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Frühjahr 1/2019

„Wir wollen von uns selbst ausgehen“. Ein Gespräch mit einer Istanbuler Aktivistin über die türkische Frauenbewegung und ihre Rolle in der linken Bewegung

Interview und Übersetzung aus dem Türkischen: Hannah Schultes

Wann wurde das Istanbul Feminist Kolektif gegründet und was sind eure Ziele?

Selime: Wir können kein genaues Datum nennen, verwenden aber den Gruppennamen seit 2009/2010. Mit dem IFK haben wir 2010 mit einer Kampagne gegen Frauenmorde begonnen. In der Türkei werden jeden Tag drei Frauen ermordet. Dem liegen keine statistisch erhobenen Daten zugrunde, aber wir kommen durch andere Quellen wie Medien zu dieser Zahl. Als wir mit der Kampagne anfingen, waren Begriffe wie „Amoklauf“, „Ehrenmord“ oder „Liebesmord“ in den Medien gängig, um Morde an Frauen zu beschreiben. Mit dem Begriff der Frauenmorde wollten wir ihre politische Dimension sichtbar machen. Außerdem gab es den Strafmilderungsgrund der „ungerechtfertigten Aufreizung“ (haksiz tahrik), wenn der Mörder Dinge vorbrachte wie „Sie hat mich betrogen“, „Sie hat kein Essen gemacht“ und so weiter. Wir fingen daher an, Prozesse zu beobachten. Um diese Aktivität zu politisieren, haben wir mit anderen Gruppen die Kampagne gegründet. Das IFK fühlt sich der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1980er Jahren verbunden. 1987 fand im Yoğurtçu Park die erste Demo gegen Gewalt gegen Frauen statt, die sehr wichtig war, weil Frauen zum ersten Mal die Gewalt benannten und ihre Interessen öffentlich artikulierten. Direkt danach gab es eine Kampagne zum Thema Gewalt. Aus der feministischen Bewegung heraus wurde 1990 das autonome Frauenhaus Mor Çatı („Lila Dach“) gegründet. Im IFK sind einige auch in anderen Gruppen wie der Mor Çatı oder im Sozialistischen Frauenkollektiv organisiert, andere sind nur hier organisiert. Aber es gibt hier kein Delegiertenprinzip.

Ihr habt eine starke Kritik an zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich für Frauenrechte einsetzen. Worin besteht eure Kritik?

S: Es gibt jetzt sehr viele NGOs, die „Frauenpolitik“ machen, in denen viele eher liberale Feministinnen sind. Deren Politik bezieht sich ausschließlich auf Vorstellungen von Gleichheit und Rechte. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der NGOs allgemein zugenommen, während die Trennung zwischen ihnen und dem Staat abnimmt. Erdoğans Tochter hat zum Beispiel auch eine NGO. Die Beziehungen rund um die staatlichen Fördertöpfe sind ein Ort, wo Politik gemacht wird. Gegenüber der EU geht es immer darum zu zeigen: Schaut, wir arbeiten mit der Zivilgesellschaft zusammen. Die Mor Çatı ist, anders als zum Beispiel das Sozialistische Frauenkollektiv, eine Institution. Als Frauenhaus muss sie so arbeiten. Aber auch die Mor Çatı ist sehr vorsichtig und nennt sich nicht NGO. Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Politik unabhängig von Männern und vom Staat ist. Sobald man sich die Form einer NGO gibt, ist das natürlich nicht mehr möglich.

Es gibt hier eine starke sozialistische Tradition der Frauenbewegung. Woher kommt das und wodurch konnte sie angesichts des zunehmenden liberalen Feminismus in den NGOs erhalten werden?

S: Die Mehrheit der Frauen, aus denen die zweite Welle in den 1980er Jahren hervorgegangen ist, hat vorher linke Politik gemacht. Die kamen alle aus dieser Tradition. Im Laufe der Zeit, als jüngere Frauen, wie ich, dazukamen, wurde die feministische Bewegung größer. Unsere Analyse ist, dass die Frauenbefreiung auch Antikapitalismus braucht. Aber es sollte nicht nur um Antikapitalismus gehen. Es ist eher ein holistischer Ansatz. Wenn man in der Türkei Politik macht, geht es immer auch ganz stark um Nationalismus und Rassismus, um die alevitische und kurdische Minderheit. Gerade fängt Migrationspolitik an, eine größere Rolle zu spielen, aber bereits vor der Anwesenheit von MigrantInnen waren hier viele Menschen Rassismus ausgesetzt. Somit begreifen wir uns auch in der Kurdenfrage als involviert. Bezogen auf unsere Beziehung zur Linken stehen wir in Kontakt und sind solidarisch. Als feministische Linke befindest du dich immer im Konflikt, weil die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht gerade im besten Zustand sind. Aber als gesellschaftliche Opposition kommt man natürlich zusammen, um eine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft zu entwickeln. Der liberale Feminismus ist sowieso nicht sehr stark. Er hat eine kemalistische Tradition, geht davon aus, dass den Frauen von Atatürk gleiche Rechte gegeben worden sind und ist auf die Kopftuchfrage fokussiert. Für uns ist das Thema Frauen und Arbeit wichtig und von Frauenarbeit und Sozialpolitik zu sprechen bedeutet immer auch, über Kapitalismus zu sprechen.

