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Sommer 2/2018

Vor 30 Jahren: Die Fraueninitiative Rheinhausen kämpft gegen Stilllegung der Hütte

Von Gabriele Bischoff

Der 26. November 1987 war Initialtag für den längsten Arbeitskampf in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die Kruppianer gehen gegen die Schließung des Hüttenwerks in Duisburg-Rheinhausen auf die Barrikaden. Zunächst ist der Protest erfolgreich, fünf Jahre später wird das Werk dennoch geschlossen.
Die Wir Frauen-Redakteurinnen Florence Hervé und Elly Steinmann waren damals vor Ort und hielten Kontakt zu der Fraueninitiative Rheinhausen, siehe Wir Frauen 2 und 3/1988. Sie berichteten von den Straßensperren, als die Frauen mit zusammengeknüpften Bettlaken den Verkehr lahmlegten, und begleiteten sie bei mancher Mahnwache vor dem Hüttenwerk, wo Fasia Jansen mit den Frauen sang: „Keiner schiebt uns weg“.

Mit drei der Frauen saßen Florence und Elly am 20. Januar 1988 zusammen: „Es gibt Kaffee und Glühwein. Auch Männer und Auszubildende, Mütter mit Winzlingen auf dem Arm, Größeren an der Hand. Viel Lärm im Vorder- und Hintergrund. Die drei erzählen, wie es dazu kam, manchmal im Chor. Eine vierte kommt hinzu, während unser Tonband läuft. Nein, namentlich möchte sie nicht genannt werden. Zu sagen hat sie einiges, ‚weil ich so wütend bin‘. Weiter mitmachen ist klar. ‚Ich könnte nicht mehr anders‘. Heute morgen z.B., als 6.000 Menschen die Brücke zwischen Duisburg und Rheinhausen in ‚Brücke der Solidarität‘ umgetauft haben, war sie mit dabei.“

Begeistert redeten Sigrid Kleer, Aletta Eßer und Beate von der Solidarität, von dem Zuspruch, von den Geldspenden, von dem Bürgerkomitee, das sich gegründet hatte, und von den Vorbildern: den Hattinger Frauen. Wie sie gründeten sie eine Fraueninitiative, ihr Widerstandssymbol: eine rote Rose, die sich mit ihren Stacheln wehrt.
Im März fuhren die Frauen nach Longwy, dem ehemaligen Herzen der lothringischen Stahlindustrie. In der einst blühenden Stadt findet ein Grenztreffen statt, initiiert von der 190.000 Mitglieder starken Frauenunion Frankreichs UFF und von der Demokratischen Fraueninitiative (DFI). Gekommen sind rund 250 Frauen aus Lothringen, aus Luxemburg, Belgien und allein 60 Frauen von den Fraueninitiativen Rheinhausen, Hattingen und Camphausen. Longwy glich einer Geisterstadt: auf dem ehemaligen Stahlwerksgelände war alles bis zur letzten Schraube abmontiert und nach China exportiert worden. Die Rheinhausener Frauen haben geheult, als sie das gesehen haben, ahnend was sie erwartete! Sie sprachen über Arbeitslosigkeit, ungeschützte Arbeitsverhältnisse, niedrige Löhne, fehlende Ausbildung, Armut, Elend. Im Mai 1988 überbrachten Vertreterinnen der UFF, der DFI und der Fraueninitiativen ihre Forderungen dem Europaparlament in Straßburg. Die Solidarität hat die Frauen zusammenwachsen lassen.

Schon vorher gab es Aufstände der Stahlwerker gegen die Hüttenschließung in Hattingen, wie in Rheinhausen war es das verzweifelte Aufbegehren stolzer und selbstbewusster Belegschaften und ihrer Familien. „Taschenrechner in Menschengestalt“ nannten die Arbeiter die Manager von Thyssen und Krupp, die mit Stilllegungsbeschlüssen auf die weltweite Überproduktionskrise beim Stahl reagierten. Dagegen entwickelten die Menschen Formen des Widerstandes, wie sie die Republik bis dahin noch nicht erlebt hatte. Bei dem Kampf ging es neben dem Erhalt der Hütte ebenso um Würde. „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“. Dieser Spruch, später oft nur noch als Phrase gebraucht, hier hatte er Bedeutung.

Der Hattinger Protest war zäh und fantasievoll. Doch Ende Juni 1987 wurde der Stilllegungsbeschluss bestätigt, aber die Hattinger hatten dem Konzern und der Politik durch ihren Kampf umfangreiche Zugeständnisse wie Frühpensionierungen, „freiwilliges“ Ausscheiden und Versetzungen abgetrotzt. Das Land legte das millionenschwere Programm „Zukunftsinitiative Montanregion“ auf. Der Arbeitskampf in Hattingen diente den Kruppianern in Rheinhausen als Blaupause für den erbittertsten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er wird 160 Tage dauern. Das Werk steht in dieser Zeit fast still, die Belegschaft ist im Dauer-Ausstand.
In Rheinhausen ist der Widerstand radikal und fantasievoll: besetzte Brücken und blockierte Autobahnen, die Arbeiter stürmen die Verwaltung von Krupp-Stahl in Bochum und die Villa Hügel in Essen. Es werden Videos und Radiosendungen produziert, Tausende sind täglich auf den Straßen. Im Februar 1988 bilden rund 100.000 Menschen im Ruhrgebiet eine Menschenkette – von Rheinhausen bis zu Hoesch in Dortmund. Was für ein Symbol.
Auch in Rheinhausen endet der Kampf mit einem Kompromiss: Auf die sofortige Schließung wird verzichtet, ebenso auf Massenentlassungen. Doch ist das Aus für die Stahlproduktion besiegelt.

„Im Arbeitskampf gewannen die Frauen“, beschreibt es Ellen Diederich heute. „Sie hatten häufig keine eigene Berufsausbildung, Selbstbewusstsein, ein großes Wissen von den Strukturen der Gesellschaft. Einige konnten in eine neue Berufstätigkeit gehen, engagierten sich im sozialen Bereich, in den Schulen. Insgesamt war der Arbeitskampf eine tiefe Erfahrung von Solidarität der gesamten Bevölkerung in Rheinhausen, in Duisburg, im ganzen Ruhrgebiet.“


In ihrem Text „Anfassen – Zupacken! Keiner schiebt uns weg!“ erzählt Ellen Diederich als Zeitzeugin und Mitstreiterin von den Fraueninitiativen, die von Erwitte bis Duisburg-Rheinhausen für den Erhalt der Arbeitsplätze kämpften. Zu finden ist er auf unserer Website: www.wirfrauen.de.