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Herbst 3/2020

Väter zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Aktive Vaterschaft“, „neue Väterlichkeit“ oder der „neue Mann“ sind seit Jahren in aller Munde. Was wollen sie eigentlich, die Väter? Sie äußern häufiger egalitär-partnerschaftliche Wünsche und Vorstellungen als in den 1980er Jahren. Dennoch ist der Vater noch nicht in der Familie angekommen. Die meisten Väter sind noch immer abwesend, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Die Realität von Vätern wird ihrem Anspruch nicht gerecht, die Ideal-Real-Diskrepanz hat sich sogar vergrößert

Die Möglichkeit, Elternzeit zu übernehmen, bewerten Männer positiv. Bezieht sich die Frage jedoch auf die persönliche Situation, reduziert sich die Zustimmung deutlich. Die tatsächliche Inanspruchnahme verharrt seit Jahren bei unter 2 %, auch wenn verschiedentlich fälschlicherweise von beinahe 5 % die Rede ist. Als Hauptgrund, nicht in Elternzeit zu gehen, verweisen Männer in den meisten Fällen auf finanzielle Aspekte. Es folgen die Angst vor beruflichen Nachteilen und der Wunsch beruflich voranzukommen. Immerhin 32 % der Väter argumentieren, sie fühlten sich für die Kinderbetreuung nicht geeignet (Institut für Demoskopie Allensbach 2005).

Viele Väter wünschen eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit (um bis zu 5 Stunden pro Woche). Sie erheben aber weiterhin Anspruch auf die Position des Haupternährers, die allenfalls durch die Teilzeit arbeitende Mutter entlastet wird. Die „modernisierte Ernährerehe“ (Pfau-Effinger) entspricht damit den Vorstellungen der meisten Männer. Väter in Teilzeitarbeit sind immer noch die Ausnahme. Oft weiten Väter ihre Berufstätigkeit sogar noch aus.

Die Tatsache, dass Männer in der Regel mehr verdienen, wird zum Hauptargument für die Aufgabenverteilung. Paare, die ausbalancierte Arrangements von Arbeit und Leben umsetzen, nehmen mangelnde berufliche, finanzielle und soziale Absicherung in Kauf.

Doch auch bei gleicher formaler Qualifikation, vielfach sogar bei besseren Karriereaussichten der Frau, wird der männlichen Karriere Vorrang eingeräumt. Der Mann entscheidet losgelöst von der Partnerschaft, die Frau orientiert sich an Möglichkeiten der Vereinbarkeit. Das verweist auf die identitätsstiftende Funktion des Berufes für Männer und somit auf Ursachen, die über ungleiche Einkommenschancen der Geschlechter hinausgehen. Zwar behindern Strukturen wie die sozialstaatliche Orientierung am traditionellen Ernährermodel Veränderungen, jedoch scheinen auch die Männlichkeitsbilder hinderlich. Die Position des Ernährers verleiht dem Mann Macht, eine ökonomische Macht, die erst durch die Geburt des Kindes und den Ausstieg der Frau aus dem Berufsleben entstehen kann.

Die deutlichsten Veränderungen zeigen sich im väterlichen Anspruch, an kindbezogenen Aktivitäten teilzuhaben. Kinder haben heute für viele Väter einen hohen emotionalen Wert, sie stehen für Lebenssinn und -erfüllung. 69 % der jüngeren Väter sind der Ansicht, dass „man sich als Vater genauso intensiv um die Kindererziehung kümmern müsse wie die Mutter“ (Institut für Demoskopie Allensbach 2005). Einige Väter mit Kindern unter 3 Jahren setzen diesen Anspruch ansatzweise und zeitlich begrenzt um. Insgesamt führen das kaum zu einer verstärkten Übernahme der Kinderbetreuung.

Väterliches Engagement ist wenig flexibel. Immer übernehmen Väter vorwiegend die angenehmen Tätigkeiten (spazieren gehen, vorlesen, Sport). Für Mütter ist Kinderbetreuung notwendig, für Väter entscheidungsgebunden. Mütter leben eine zweckrationale Pflichtethik, Väter sind eher distanziert und kapriziös. Bemerkenswert ist, dass „Männer auch dann weniger Zeit aufwenden (würden), wenn sie in sozialer Hinsicht eine Frau wären“ (Walter, Künzler 2002).

Sind männliche Vorstellungen von der aktiven Vaterschaft also nur „Lippenbekenntnisse“ (Metz-Göckel, Müller)? Männlichkeit in der heute dominierenden Form ist der Tribut des Mannes an seine Machtstellung, wie Marilyn French bereits 1985 anmerkte. Ursächlich scheint die Gleichsetzung von Mann und Vater sowie Frau und Mutter zu sein. Studien belegen, dass Väter mehr oder minder eine gleichberechtigte Partnerschaft in allen Bereichen wünschen, sei es aus eigenem Antrieb oder auf Druck von Frauen und Partnerinnen. Anspruch und Wirklichkeit von Vätern liegen demnach weiter auseinander, als bei vorherigen Generationen, in denen traditionelles Verhalten auch mit traditionellen Einstellungen einherging. Die „neuen Väter“ sind an ihren Ansprüchen zu messen. „Väter, die sich über die Beziehung zu ihren Kindern Gedanken machen und dabei ein schlechtes Gewissen haben, hat es schon immer gegeben“ (Leube 1985). Die veränderten Einstellungen heutiger Väter sind vor allen durch Verhaltensneutralität gekennzeichnet.

Andreas Martin