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Herbst 3/2019

„Yes, we care“

Alte und neue Herausforderungen rund um die Sorgearbeit

Care-Ökonomie – der Begriff ist vielen unbekannt. Und doch ist und bleibt diese unentbehrlich für Mensch und Gesellschaft. Es geht um einen Wirtschaftsbereich, der auf das Wohlergehen von Menschen ausgerichtet ist. Dieser Bereich kann sich sowohl auf unbezahlte als auch auf bezahlte Arbeit beziehen. Häufig wird auch der Begriff Sorgearbeit verwendet.

Das feministische Magazin „Olympe“ aus der Schweiz beleuchtet in seiner ersten Ausgabe in diesem Jahr verschiedene Aspekte der Care-Ökonomie. Die zentrale Fragestellung ist: „Warum ist die Care-Ökonomie für feministische Debatten so entscheidend und wichtig?“

Darüber hinaus beleuchten die Autor_innen die Begrifflichkeit, ökonomische und analytische Bedeutung und Praxis der Care-Ökonomie. Im Folgenden werden einige Gedanken, Ideen und Ansätze wiedergegeben.

Die Historikern Barbara Duden stellt sich dem öffentlichen (Un-)Bewusstsein von Care-Ökonomie und beschreibt anschaulich die in den 1970er Jahren losgetretene Debatte um die unbezahlte Care-Ökonomie (damals unbezahlte Hausarbeit). Diese wurde und wird als „blinder Fleck“ bezeichnet, da sie sich dem öffentlichen Bewusstsein einer kapitalistischen Ordnung entzieht.

Im Jahr 1976 entwickelte Duden für eine Sommeruniversität für Frauen das Pamphlet für eine staatliche Entlohnung der Hausarbeit. Eine Debatte, die heute vor allem in konservativen bis rechten Lagern geführt wird. Duden erklärt zunächst, wie es überhaupt zu einer Zementierung der sogenannten Hausfrauisierung kommen konnte: Industrialisierung und die Symbolkraft von Familie samt Haufrau als ein heiler Ort der Erholung für den hart arbeitenden Mann. Aber auch Mutterschutz und Steuersätze, die den Alleinverdiener entlasteten, trugen dazu bei. Über ihren Einsatz sagt sie: „Unsere Leistung lag vor allem darin, die Leistungen der Frauen in der „privaten Sphäre“, also die Hausarbeit, aus dem Nebel der Naturhaftigkeit und Ungeschichtlichkeit gelöst zu haben und ihren unerhörten, eben unbezahlten und unbezahlbaren Wert für das kapitalistische Industriesystem sichtbar gemacht zu haben.“

Heute, so Duden, erscheint das „one-adult-worker-model“ abgelöst, es besteht ein „Erwerbszwang für alle“. Die Arbeit als Haufrau allein birgt keine finanzielle Absicherung mehr. Und so muss sich die Frau der Doppelbelastung von Familie und Beruf aussetzen. Deshalb fordert Duden eine neue Debatte um die Hausarbeit und sucht wieder nach der Antwort auf die Frage: „Wieso verschwindet die industriegesellschaftliche Bedeutung von der Care-Ökonomie?“

Sich diesem blinden Fleck entgegenstellend, versucht die Volkswirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Knobloch die „Sorgeökonomie“ in eine Wirtschaftstheorie zu überführen. Dabei steht die Annahme im Fokus, dass jene Sorgearbeit für ein funktionierendes Wirtschaftssystem unabdingbar ist. „Diese Tätigkeiten sind für jedes Wirtschaftssystem überlebenswichtig, so dass jede Gesellschaft ein großes Interesse daran haben muss, dass sie bereitgestellt werden.“ Knobloch entwickelt deshalb einen erweiterten Arbeitsbegriff, der alle gesellschaftlich notwendigen Arbeiten erfasst, das Drittpersonen-Kriterium. „Ob etwas Arbeit ist oder nicht, entscheidet sich danach, ob es sich um Tätigkeiten handelt, die auch von einer dritten Person übernommen werden könnten – dann handelt es sich um Arbeit.“ Gemeint sind demnach alle Arbeiten, die an andere delegiert werden können.

