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Sommer 2/2020

„Wie ich in Deutschland Feministin wurde.“

Im Sommer diesen Jahres traf ich eine freundliche österreichische Frau auf einer Party in Berlin, Prenzlauer Berg, die Gegend, in der heute junge, beruflich erfolgreiche und coole Menschen leben. An diesem Abend feierten wir zusammen den Journalist_innen-Preis einer Freundin, der ihr von der Zeitschrift Emma verliehen wurde.
Meine Begleiterin versprach, mir von ihrer nächsten Reise nach Wien eine Sachertorte mitzubringen; sie war mir sofort sympathisch. Das war, bevor das Feuerwerk begann: Als ich erwähnte, dass ich aus Pakistan komme, reagierte sie wie so viele andere: dass es dort sehr schwer sein müsse, eine Frau zu sein.
Ich habe anderthalb Jahre in Berlin gelebt und als Journalistin gearbeitet. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dankbar zu sein für die Art und Weise, wie ich als Karrierefrau in Pakistan behandelt werde. Ich habe meiner Begleiterin mehrmals erzählt, dass ich den Eindruck habe, in meiner Heimat mehr respektiert zu werden. Ich fügte hinzu, dass meine Gedanken dort mehr akzeptiert würden und ich aus vielen anderen Gründen zuhause als Person ernster genommen werde als in Deutschland. „Respekt“, unterbrach sie mich mitten im Satz, „du nennst es Respekt, drei Schritte hinter einem Mann herzulaufen?“
Ich war entsetzt. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Später habe ich herausgefunden, dass einige Kulturen eine „ritterliche“ Sitte haben, bei der ein Mann vor einer Frau läuft, um sie zu beschützen, aus demselben Grund, aus dem Männer hinter Frauen herlaufen – in anderen „ritterlichen“ Konventionen.
Meine österreichische Freundin geht davon aus, Frauen aus Afghanistan und Pakistan würden es anstreben, „westliche“ Frauen zu werden, gleichgestellt mit Männern, und dass ich mich darum dafür entschieden hätte, in New York oder Berlin zu leben, um der Behandlung zu entkommen, die ich zuhause erfahren würde.
Ich beharrte darauf, dass Frauen auf der ganzen Welt einen langen Weg zu gehen hatten und dass Pakistanerinnen einige Dinge vor den deutschen Frauen erreicht hätten, oder in diesem Fall den österreichischen Frauen. Ich sagte, dass jede Frau ihren eigenen Weg wählen müsse, um zu bekommen, was sie will, und die Tatsache, dass ich gerne verreise, nicht bedeuten würde, dass ich versuche, meinem Land zu entfliehen.
„Denkst du wirklich, du bist progressiver als wir?“, hat meine österreichische Freundin mich gefragt. Ihre Ansichten empfand ich als beleidigend und sie machten mich traurig. Mit dieser Frage hat sie mich sofort zur „Anderen“ gemacht. Dazu hat sie den Fehler begangen, den viele Frauen aus entwickelten Ländern begehen: Sie übersehen, dass Gender noch immer ein großes Thema ist – auch in ihren eigenen, „entwickelten“ Gesellschaften. Am Ende der Diskussion hat sie mich gefragt, was ich von der Situation von Frauen in Afghanistan halte. Ich bin nie dorthin gereist und ich habe bisher nur zwei oder drei Afghaninnen in meinem Leben getroffen. Das Einzige, woran ich mich bei diesen Frauen erinnere, ist, dass sie sehr gut gekleidet waren. Also hatte ich nichts wirklich Tiefgründiges über afghanische Frauen zu sagen. Sie alle in eine Schublade zu stecken, wäre eine grausame, nicht zuletzt eine antifeministische Verallgemeinerung, aber leider dachte meine österreichische Freundin anders: „Eine Frau in Afghanistan zu sein, ist für niemanden erstrebenswert“, sagte sie zu mir. Traurig, beleidigt und wütend verstand ich, dass ich nicht in der Lage war, diesem Gespräch ein konstruktives Argument hinzuzufügen – außer Wut. Darum ging ich. Die Wut behielt ich auch Tage danach noch in mir. Und ich habe auch nie meine Sachertorte bekommen.

