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Sommer 2/2020

Wie in den 1970er Jahren

Der „girls day“ kämpft für alte-neue Forderungen

Wie Monty Python sagen würde: Und jetzt erst einmal etwas völlig anderes. Vor ein paar Tagen musste ich zu einem Elterngespräch in den Kindergarten gehen, weil mein Sohn noch immer mit Mädchen- und Jungenspielzeug spielt. Offensichtlich ist das ein Problem. Die Erzieherin teilt mir mit, dass mein Sohn seine soziale Rolle noch nicht gefunden habe und ich ihn doch darin unterstützen solle. Wie? Durch rituelle Barbieverbrennung? Bevor ich gehe, winke ich meinem Sohn zu. Die Kinder sitzen bereits im Stuhlkreis und der Geschlechterunterschied ist eindeutig erkennbar an der Uniform aus Pink für Mädchen und Blau für Jungs. Dann fahre ich zum Landtag, um herauszufinden, warum Mädchen sich nach dem Schulabschluss noch immer hauptsächlich für die so genannten typischen Frauenberufe entscheiden.

„Also Arzthelferin steht ganz oben, Friseurin, Hotelfachfrau, Bürofachfrau“, zählt Andrea Asch auf, Abgeordnete der Grünen im Landtag NRW und Mitglied des Ausschusses für Frauenpolitik. In dem sitzt auch ihre Kollegin Britta Altenkamp von der SPD: „Natürlich sind das interessante Berufsfelder, aber ich glaube, dass es schon darauf ankommt, den Mädchen klar zu machen, dass es mehr gibt. Dass es im Alltag, also im täglichen Erfahrungsraum von Mädchen deutlich wird, es gibt sehr viel spannendere, sehr viel besser bezahlte Berufe als nur diese klassischen vier.“

Und wie sieht das im Alltag aus? Wie sieht das beispielsweise beim Arbeitsamt aus? Gabriele Lange, Beauftragte für Chancengleichheit in der Agentur für Arbeit Düsseldorf: „Also man versucht natürlich nach Neigung und Eignung zu vermitteln. Aber man versucht natürlich auch, ein realistisches Bild zu geben, dass man sagt: Ja, im Handwerk gibt es die Bereiche, da werden Auszubildende gesucht, aber denken Sie daran, dass es da vielleicht nicht ganz einfach wird, später eben eine Teilzeitbeschäftigung auszuüben oder nach ein paar Jahren Familienphase wieder einzusteigen.“

Selbst die Beauftragte für Chancengleichheit behandelt Frauen also anders als Männer. Oder sagen Sie das ebenfalls jungen Männern, die ja vielleicht auch einmal eine Familie gründen wollen, Frau Lange?

„Das ist ein gesellschaftlicher Aspekt. Ich würde mir sehr, sehr wünschen, wenn Männer da mehr Verantwortung übernehmen würden oder, ich sag auch ganz bewusst, mehr Verantwortung übernehmen könnten und natürlich würde ich dann in gleicher Form beraten.“

Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wir alle wünschten uns, die Welt wäre anders. Aber da sie ist, wie sie ist, bekräftigen wir junge Menschen darin, bloß nicht aus der Norm vom starken, technikbegeisterten Jungen und hilfsbereiten, anpassungsfähigen Mädchen zu fallen. Das nennt man Geschlechterzurichtung. Und schuld sind immer die anderen.

Andrea Asch: „Womit wir uns als Grüne Fraktion hier im Landtag beschäftigen, nachdem wir eine Fachtagung zu dem Thema gemacht haben, ist die Erkenntnis, dass natürlich die Medien einen ganz großen Einfluss auf die Berufswahlwünsche von Mädchen haben.“

Dann möchte ich jetzt im Namen der WIR FRAUEN sprechen: Mädchen, hier noch einmal zum Mitschreiben: Werdet Mechatronikerin oder studiert Mathe.

Tatsächlich hat Andrea Asch natürlich recht. Nach Fernsehserien mit erfolgreichen Anwältinnen und Gerichtsmedizinerinnen steigt der Berufswunsch Ally McBeal signifikant an. Wir müssen also nur mehr Filme mit kompetenten Frauen machen und schon ist die Sache geritzt? Leider nicht. Nach einem Film wie „Contact“ fühlen sich befragte Mädchen in einer Studie keineswegs motiviert, Astronomin zu werden, da Jodie Foster als Rollenmodell ebenso unerreichbar ist wie die Sterne, die sie studiert. Etwas ist passiert und zwar schon viel früher. Schon bevor Kinder auf die Welt kommen, wird die Frage gestellt: Junge oder Mädchen?

