisher.

Im Thema Klimapolitik kulminieren Maßlosigkeit, Zynismus und Profitgier, immense Machtgefälle zwischen Verursacher_innen und Leidtragenden, Demokratiedefizite und irrwitziger Technikglaube, eine Haltung, die sich mit „Mir das meiste“ und „Nach mir die Sintflut“ treffend beschreiben lässt. Letztlich geht es um „die Entscheidung: Klima vs. Kapitalismus“ – so der Titel des neuen Buches von Naomi Klein. Zur Diskussion steht nicht nur eine global weitgehend und mit Gewalt durchgesetzte und verteidigte Produktionsweise, die allenfalls Nischen für Alternativen zulässt. Der Kapitalismus ist auch eine Lebensweise und wir praktizieren sie jeden Tag. Auch als Arbeitskräfte, abhängig vom Lohn, sind wir beteiligt und verstrickt.

Wer möchte schon „verzichten“? Auf „Freiheit“ (grenzenlos zu konsumieren), „Mobilität“ (immer schneller und jederzeit von A nach B, im eigenen Auto ohne Tempolimit, per Billigflieger), „Selbstverwirklichung“ und „Individualität“ (durch Statussymbole und Klamotten; ein „echter“ Mann isst Holzfällersteak und fährt ein schnelles Auto) … Der Kapitalismus gießt Sehnsüchte in Warenform, braucht KonsumentInnen, lebt vom Gefühl des „nicht genug“.

Die ernsthafte Befassung mit der Thematik, Ohnmacht und Schuldgefühle können Depressionen verursachen. Die herrschende Lebensweise sitzt tief in unseren Knochen und sie aufzugeben macht Angst. Viele setzen auf Verdrängung. Widersprüche bestimmen das Fühlen und Handeln: Phänomene, die sogar Gegenstand einer eigenen Forschungsrichtung zur „Psychologie des Klimawandels“ sind. Die Rede von einer drohenden „Katastrophe“ mag angemessen sein, ist aber offenbar nicht hilfreich, weil lähmend.

Auf Kosten von Menschen und Umwelt produzierte Waren und Dienstleistungen sind billiger – zunächst, und wenn man nicht aufs große Ganze sieht. Ethisch und ökologisch „sauber“ konsumieren können ist nicht nur, aber auch eine Frage von Einkommen, Bildung, kulturellem Kapital, in anderen Worten: eine Klassenfrage. Die Bemühungen, jede für sich ein halbwegs richtiges Leben im Falschen zu führen, bleiben richtig und wichtig, ändern aber nichts an der Notwendigkeit, für Umverteilung, die sozialen Garantien des Lebens, Bewegungsfreiheit und eine Wirtschaftsweise zu streiten, in der über Ziele und Formen der Produktion wirklich demokratisch verhandelt wird – auch im globalen Kontext.

Also Klima vs. Kapitalismus: Wie aber sähe die Alternative aus und wie der Weg dorthin? So wichtig Halbinseln gegen den Strom, Wohn- und Subsistenzprojekte, Läden ohne Verpackungsmüll, Genossenschaften auch sind – sie erweitern das Denken und zeigen, was möglich sein könnte, eröffnen Möglichkeitsräume –, bleiben sie doch marginal und kaum verallgemeinerbar. Wie lässt sich die Angst vor Verlust und Verzicht wenden in die Sehnsucht nach einem Wohlstand an Zukunft und Zeit, Sinn und Solidarität?

Der Kampf gegen die Erderwärmung könnte sozum Kristallisationspunkt einer zivilisatorischen Transformation werden, hofft Naomi Klein. Im Interview in dieser Ausgabe spricht sie über die Klima-Bewegung und ihre mit ihr verbundenen Hoffnungen. „Du bist, was du isst“, schreibt Anna Schiff und wirbt für vegane Ernährung. Melanie Stitz stellt das Buch Geschlecht – Macht – Klima. Feministische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit, von Gülay Çağlar, Mará do Mar Castro Varela und Helen Schwenken (Hrsg.) vor. Laura Chlebos macht Alternativen zum Wegwerfen anschaulich, Gabriele Bischoff nennt Initiativen, die Klima- und Geschlechtergerechtigkeit zusammenbringen wollen. Dafür plädiert auch Kristine Karch, sie berichtet über Projekte in Kuba und die Forderungen von EcoMujer. Im August gibt es wieder ein Klimacamp im Rheinland – wir dokumentieren den Aufruf zum queer-feministischen Barrio.

Melanie Stitz

Inhalt dieser Ausgabe

Korinthe/Impressum
Inhalt/Editorial
Hexenfunk

Schwerpunkt: Prima Klima?


Einleitung
Melanie Stitz

Interview mit Naomi Klein
John Tarleton
in voller Länge

Geschlecht – Macht – Klima
Melanie Stitz

Ohne Geschlechtergerechtigkeit keine Klimagerechtigkeit
Kristine Karch

Du bist, was du isst?
Anna Schiff

Infos zu Organisationen
Gabriele Bischoff

Aufruf zum Queer-Feministischen Barrio beim Klima-Camp im Rheinland 2015

Leserinnenbrief

Meine feministische Wahrheit


Mein Name ist nicht Beate.
Didem Ozan

Feminismus ist ein offener Weg ohne Ziel.
Antje Schrupp

Krieg und Frieden


Gespräch mit Gudrun Schymann (Feministische Partei Schweden)
Erni Friholt

Lesben in Kuba
Sara Más

Stiftung der freien Frau in Rojava
Anke Hoffstadt
Zur Selbstdarstellung der Stiftung

Projekte


Das Interkulturelle Frauenmusikfestival

Herstory


Zur Geschichte von Auschwitz.

Susanne Willems

KULTUR


Interview mit Mirian Goldenberg, Autorin von „Untreu“

Débora Backes

Feminism goes Comic
Isolde Aigner

Gesehen
Gelesen

Daten und Taten


Christine Lavant (von Christiana Puschak)
Lillian Hellman (von Ingeborg Nödinger)