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Herbst 3/2018

„Wohlstand, Freiheit und Bildung für Alle!“ Mathilde Franziska Anneke: Frauen-Zeitung x 2

Von Mechthilde Vahsen

Am 10. September 1848 erschien in Köln eine neue demokratische Zeitschrift, die „Neue Kölnische Zeitung“, mit dem Untertitel „für Bürger, Bauern und Soldaten“. Auf die Idee gekommen war die zu dieser Zeit schon länger politisch aktive 31-jährige Mathilde Franziska Anneke. Auch wenn offiziell ihr Mann Fritz und Friedrich Beust als Herausgeber genannt wurden, war sie diejenige, die sich um die Redaktion und Organisation kümmerte und eigene Beiträge verfasste. Denn ihr Mann war von Anfang Juli bis Ende Dezember im Gefängnis. Dabei hatte sie gerade erst ihren Sohn Fritz geboren und musste nun alles managen: das Baby, ihre Tochter Johanna, das Einkommen der Familie, die Freilassung ihres Mannes, die Zeitung …

Unruhige Zeiten
Die Jahre damals waren politisch sehr unruhig. In vielen europäischen Ländern erhoben sich die Menschen gegen die Verhältnisse (Verelendung, Ausbeutung, staatliche Willkür, Zensur) und forderten demokratische Rechte ein. So demonstrierten in Köln, wo die Annekes zu dieser Zeit wohnten, am 3. März 1848 mehrere tausend Menschen.
Am 18. Mai 1848 trat das erste gesamtdeutsche Parlament in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Seine Aufgabe: eine neue Verfassung zu erarbeiten und über einen deutschen Nationalstaat zu beraten. Die Mitglieder: ausschließlich Männer. An dieses Parlament waren große Hoffnungen und Erwartungen geknüpft. Die unterschiedlichen politischen Richtungen waren sich jedoch uneins darüber, wie ein solcher Nationalstaat aussehen sollte: Status quo, konstitutionelle Monarchie oder eine parlamentarische Republik?
Kurz zuvor, am 13. April 1848, hatte sich in Köln der Arbeiter-Verein gegründet. Einer der führenden Köpfe war Fritz Anneke. Schon war die Polizei alarmiert: Es folgten Wohnungsdurchsuchungen und Verhaftungen…

September 1848: die „Frauen-Zeitung“
Im September kam es dann zu einer großen politischen Krise, denn Preußen hatte ohne die Nationalversammlung einen Waffenstillstand ausgehandelt und damit deutlich gezeigt, dass es die Nationalversammlung nicht anerkannte. Eine Möglichkeit, darauf zu reagieren, war: Aufklärung und politische Agitation mittels einer Zeitung.
So heißt es in der ersten Ausgabe der Neuen Kölnischen Zeitung: „Sie ist für das arbeitende Volk bestimmt, daß es ein ernstliches Wörtchen mitspricht bei den Einrichtungen in Gemeinde und Staat, Gesetze zu machen, Erwerbsverhältnisse zu ordnen (…). Sie wird sich bemühen, so zu schreiben, daß es auch der einfachste Arbeiter verstehen kann.“
Als die Zeitung, die bis zum 3. Juli 1849 sechs Tage pro Woche erschien, im Rahmen des Verbots aller demokratischen Zeitungen am 26. September nicht mehr erscheinen konnte, reagierte Mathilde Anneke blitzschnell und publizierte bereits einen Tag später die Frauen-Zeitung, die allerdings nur zweimal erscheinen konnte – bereits die dritte Ausgabe wurde beschlagnahmt. Ab Oktober konnte ihre Zeitung wieder unter dem alten Namen erscheinen. Der Titel Frauen-Zeitung lässt eine spezielle Zeitschrift für Frauen vermuten, dem ist aber nicht so. Es war im Grunde die Fortführung der verbotenen Neuen Kölnischen Zeitung.

Die Feministin Anneke
Im Jahr zuvor hatte Mathilde Anneke die Schrift „Das Weib im Conflict mit den socialen Verhältnissen“ veröffentlicht, in der sie unter anderem Folgendes forderte: „Es gilt in diesem Falle, die Stellung des Weibes innerhalb der Gesellschaft zu vertreten. Es gilt die äußeren Rechte des Weibes gegen die Gewalten dieser Erde offen zu verteidigen …“. Dies tat sie ihr ganzes Leben lang. In der Broschüre verteidigte sie ihre Zeitgenossin Louise Aston, die sich ebenfalls öffentlich für Frauenrechte engagierte.
Ein großer Schritt für eine Frau, die aus begüterten Verhältnissen stammte. Doch ihre eigenen Erfahrungen – eine erste Ehe mit Alfred von Tabouillot, von dem sie sich scheiden ließ (Skandal!), und Geld verdienen müssen ohne eine entsprechende Ausbildung – hatten aus der zunächst religiöse Schriften herausgebenden Autorin eine Frauenrechtlerin und politische Aktivistin gemacht.

Exil
Mathilde Anneke begleitete 1849 ihren Ehemann beim Badischen Feldzug und schrieb darüber. Das Ehepaar war jedoch gezwungen, ins Exil zu gehen. Ihr Ziel: die USA. Ab März 1850 lebten sie in Milwaukee in Wisconsin. Mathilde Anneke engagierte sich umgehend in der US-amerikanischen Frauenbewegung und gab 1852 bis 1854 die deutschsprachige Frauen-Zeitung heraus, diesmal eine eigenständige Zeitung, für deren Satz sie Frauen heranzog. Leider liegt diese Zeitung nicht vollständig in deutschen Archiven vor.
Mathilde Anneke starb am 25. November 1884 in Milwaukee.

Literatur:
Elisabeth Klaus, Ulla Wischermann: Journalistinnen. Eine Geschichte in Biographien und Texten 1848–1990. LIT Verlag 2013.
Marion Freund: „Mag der Thron in Flammen glühn!“ Schriftstellerinnen und die Revolution von 1848/49. Ulrike Helmer Verlag 2004.
Maria Wagner: Mathilde Franziska Anneke in Selbstzeugnissen und Dokumenten. Fischer 1980.
Karin Hockamp: Von vielem Geist und großer Herzensgüte. Mathilde Franziska Anneke (1817–1884). Wetter/Ruhr 1999. (Hg. VHS Hattingen und Stadtarchiv Sprockhövel)