Nachdem ich anderthalb Jahre in Berlin gelebt hatte, war ich oft froh, dass ich keine Karriere als Journalistin in Deutschland anstrebe. Ich bin im Winter 2011 nach Deutschland gezogen als Teil eines Praktikums und war bei der Tageszeitung Die Welt tätig. Als ich ankam, war ich schockiert, dass so wenige Frauen in der Redaktion waren, vor allem während der morgendlichen Konferenz. Zurück in Pakistan, habe ich meine Karriere bei dem einflussreichen Nachrichtenmagazin Newsline begonnen, das fast ausschließlich von Frauen geführt wird. Ich bin in Pakistan aufgewachsen mit einem sehr scharfen Gespür dafür, wie lang und hart der Kampf für Frauen in meinem Land war. Nach Deutschland zu ziehen hat bewirkt, dass ich auf einige Aspekte meines eigenen Landes mit Respekt und Anerkennung blicke.
Als ich im letzten Winter nach Pakistan reiste, nachdem ich ein Jahr in Deutschland gelebt hatte, war ich überwältigt von der Achtung, die mir als intelligenter Frau entgegengebracht wurde. Menschen – Männer, Frauen, Professor_innen, Analytiker_innen und Verwandte – wollten wissen, was ich von der Euro-Krise halte, was ich über politische Diskurse denke. Ich hingegen konnte nicht aufhören, über Gender zu sprechen. Ein Onkel von mir, den ich für eher konservativ halte, fragte mich: „Beta (dt. Kind), schreibst du nur über Gender? Was ist mit deinem Interesse für die Politik passiert?“ Bei einem Buch-Festival in meiner Heimatstadt Karachi hörte ein bedeutender Verteidigungsanalytiker meine Bemerkungen über das neue Buch des britischen Analysten Anatol Lievin über Pakistan und fragte mich nach der Lesung, ob ich darüber nachdenke, meine Ansichten aufzuschreiben. Ich war schockiert und überrascht durch seine Anregung – da wurde mir bewusst, wie sehr mein Selbstbewusstsein während meiner Zeit als Journalistin in Deutschland gelitten hatte.
Wieder in Berlin, begleitete ich eine Gruppe Frauen mit Mut und Überzeugung. In dem Verein „Pro Quote“ sind Journalistinnen aktiv, die Lobbyarbeit betreiben, um in den deutschen Medienkonzernen eine 30-Prozent-Quote für Frauen in Führungsebenen zu erzielen. Mein Glaube an die Frauenwelt wurde wieder entfacht. Da waren Frauen, die anerkannten, dass es ein Problem in ihrer Gesellschaft gab, und die kämpfen wollten, um es zu beseitigen.
Bevor ich auf diese Frauen traf, war ich oft verärgert, dass deutsche Frauen nichts unternahmen gegen die Tatsache, dass sie in Medienunternehmen unterrepräsentiert waren, besonders am oberen Ende der Karriereleiter, und dass sie weiterlebten, in Selbstverleugnung, in dem Glauben, dass sie alles (erreicht) hätten.
Auch habe ich begrüßt, dass die Frauen von „Pro Quote“ die Weitsicht und Offenheit hatten, eine pakistanische Frau zu akzeptieren, aus dem Land der Taliban – mitten unter ihnen. Ich wurde sogar gefragt, ob ich die Grundsatzrede bei ihrer Start-Party in Hamburg halte. Ich war überwältigt von der Art, wie ich willkommen geheißen wurde, und ich war schockiert zu hören, wie viele von ihnen litten. Während ich über meine Erfahrungen mit Sexismus in Deutschland sprach, sah ich viele Frauen nicken, es schien mir, als ob sie das, was ich erlebt habe, genau nachvollziehen könnten.
