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Frühjahr 1/2020

Von der DDR lernen?

Die Amerikanerin Helen Frink hat die Lage der Frauen in der DDR und nach der Wiedervereinigung untersucht

Wie sieht eine US- Amerikanerin die Situation der Frauen in der DDR? Ein Buch der Feministin Helen Frink, Dozentin am State College von Keene, New Hampshire, gibt darauf eine unerwartete Antwort.

Sie hat Reisen in die neuen Bundesländer unternommen, dort mit Frauen gesprochen, hat sich belesen und aus dem gesammelten Material ein Buch zusammengestellt, das alles in allem DDR- freundlich ist. Dabei hatte sie durchaus Vorurteile zu überwinden. In der Einleitung erzählt sie: “Während meiner Kindheit im Nordosten der Vereinigten Staaten in den 50er und 60er Jahren habe ich gelernt, daß mein Land und seine Verbündeten zur ´freien Welt´ zählten und demokratisch und gut sind. Die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten hingegen waren kommunistisch und böse.”

Aus welcher Perspektive beurteilen Menschen die Realität? Der Großteil der Studien über sozialistische Staaten, so Helen Frink, stamme von privilegierten, d.h. weißen, gebildeten männlichen Wissenschaftlern. Berufstätigen Müttern mit Kindern stelle sich manches anders dar. Die Autorin beweist Pioniergeist: “Als Mutter und Hochschuldozentin wollte ich wissen, ob Amerika etwas von Ostdeutschland /d.h. der DDR, C.F./ lernen konnte (…)” Ein erstaunlicher Ansatz!

Unter dem Titel “Women after Communism. The East German experience” wurde ihr Buch zuerst in den USA von der University Press of America veröffentlicht. Die Autorin hat dafür Interviews geführt und ausgewertet, hat Gehörtes und Gelesenes mit Zahlen aus Statistiken ergänzt. Ihre Gesprächspartnerinnen hat sie u.a. in der Gesellschaft für Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM), dem Verein “Miteinander wohnen” und dem Mecklenburgischen Bildungswerk gefunden.

Zu den Befragten gehörten u.a. eine Frau, die 15 Jahre lang in der Staatlichen Plankommission der DDR tätig war, und eine andere, die beim Dietz- Verlag gearbeitet hatte. Die positive Darstellung der Biographien solcher “Karrierefrauen” ist nicht hoch genug zu bewerten.

Die Geschichte der DDR wird nur gestreift. Schon in der Verfassung von 1949 war die Gleichberechtigung der Frau verankert worden. In Artikel 7 hieß es: “(1) Mann und Frau sind gleichberechtigt. (2) Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.” Ebenfalls wurde dort das Prinzip “gleicher Lohn für gleiche Arbeit” festgelegt.

1950 folgte das Gesetz zum Schutz von Mutter und Kind (im Internet unter www.verfassungen.de/de/ddr/mutterkindgesetz50.htm). Darin wurden Maßnahmen, die “nicht nur die rechtlichen, sondern auch die tatsächlich noch bestehenden Ungleichheiten beseitigen” sollten, beschlossen. Dazu gehörte die finanzielle Unterstützung von Müttern ebenso wie die Verbesserung der ärztlichen Betreuung der Kinder. Die konkrete Planung für die Jahre von 1951 bis 1955 sah u.a. die Schaffung von Kinderheimen für Kleinkinder mit insgesamt 60 000 Plätzen, 15 Kinderpolikliniken in Großstädten und Industriezentren, Kinderkrippen mit insgesamt 40 000 Plätzen, (Kosten: 40 Millionen DM) sowie Kindertagesstätten mit insgesamt 160 000 Plätzen vor.

Ab 1952 erarbeitete der Ministerrat Frauenförderungspläne. Entsprechend den Bedürfnissen der Volkswirtschaft sollten bzw. durften Frauen zunehmend in traditionellen Männerberufen arbeiten.

So gab es z.B. in der Baubranche eine Zunahme der weiblichen Arbeitskräfte von 13,3 % (1970) auf 17,2 % (1989).

1989 waren 48,8 % aller Berufstätigen Frauen. Über 91 % der Frauen zwischen 15 und 60 Jahren arbeiteten, studierten oder absolvierten eine Lehre, fast alle hatten mindestens ein Kind.

Sie wurden bei der Weiterbildung und Qualifizierung unterstützt. Und bereits im Gesetz von 1950 war gefordert worden: “Es ist dafür zu sorgen, daß Frauen in höherem Maße als bisher in leitenden Stellungen arbeiten”.

Trotzdem drangen nur wenige Frauen in das Politbüro und in Ministerämter vor. “Im großen und ganzen wurde Politik für Frauen gemacht, aber nicht von Frauen”, meint Helen Frink.

Nach der Wiedervereinigung schwanden die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, Kinderbetreuungsplätze wurden abgebaut, und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch wurde beschnitten.

Frauen wurden in die Arbeitslosigkeit gedrängt und mußten sich mit niedrigen Renten abfinden.

Hinzu kamen Probleme mit sexistischen Medieninhalten, von denen DDR- Frauen zuvor verschont geblieben waren.

Helen Frink hat keine trockene wissenschaftliche Abhandlung vorgelegt. Ihr Buch ist engagiert, locker, sogar unterhaltsam geschrieben. Aber das hat auch Nachteile. Schon die unkritische und ungeprüfte Verwendung von statistischem Material ist nicht ganz unbedenklich. Die Autorin tendiert außerdem zur Verallgemeinerung individueller Erfahrungen mit der DDR, die ihre Gesprächspartnerinnen ihr mitgeteilt haben, und die ja schon gebrochen oder nachkorrigiert sind. Auch eigene Erlebnisse hat sie in unzulässiger Weise verallgemeinert, wie ihre Eindrücke vom Besuch eines DDR- Ferienlagers bei Erfurt, das aus “schlecht isolierten und fensterlosen Gebäuden bestanden habe”: “Geduscht wurde in Gruppen, aber nicht täglich”, und keins der Kinder habe gelächelt.

So rutscht die Studie zuweilen auf ein recht niedriges Niveau ab oder wird unfreiwillig komisch:

“Ostdeutsche Hautcremes rochen nach dem Petroleum, aus dem sie hergestellt wurden. Einige Frauen lächelten nur mit Bedacht, um einen fehlenden Zahn zu verbergen. Die meisten Frauen waren ziemlich schlank, aber nicht aus modischen Gründen, sondern einfach, weil Leckereien wie Schokolade, Eiskrem, Kaffee und Gebäck nicht so billig waren.”

Auch einige der üblichen Klischees über die Stasi fehlen nicht. Und gleich auf der ersten Seite wird behauptet, daß “Vorzüge des Reisens, freie Wahl der Ausbildung” und Beförderung “durch Parteimitgliedschaft ermöglicht” worden seien.

Erotische Darstellungen in Film, Literatur und bildender Kunst seien tabu gewesen. Man habe Weihnachten gefeiert, den Namen aber in “Fest der Freude und des Schenkens” geändert, und ein Lied wie “Stille Nacht, heilige Nacht” sei von Chören nicht gesungen worden.

All dies kann ich aus eigener Erfahrung nicht bestätigen.

Trotz dieser peinlichen Fehler- eine empfehlenswerte Publikation. Bleibt die Frage, warum so eine Darstellung nicht längst- viel fundierter- von Ostdeutschen geschrieben, warum das einer unbefangenen, aber auch relativ ahnungslosen Außenstehenden überlassen wurde.

Cristina Fischer