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Herbst 3/2020

Wer bügelt eigentlich bei Ihnen?

Geschlechterverhältnisse im ländlichen Raum

Das Landleben erlebt derzeit eine Renaissance als Sehnsucht, in der naturnahes Leben möglich ist und das Obst noch auf den Bäumen wächst. Zahlreiche Zeitschriften zum Thema sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Assoziationen über das Leben auf dem Land sind allerdings subjektiv geprägt: entweder wird das Dorfleben aufgrund seiner Provinzialität, Piefigkeit und der steten sozialen Kontrolle abgelehnt. Oder es wird verklärt als ländliche Idylle, in der das Eigenheim mit Grundstück garantiert scheint. Beides ist wahr und unwahr zugleich.

Das Leben auf dem Dorf hat sich in den letzten Jahrzehnten in Ost wie West massiv verändert. Die Berichte über die Entwicklungen in den Dörfern scheinen dem Vorurteil Recht zu geben, dass es auf dem Land eher Rückschritt als Fortschritt gibt. So sorgt der Rückgang der Schüler_innenzahlen für zahlreiche Schulschließungen. Vielerorts schließen die Dorfläden, weil sie sich nicht mehr rechnen. Orte, in denen es weder Ärzt_innen noch Bäckereien gibt, sind keine Seltenheit. Der Strukturwandel der Landwirtschaft und der demographische Wandel bringen zunehmend auch Politik auf den Plan, sich mit dem Landleben eingehender zu beschäftigen. So betrachtet sich das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) als ‚Anwalt für ländliche Räume‘.

Der wirtschaftliche und soziale Wandel ist für die Geschlechter in unterschiedlicher Weise spürbar. Es sind vor allem junge Frauen, die die Dörfer verlassen, um andernorts eine Ausbildung abzuschließen. Diese Abwanderung ist kein neues Phänomen. Neu ist die Tatsache, dass viele der Frauen nicht wieder zurückkehren; dies gilt sowohl für Ost als auch für West. Die Soap ‚Bauer sucht Frau‘ erscheint in diesem Kontext mehr als eine Parodie, denn als eine Antwort auf ein reales Problem.

Die strukturellen Bedingungen für diese Abwanderung liegen auch in den patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft begründet. So ist die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern in ländlichen Regionen bis zu zehn Prozent höher als im bundesdeutschen Durchschnitt (23 Prozent). Viele Frauen arbeiten auf Niedriglohnniveau in so genannten Minijobs. Die schlecht bezahlten Tätigkeiten sind meist Frauenjobs.

In der Wissenschaft wird die erhöhte Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern in den ländlichen Räumen damit erklärt, dass dort mehr Familien als in den Städten leben. Daher werden berufliche Entscheidungen nicht in Abwägung individueller Ansprüche getroffen, sondern häufiger im Kontext familiärer Beziehungen, in denen stärker traditionelle Vorstellungen über die geschlechtliche Arbeitsteilung existieren.

Da Frauen meist das soziale Zusammenleben aktiv gestalten, hat ihre Abwanderung auch gravierende Auswirkungen für das gemeinschaftliche Leben im Dorf. Sie sind es, die sich unbezahlt und ehrenamtlich für den (Wieder)Aufbau der öffentlichen Daseinsfürsorge einsetzen. Wenn sich Frauen für das Dorfleben engagieren, dann meist in der Kirche, in Vereinen oder der Nachbarschaftshilfe, weniger aber in den Orts- bzw. Gemeinderäten.

Diese geschlechtsspezifische Aufteilung ist indes auch ein Spiegel der geschlechtlichen Arbeitsteilung, durch die patriarchale Herrschafts- und Machtstrukturen ihren Ausdruck finden. Zugleich werden anhand dieser Arbeitsteilungen bestehende Widersprüche in der Gesellschaft sichtbar. Denn der ohnehin fast nicht zu erfüllende Anspruch der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird zunehmend unmöglich. Viele Frauen tragen mit zum Lebensunterhalt der Familie bei und dennoch existiert weiterhin das bürgerliche Leitbild der fürsorgenden Mutter und Ehefrau. Es sind noch immer Frauen, die überwiegend für die Reproduktionsarbeiten zuständig sind. Sie sind es, die den Spagat zwischen diesen Arbeiten und eigener Berufstätigkeit meistern müssen.

Aber es regt sich Widerstand. Der nicht unbedingt als feministisch bekannte Deutsche LandFrauenverband kritisiert die geschlechtliche Arbeitsteilung und fordert eine Neuorganisierung reproduktiver Tätigkeiten. Auf der diesjährigen „Internationalen Grünen Woche“ (IGW) stellt der Verband die Frage „Wer bügelt eigentlich bei Ihnen?“, um auf die Arbeitsteilung im Haushalt aufmerksam zu machen. Weiterhin fordert der LandFrauenverband Qualifizierungsangebote für junge Männer sowie konkrete Unterstützungsangebote bei der Kinderbetreuung oder den „haushaltsnahen Dienstleistungen“.

