YallaFAHR – Frauen auf’s Rad
von Tina Berntsen
(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 1/2026)
„Es ist möglich, das Leben einer Frau in zwei Stunden zu verändern. Das ist wirklich magisch“
– Annette Krüger, #BIKEYGEES
Das Fahrrad gilt als das Vehikel der Emanzipation – und das ist es bis heute. Ein Beispiel dafür ist der Verein #BIKEYGEES, der kostenloses Radfahrtraining für (geflüchtete) Frauen und Mädchen ab 16 Jahren anbietet. Der Name setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern „bike“ (Fahrrad) und „refugees“ (Geflüchtete). #BIKEYGEES postuliert Fahrradfahren als Menschenrecht: „Jede Frau auf der Welt sollte Fahrrad fahren können. Und dürfen.“
Die Gründe, warum das nicht selbstverständlich ist, sind vielfältig. Dazu gehören Verbote oder Vorbehalte ebenso wie fehlende Ressourcen oder unbefestigte Straßen und fehlende Radwege. „Es war sowohl verboten als auch sehr riskant“, erklärt beispielsweise Shaha, Jesidin aus dem Irak, die bei #BIKEYGEES das Radfahren lernte. Mitgründerin Annette Krüger betont im Radio Corax-Interview, dass Radfahrverbote für Frauen „Resultat vom Patriarchat“ seien, nicht von Religionen. Gemeinsam mit anderen hat sie das Projekt 2015 im Zuge des „Sommers der Migration“ ins Leben gerufen und ein Jahr später den gemeinnützigen Verein für Bildungs- und Integrationsarbeit gegründet. Die Teilnehmerinnen kommen aus aller Welt – Herkunft, Religion, Status sind unwichtig.
Bisher hat #BIKEYGEES über 2.200 Frauen und Mädchen das Radfahren beigebracht und über 670 Fahrrad-Sets gespendet, damit das Gelernte im Alltag genutzt werden kann. Für die Trainings, die derzeit in der Jugendverkehrsschule Wilmersdorf stattfinden, braucht es keine Anmeldung, damit jede unabhängig von Sprach- oder Schreibkenntnissen teilnehmen kann. Erklärt und geübt wird mit viel Spaß und so lange wie nötig – jede kann wiederkommen. Viele der Teilnehmerinnen geben wie Shaha ihr Wissen anschließend weiter und führen selbst Trainings durch.

Für jede Fahranfängerin braucht es doppelt so viele Frauen, die links und rechts stützen, erklären, schieben und Sicherheit geben. „Neben der Körperarbeit ist es eine Vertrauenssache. Das Tolle ist: Die Frauen haben hinterher richtige Glücksgefühle, weil sie hier etwas Neues entdecken. Sie haben viel verloren in der Vergangenheit, das Radfahren ist etwas Neues, was sie hier gewinnen können“, so Annette Krüger. Das Erfolgserlebnis sorgt mitunter für Freudentränen bei allen Beteiligten, berichtet sie. Die Kurse stärken das Selbstbewusstsein und ermöglichen individuelle Mobilität, mehr Teilhabe und Unabhängigkeit.
Auch Verkehrsregeln in verschiedenen Sprachen sowie Grundlagen im Warten und Reparieren von Fahrrädern werden vermittelt. Darüber hinaus beteiligt sich der Verein z.B. an Demos wie dem „Purple Ride“ zum 8. März und unternimmt Radtouren.
BIKEYGEES wurde vielfach ausgezeichnet und hat sogar über Deutschland hinaus Schlagzeilen gemacht. Immer wieder kamen Anfragen von Interessierten, die das Projekt nachmachen möchten. Deshalb gibt es seit diesem Jahr das mobile Radfahr-Lern-Angebot „YallaFAHR – Frauen auf’s Rad“. Das Peer-to-Peer-Projekt ist für drei Jahre vom Bundesministerium für Verkehr gefördert. Interessierte erhalten Beratung, Video-Tutorials, mehrsprachiges Infomaterial sowie situationsabhängig auch Workshops vor Ort.
Das Team von #BIKEYGEES engagiert sich größtenteils ehrenamtlich und freut sich über Helferinnen, finanzielle Unterstützung sowie Fahrräder und -helme.
Mehr Infos: bikeygees.org