Nach all dem höre ich noch immer überraschte Frauen sagen: „Sogar in Pakistan haben sie es besser.“ Ihre frühere Annahme, dass pakistanische Frauen es besonders schwierig haben müssen, um hohe berufliche Posten zu erreichen, ist im besten Fall nur Unwissenheit. Die erste Regierungschefin, Sirimavo Bandaranaike, war eine Frau aus Sri Lanka. Die zweite war die Inderin Indira Gandhi. Sogar Bangladesch – das jüngste der südasiatischen Länder – und Pakistan haben Frauen als Staatsoberhäupter gehabt. Ich war ein Mädchen, als Benazir Bhutto 1988 die Wahlen gewonnen hat. Dies hat ohne Diskussionen um ihr Geschlecht stattgefunden. Schon 1948, nachdem der erste Staatschef Pakistans, Muhammad Ali Jinnah, starb, gab es Spekulationen darüber, dass seine Schwester und Beraterin Fatima Jinnah seine Nachfolgerin werden könne. Darum war ich während der Präsidentschaftskampagne von Hilary Clinton so geschockt; denn alles, woran die Menschen in den USA dachten, war die Tatsache, dass sie eine Frau ist. Und die USA warten noch immer auf die Amtseinführung des ersten weiblichen Präsidenten.
Ich wundere mich oft, wie ein Land und eine Kultur wie die meinen, die noch einen langen Weg zu gehen haben bei Frauenthemen, so starke weibliche Rollenmodelle haben können. Diese starken Frauen, im Gegensatz zum Stereotyp, sind nicht immer reiche Frauen mit politischen Verbindungen. Mina, unsere Haushälterin in Karachi, hat die Arbeit in unserem Haus vor Jahren aufgenommen, da ihr Mann keinen Sinn darin sah, seine Kinder zur Schule zu schicken – weder den Sohn noch die Tochter. Mina entschied, die Sache selbst in die Hände zu nehmen, finanziell unabhängig zu werden und das Geld zu verdienen, das sie für die Bildung ihrer Kinder benötigt. Sie ist keine „privilegierte“ Frau, von denen viele annehmen, diese seien die einzig unabhängigen Frauen in Pakistan. Und das ist nur ein Beispiel. In einem in der Zeitschrift Guardian erschienenen Kommentar von Naomi Wolf habe ich einen Teil der Antwort auf die Frage gefunden, warum Pakistan so viele bahnbrechende und inspirierende Frauen hat. Wolf schreibt:
„Äußerst aufschlussreich ist das Bild von Kopftuch tragenden und barhäuptigen, religiösen und säkularen jungen Frauen, die hart für aufgeklärte Freiheit und aufgeklärten Feminismus in muslimischen Ländern kämpfen – ohne das Gefühl zu haben, dass das Kopftuch oder religiöse Zugehörigkeit sie trenne. Allerdings kreieren Feministinnen in Indien, Pakistan, Bosnien, Liberia und anderen entwickelten oder traditionellen Gesellschaften einen Diskurs über das Anheben des Status der Frauen, die komplett in Familie und Gemeinschaftsleben integriert sind. Im Gegensatz zu uns haben sie nicht den existenzialistischen Gegensatz zwischen Individuum und Gemeinschaft geerbt.“
Dies sind Erklärungen, die ich vielen Frauen und Männern in Deutschland gegeben habe, in Bars, Cafés und Redaktionsräumen. Als Antwort wurde ich oft gefragt, ob dies in allen muslimischen Ländern so sei. Meine Antwort ist schlicht, dass ich das nicht weiß. Die „muslimische Welt“ und die „muslimische Frau“ sind künstliche und fehlerhafte Konstrukte, die Vorurteile erzeugen. Während ich in Deutschland lebte, wurde ich selbst immer wieder in diese falschen Kategorien gesteckt. Und so sehr ich auch versucht habe, dem zu entfliehen, bleibe ich in den Augen der meisten Deutschen die „muslimische Frau“.

Hani Yousuf

 

Von Hani Yousuf

Fem-Wahrheit_Hani-YousufCopyright
Syed Raza Arif aus Karachi

Hani Yousuf ist Journalistin in Karachi und Berlin, derzeit leitet sie das Süd-Asien-Team der Nachrichtenagentur Associated Reporters Abroad. Sie befasst sich aktiv mit der Präsenz von Frauen und Minderheiten in deutschen Medien. Hani Yousuf hat einen Abschluss als Master an der Columbia University Graduate School of Journalism (New York). Sie reist und isst gerne und hört klassische Musik und Jazz. Dazu schreibt sie für verschiedene deutsche, amerikanische und südasiatische Zeitungen und Magazine.

Erstveröffentlichung bei himalmag.com, am 31. August 2012.

Übersetzung: Mareen Heying
Der Beitrag wurde neu übersetzt, dies hier ist die Langfassung der neuen, durch Hani Yousuf autorisierten Übersetzung. Eine gekürzte Fassung gibt es in der Printausgabe 4/2012.