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Frühjahr 1/2020

Wüstenblume

Somalia – unendliche Weite, roter Wüstensand, von der untergehenden Sonne in goldenes Licht getaucht, gängiges Afrika-Klischee und Traumkulisse, vor der auch dieser Film beginnt. Er erzählt den märchenhaften Aufstieg von Waris Dirie, dem Nomadenmädchen, das aus der Wüste kam und als Topmodel die internationalen Laufstege und die Titelseiten der Vogue eroberte. Waris Dirie hat ihre Lebensgeschichte vor zehn Jahren in dem Buch „Wüstenblume“ veröffentlicht, das zum Weltbestseller wurde und auf dem Sherry Hormanns Film beruht.

0409_wuestenblumeEs ist keine Idylle, in der das Mädchen aufwächst. Hunger und Not bestimmen den Alltag. Als Waris l3 Jahre alt ist, wird sie vom Vater mit einem alten Mann zwangsverheiratet. Die Mutter kann die Tochter nicht schützen. Also macht die sich ganz allein auf den Weg durch die Wüste, um in der Hauptstadt Mogadischu bei Verwandten Unterschlupf zu finden. Dort wird sie zwar geduldet, aber nicht geachtet, hat sie doch Schande über die Familie gebracht, weil sie sich dem Willen des Vaters widersetzte. Als Hausmädchen landet sie in der somalischen Botschaft in London, unterdrückt, ausgebeutet und jahrelang wie eine Gefangene im Haus gehalten. Als bei Ausbruch des Bürgerkrieges in Somalia die Botschaft geschlossen wird, flieht Waris in ihrem afrikanischen Gewand, was in London nicht weiter auffällt. Sie versteht nichts, kennt nichts, bittet nicht um Asyl, das ihr in dieser Lage zustehen würde. So irrt sie durch London wie ein verlorenes Schaf in der Wüste und klammert sich einfach an ein anderes, an die lebenstüchtige Träumerin Marilyn, was in ihrem Fall kein Widerspruch ist. Widerstrebend lässt die das unbeholfene Mädchen, das kein Wort Englisch kann, in ihre Bleibe, aber nur für eine Nacht. Damit beginnt eine echte Freundschaft, von der beide profitieren werden.

Sherry Hormann, Regisseurin und Drehbuchautorin, hat sich im Wesentlichen an Waris Diries Lebensbericht gehalten: Waris – kongenial dargestellt von Liya Kebede, einem Model aus New York – findet Arbeit in einer Fast-Food-Kette, wo sie von dem erfolgreichen wie skurrilen Modefotografen Terry Donaldson entdeckt wird. Ihm vertraut sie, mit Gespür leitet er sie durch den kommerziellen Wahnsinn der Modebranche. Als es Ärger mit ihren Papieren gibt, landet sie nicht in Paris bei einem Fotoshooting, sondern erst mal im Gefängnis, ihr droht die Abschiebung, der sie sich durch eine Scheinehe entzieht. Ihr internationaler Aufstieg ist unaufhaltsam, ihre exotische Schönheit fasziniert die Modewelt. Je höher sie kommt, desto einsamer wird es um die „Wüstenblume“ – so die Bedeutung ihres afrikanischen Namens Waris – und die Medien sind nur interessiert an dem kometenhaften Aufstieg des Nomadenmädchens. Dem setzt sie im Interview mit einer einflussreichen Frauenzeitschrift ein Ende, indem sie fragt, ob die Leserinnen wirklich wissen wollen, welcher Tag ihr Leben verändert hat. Und sie schildert den Tag ihrer Beschneidung als fünfjähriges Mädchen. Somit ist dieses Tabuthema erstmals in einer breiten Öffentlichkeit. Waris Dirie wird zur prominenten Kämpferin gegen dieses grausame Stammesritual und gründet die Waris Dirie Foundation. Ihre Rede vor der UNO macht Geschichte.

Mit dieser eindrucksvollen wie berührenden Szene endet der Film, die ursprünglich die Eröffnungsszene sein sollte. Sherry Hormann veränderte aber im Schneideraum komplett die chronologische Struktur, „weil mir das zu langweilig erschien. Ich wollte das Gefühlsleben von Waris Dirie zeigen, deren Herz für Afrika schlägt“. Keine so gute Entscheidung. Der Film springt zwischen emotionaler Brisanz und Fotoroman, zwischen manchen Klischees von Afrika und der westlichen Welt mit viel Raum für die Welt der Mode und der Models. Die Regisseurin und Drehbuchautorin wollte ein breites Publikum erreichen: „Bei einem solchen Thema ist es sehr wichtig, eine Schutzzone für den Zuschauer aufzubauen und ihn zu unterhalten.“ Das ist ihr gelungen, wie die ZuschauerInnenzahlen der ersten Wochen zeigen.

Trotz mancher Schwächen – dazu zählt auch die Länge von 120 Minuten – ist „Wüstenblume“ ein wichtiger Film zum Thema weibliche Genitalverstümmelung, eine weltweite Praxis, noch heute täglich an 6.000 Mädchen ausgeübt. Waris Dirie setzte ihre Attraktivität und Popularität ein, um ihren sprachlosen Schwestern weltweit Gehör zu verschaffen. Der Film führt diesen Feldzug fort. So kommen Mädchen ins Kino, die sich für die Modewelt interessieren und neben dem Einblick in die Rückseite eines glamourösen Geschäfts für das Thema FGM (Female Genital Mutilation) sensibilisiert werden.

Vision Kino empfiehlt den Film für den Schulunterricht ab 9. Klasse; Begleitmaterialien unter www.kinofenster.de enthalten wichtige Informationen über die kulturellen Hintergründe dieses Rituals, das seit Jahrhunderten von Frauen an Mädchen ausgeführt wird im festen Glauben, das Richtige zu tun.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel