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Winter 4/2019

Vermittlerin und Querdenkerin

Marie Stritt

Geboren: 18.2.1855
Gestorben: 16.9.1928

Marie Bacon wurde in Siebenbürgen geboren und wuchs mit drei Geschwistern in einer liberalen Familie auf. Sie besuchte eine höhere Töchterschule und ließ sich in Wien zur Schauspielerin ausbilden. In Karlsruhe lernte sie ihren späteren Mann, den Opernsänger Albert Stritt kennen; 1879 heirateten sie und bekamen zwei Kinder.

In Dresden kam Marie Stritt mit der bürgerlichen Frauenbewegung in Kontakt. Sie gründete 1894 den ersten Rechtsschutzverein und beteiligte sich an den Protesten gegen das Bürgerliche Gesetzbuch, das 1900 in Kraft trat.

1900 übernahm sie den Vorsitz des neu gegründeten Bund deutscher Frauenvereine (BDF) und führte diesen zehn Jahre lang durch die Untiefen innerverbandlicher Konflikte. Dabei bewies Stritt ein enormes Verhandlungsgeschick. Themen wie Wahlrecht, Prostitution, Erwerbsarbeit und Mädchenbildung mussten in den Grundzügen festgelegt werden, dazu kamen die Ausrichtung internationaler Kongresse, 1904 tagte sogar der ICW (International Council of Women) in Berlin. Zusätzlich redigierte Stritt das Centralblatt des BDF, was ihr ein bescheidenes Einkommen sicherte.

Stritt war eher auf der radikalen Seite der Frauen-bewegung zu finden, setzte sich für das Frauenwahlrecht ein und gegen den Krieg. 1910 wurde sie als Vorsitzende von Gertrud Bäumer abgelöst und legte auch die Herausgeberinnenschaft des Centralblattes nieder. Als Anerkennung ihrer Leistungen trugen Frauenvereine ein Kapital von ca. 28.000 Mark zusammen und gründeten damit die Marie Stritt Stiftung, die allerdings durch Weltkrieg und Inflation vernichtet wurde. In der Weimarer Republik wurde Stritt noch Gründungsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei und zog für diese zwischen 1920 und 1922 in Dresden in den Stadtrat ein. 1928 starb sie, ebenfalls in Dresden. Auf der Trauerfeier sprachen die wichtigsten Vertreterinnen der Frauenbewegung und in allen wichtigen Frauenbewegungszeitschriften erschienen Nachrufe. Helene Lange schrieb in ihrem Nachruf: „Das Beste und Höchste, was von einem Menschen gesagt werden kann, ist, daß seine formende Hand in der Gestaltung seines Wirkungsfeldes der geschichtlichen Rückschau unauslöschlich erkennbar bleibt. Es sind nicht viele Frauen, die in diesem höchsten Sinn Führerin waren. Marie Stritt gehörte zu ihnen.“

Zu Marie Stritt: Elke Schüller: Marie Stritt. Eine „kampffrohe Streiterin“ in der Frauenbewegung (1855–1928), Ulrike Helmer Verlag 2005.
Kerstin Wolff