Annemarie Sancar wagt eine Analyse der Wirtschaftsförderungsprogramme, um Geschlechterungerechtigkeiten in der Entwicklungsarbeit sichtbar zu machen, und bezieht sich dabei auf das Programm der WIDE (Women In Development Europe).

Ihre Ausgangsfrage ist: „Gilt es als Erfolg, wenn mehr Frauen Unternehmerinnen sind oder braucht es auch einen Indikator „Zeit“, der Auskunft darüber gibt, wie viel Zeit für welchen Erwerb aufgewendet wird und wie viel Zeit für unbezahlte Care-Arbeit zur Verfügung steht?“ Sancar erklärt, dass Wirtschaftsförderungsprogramme zwar in erster Linie Frauen aus Armutszuständen befreien können, und erkennt, dass es „dabei weniger um Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Geschlechtergleichheit, sondern um die Förderung des Zugangs zu Märkten“ geht. Die Sozialanthropologin geht noch einen Schritt weiter und stellt fest: „Unter schlechtesten Bedingungen leisten Frauen bezahlte Arbeit, der Ertrag ist minimal, der Zeitaufwand enorm, und die Situation auf den Märkten lässt es kaum zu, dass sie profitabler wirtschaften.“

Als Antwort auf die verkürzte Perspektive der Programme fordert Sancar deshalb eine differenziertere Analyse der Zusammenhänge von Armut, Erziehungsaufgaben, Geschlechterrolle und Berufsperspektiven von Frauen. Dazu muss der Blick auf die Organisation des Haushalts gelenkt werden, denn „aus der Care-Perspektive sind genau diese Ereignisse und Abläufe im Haushalt interessant, weil feststeht, dass gerade hier viel geschlechterspezifische Ungerechtigkeit angelegt ist.“ Nach Sancar ist diese erweiterte Perspektive in der Entwicklungsarbeit – für eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Frauen – ein entscheidender Schritt.

Der Soziologe Jean-Michel Bonvin widmet sich den aktuellen Herausforderungen der bezahlten Care-Arbeit und bezieht sich auf das sogenannte New Public Management – ein Modernisierungsprogramm für die soziale und Pflegearbeit, das sich an Managementmethoden orientiert. Bonvin erklärt, wie dieses neue Programm die Care-Arbeit erschwert. Während das New Public Management der Verbesserung von Effizienz, Qualität und Ansehen dienen soll, kommt es dadurch zu zahlreichen Problemen innerhalb der konkreten Arbeit. Die MitarbeiterInnen sind überfordert, es gibt mehr Verwaltungsarbeit und weniger Care-Arbeit und die Träger geraten unter enormen Kostendruck. Zudem ist hier die Bedeutung der Care-Arbeit, das heißt die Betreuung und seelische Unterstützung der Klienten, gefährdet.

Bonvin kommt zu dem Schluss, dass das New Public Management nicht den Ansprüchen der Care-Arbeit entsprechen kann und begründet: „Soziales und betreuendes Handeln lässt sich nicht einzig und allein mit dem quasi zwanghaften Ziel der Kostenkontrolle steuern.“

Die gesammelten Essays in der ‚Olympe‘ zeigen: Care-Ökonomie ist aus unseren Lebenswelten nicht mehr wegzudenken. Sie betrifft – direkt oder indirekt – jede von uns: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Sorge um die älteren Generationen, Fürsorge der jungen Generation, Förderung der Unabhängigkeit von Frauen auf nationaler und internationaler Ebene … Die Brisanz der Care-Ökonomie war, ist und bleibt ein zentrales Thema des Feminismus.

Isolde Aigner