Nach Untersuchungen unterscheidet die Hälfte aller Eltern in Mädchen- und Jungenfächer. Schulbücher bilden mit ihren Frauenbildern noch nicht einmal die Realität ab. Lehrerinnen und Lehrer nehmen Jungen – die als Ergebnis ihrer Sozialisation in der Regel lauter sind und mehr stören – häufiger dran. Sie lernen die Namen der Jungen schneller und benutzen die Kooperation der stilleren Mädchen zur Befriedung des Klassenzimmers. In Lehrerkreisen heißen diese Mädchen „Klimaanlagen“. Die stete Untergrabung des Selbstwertgefühls führt bei Schülerinnen dazu, dass sie lieber dünner werden wollen als klüger und sich beim Schulabgang unabhängig von ihren realen Leistungen schlechter einschätzen als die Jungen. Bei Prüfungen wird Jungen denn auch eher ein Formtief unterstellt, während Mädchen als desinteressiert wahrgenommen werden. Und all diese Mechanismen, die ineinander greifen wie geschmiert, soll der girls day nun aus dem Stand aushebeln. „Die Idee war ja ursprünglich ähnlich wie in den USA, ‚take our daughters to work‘, also Töchter mit zur Arbeit zu nehmen, damit sie einen Einblick bekommen in das, was Frauen in der Berufswelt leisten und welche Felder es gibt“, erinnert sich Britte Altenkamp und Gabriele Lange ergänzt:

„Den girls day gibt es hier in der Bundesrepublik seit 2001, also es ist der 8. girls day dieses Jahr, immer am 4. Donnerstag im April. Man kann wirklich sagen, dass es ne kleine Erfolgsstory geworden ist. Wenn man bedenkt, dass sich 2001 39 Unternehmen und Forschungsinstitute bundesweit beteiligt haben. 2007 waren es 8.000 Veranstaltungen und in der Zeit haben mehr als 645.000 Schülerinnen diesen girls day genutzt.“

„Bei dem Löschangriff müssen die Mädchen zum Beispiel eine Schlauchleiter durch ein Treppenhaus verlegen und müssen ihre Ausrüstung in höhere Geschosse tragen“, berichtet Stefan Boddem, Abteilungsleiter der Ausbildung der Feuerwehr, deren Plätze bereits seit Wochen ausgebucht sind. „Interessant ist, dass die Mädchen am Anfang des girls day also unisono sagen: Wir möchten gerne zur Feuerwehr. Am Ende des Tages, da gibt‘s einige abgebrochene Fingernägel und vielleicht den einen oder anderen blauen Fleck, sagen also viele Mädchen: Nein, der Feuerwehrberuf ist zu anstrengend für uns.“

Vielleicht finden sie es aber auch nur abschreckend, als Wesen betrachtet zu werden, die sich mehr um manikürte Fingernägel als um Menschen in Flammen kümmern?

Für Jungen verkörpert „einen Beruf haben“ ein glückliches Erwachsenwerden und die Voraussetzung dafür, eine Familie haben zu können. Für Mädchen ist das nach wie vor eher umgekehrt. Das hat nichts mit Psychologie zu tun, sondern mit Firmenpolitik, wo nach wie vor nur die schwangeren Frauen angesprochen werden, ob sie sich nicht in Sachen Elternzeit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie beraten lassen wollen – und nicht etwa die zukünftigen Väter. Auch die hochgepriesenen „weiblichen Stärken“ – oder auf gut denglisch „soft skills“ – erweisen sich nach wie vor als Karrierestopper.

„Also sicher ist das so, dass mit einem Tag im Jahr alleine wir jetzt nicht eine Umorientierung für Mädchen erreichen. Das ist ein kleiner Baustein innerhalb von sehr vielen Maßnahmen, die greifen müssen“, räumt Andrea Asch ein. Leider ist der girls day jedoch nahezu der einzige Baustein. Eine wirklich durchschlagende Lösung wäre nur ein verstärktes Bewusstsein für die Geschlechterzurichtung. PISA brachte es ans Licht, dass im deutschen Schulsystem Geschlecht einen Unterschied macht – mehr als in anderen europäischen Ländern. Regelmäßige Gendertrainings für Kindergärten und Schulen könnten zumindest die gröbste Ungleichbehandlung von Mädchen und Jungen verhindern. Ein weiteres verlockendes Modell ist die so genannte „zufällige methodische Trennung“ verknüpft mit der „reflexiven Koedukation“. Dabei bestimmen die Lehrer nach dem Losverfahren die Fächer, in denen sie Mädchen und Jungen getrennt und zusammen unterrichten. So werden keine vermeintlich geschlechtsbedingten Vorlieben festgeschrieben und es kann danach über die Erfahrungen reflektiert werden. Auch würde es helfen, die „typischen Frauenberufe“ aufzuwerten, damit sie auch für Männer interessant werden. Obwohl solche Konzepte zwar gedacht, aber kaum durchgeführt werden, zeigt der girls day Erfolge, wie Gabriele Lange berichten kann: „Die Unternehmen geben die Rückmeldung, dass sie mittlerweile über 20 % der Bewerbungen aus dem Personenkreis haben, der irgendwann mal am girls day teilgenommen hat. Insgesamt. Im Wintersemester 2007/2008 haben sich erstmals im Bereich der Ingenieurwissenschaften 27 % weibliche Studienanfänger eingeschrieben, das sind 13 % mehr als im Vorjahr.“

Ein Grund zur vorsichtigen Freude. Schließlich lag in der DDR der Anteil von Studentinnen in naturwissenschaftlichen Fächern stets bei einem Viertel versus nicht einmal 5 % in Westdeutschland. Zwei Jahre nach dem Mauerfall waren es auch im Osten nur noch 5 %. In Umfragen antworteten ostdeutsche Studentinnen, dass sie im wiedervereinten Deutschland mit ihrem Forschungszweig eh nichts werden könnten. Frauen ergreifen andere Berufe, wenn sich ihre Lebensrealität verändert.

Mithu M. Sanyal