Die geschlechtliche Arbeitsteilung und ihre Folgen waren auch zentrales Thema der Zweiten Frauenbewegung. Kritisiert wurde, dass die Trennung von häuslicher und außerhäuslicher Arbeit eine Grundlage für Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen ist. Marx, der sich weniger mit geschlechtlicher Arbeitsteilung auseinandersetzte, sah in der Arbeitsteilung insgesamt eine Voraussetzung für die Entwicklung der Produktivkräfte und des gesellschaftlichen Reichtums. Eine der Arbeitsteilungen ist bei Marx auch die Trennung von Stadt und Land. Dem Landleben gegenüber sind Marx und Engels aber eher skeptisch. Sie kritisieren das Dorf aufgrund seiner geistigen und politischen Isolation und fordern die Befreiung der Landbevölkerung vom „Idiotismus des Landlebens“. So ihr Blick auf die Verhältnisse im 19. Jahrhundert.

Und heute? Heute birgt das Dorf aufgrund der unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Tätigkeiten, Beziehungen und Erfahrungen durchaus Potentiale für gesellschaftlichen Wandel. Der oben beschriebenen Tendenz der Landflucht junger Frauen steht die Stadtflucht einer überwiegend gebildeten und gut situierten Mittelschicht gegenüber. Die Triebfedern für diese Entwicklung von der Stadt auf das Land ist der Wunsch vom Eigenheim im Grünen, aber auch die Sehnsucht nach sozialer Gemeinschaft und eigenhändiger Produktion.

In der Bundesrepublik gibt es etwa 400 alternative Gemeinschaften, denen ihre kollektiv orientierte Lebensweise gemeinsam ist, die über das Zusammenleben in der Kleinfamilie hinausgeht. Iris Kunze forscht zu diesen Gemeinschaften und stellt fest, dass hier reproduktive Arbeitsbereiche in verschiedener Hinsicht aufgewertet werden. „In Gemeinschaften mit gemeinsamer Ökonomie habe ich beobachtet, dass gesellschaftlich notwendige, aber im Kapitalismus als ‚unproduktiv‘ geltende Arbeitsbereiche auch arbeitsrechtlich und finanziell entlohnt, gesichert und aufgewertet werden.“

Eine dieser alternativen Gemeinschaften ist die Kommune Niederkaufungen bei Kassel. Kunze bezeichnet diese als ein gutes Beispiel für eine funktionierende Kommune, in der reproduktive Arbeitsbereiche von der Gemeinschaft z.B. in der Vereinsstruktur kollektiviert werden: „Die Küche wird als professioneller Betrieb geführt und entsprechend professionell arbeiten dort fünf Personen Vollzeit, anstatt dass wie üblich, das Haushaltsmanagement ein privates Ehrenamt nach Feierabend oder ‚Hausfrauentätigkeit‘ ist.“ Diese Veränderungen in der Organisation von wirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten haben auch Wirkungen auf die Geschlechterverhältnisse und das Zusammenleben. In einem Interview berichtet ein Mitglied der Kommune gegenüber Kunze folgendes: „Wir haben festgestellt, dass im Gemeinschaftsprojekt, wo Haushaltszuständigkeiten geregelt sind, unsere Partnerschaft total entspannt ist, weil es kaum Kleinkrieg um Alltäglichkeiten gibt. In einer Kleinfamilie ist die Beziehung so überfrachtet. Man teilt Haushalt, ökonomische Abhängigkeit, Liebesbeziehung, Kindererziehung … Alles ist auf eine Person fixiert, man überlastet sich. Hier im Projekt sind die Bereiche entzerrt: soziale Bereiche, also Liebesbeziehung, Freunde und nette Nachbarschaften von den notwendigen Bereichen.“

Die dargestellten sozialstrukturellen Veränderungen im ländlichen Raum sind daher nicht nur als Rückschritt zu verstehen, sie eröffnen zugleich ein Fenster für die Entstehung von neuen Formen gemeinschaftlichen und solidarischen Zusammenlebens und der Überwindung überkommener Geschlechterverhältnisse. Die sich bereits etablierte Kommune in Niederkaufungen kann ein Lernbeispiel für solidarisches und gemeinschaftliches Zusammenleben bilden, in der die Organisierung von unterschiedlichen Tätigkeiten gemeinschaftlich geregelt wird. Damit wird der Versuch unternommen, reproduktive Tätigkeiten anderen Tätigkeiten gegenüber nicht abzuwerten. Solidarität wird nicht nur in Kämpfen um Lohnarbeit erfahren, sondern auch bei der gemeinsamen Gestaltung der Lebensbedingungen und politischer Aktivitäten (Mobilisierung gegen Castor-Transporte).

Sicherlich sind Kommunen in gewisser Weise gesellschaftliche Inseln. Dennoch sind sie durch ihre gemeinschaftliche Organisation von Hausarbeit, Kinderbetreuung und ihre Selbstverwirklichungspotenziale vielleicht zukunftsfähiger als so manches Dorf und können durch ihre gemeinschaftliche Organisation von Produktion und Reproduktion auch einer immer weiter differenzierenden Arbeitsteilung entgegenwirken.

Katharina Volk