Wie arbeitet ihr mit der kurdischen Frauenbewegung zusammen?

S: Manchmal sitzen wir in gemeinsamen Bündnissen, bereiten zum Beispiel zusammen den 8. März oder den 25. November, den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, vor. Seit 16 Jahren organisieren wir gemeinsam den Kongress der Frauenhäuser, auf dem wir uns mit den Frauen, die in Frauenhäusern in den kurdischen Gebieten arbeiten, austauschen. Kurdische Frauengruppen sind im Bündnis gegen Frauenmorde oder auch für das Recht auf Abtreibung aktiv. In Istanbul sind die Demokratische Freie Frauenbewegung (DÖKH) und die Fraueninitiative für Frieden aktiv. Wir sind häufig dort, in Kandil, Amed oder Dersim, und versuchen, zweisprachig zu funktionieren, indem wir Pressemitteilungen und Slogans auf Türkisch und Kurdisch drucken. Es gibt überall Punkte, an denen wir in Berührung kommen. So ist zum Beispiel das Recht auf Bildung in der eigenen Muttersprache eine feministische Forderung geworden. Im Friedensprozess Stellung zu beziehen ist nicht nur eine Frage der Menschenrechte, sondern auch aus einer feministischen Perspektive zentral. Es ist wichtig, dass in diesem Prozess die Realitäten von Frauen gehört werden.

In Berlin gibt es zum 8. März mittlerweile eine zwar große, aber geschlechtergemischte Demo. Aus welchen Gründen heraus führt ihr eine reine Frauen- und Trans*-Demo durch?

Auf der einen Seite gibt es Kundgebungen mit Bühnenprogramm, wenn ich mich nicht irre seit 1995. Aber seit zwölf Jahren demonstrieren wir abends auf der Istiklal-Straße, aufgrund der gesellschaftlich weit verbreiteten Ansicht, dass Frauen nachts nicht auf den Straßen sein sollten. Diese Demo am Abend des 8. März ist feministisch und nur für Frauen und Trans offen. Es ist uns wichtig, unsere Forderungen von uns selbst ausgehend zu formulieren, und deshalb brauchen wir eine von den Männern unabhängige Organisierung.

Wie habt ihr aus einer feministischen Perspektive die Gezi-Aufstände im Mai und Juni 2013 erlebt?

S: Alle haben gegen den Staat gekämpft, aber wir Feministinnen und LGBTs haben gegen den Staat und darüber hinaus gegen andere Dinge gekämpft. Sexismus und Homophobie machten sich in den Flüchen und den Sprüchen auf den Wänden breit. Angesichts von so viel Sexismus schauderte es uns und wir fragten uns ernsthaft, was daraus werden würde. Unser Schwerpunkt wurde die Verhinderung von Belästigungen. Im Yoğurtçu-Park wurde schließlich eine Frauenversammlung gegründet. Dort kamen die Frauen zusammen, die nirgendwo organisiert Politik machten. Das ist die schönste Seite daran. Aber diese extreme Polizeigewalt hat in vielen Leuten auch eine gewisse Melancholie hervorgebracht. Sie schrecken davor zurück, auf die Straße zu gehen und blicken eher zurück als nach vorne.

Das Interview wurde im August 2014 in Istanbul geführt. Die politische Lage in der Türkei hat sich seitdem radikal verändert. Der Friedensprozess, von dem die interviewte Aktivistin spricht, wurde im Juli 2015 einseitig von der AKP-Regierung aufgekündigt. Es gab seitdem zahlreiche Aktionen alevitischer, kurdischer und türkischer Frauen in Solidarität mit der Bevölkerung in nordkurdischen städtischen Gebieten, die wochenlang mit Ausgangssperren belegt und von der türkischen Armee belagert waren und immer noch werden. Im September 2015 reiste beispielsweise die Fraueninitiative für Frieden ins nordkurdische Cizre. Das IFK setzt seine Arbeit der Dokumentation und Anklage von Frauenmorden fort und ist Teil der Bewegung, die Frieden fordert.