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Herbst 3/2020

Utopien denken, über das Bestehende hinaus

0409_utopienIn den gegenwärtigen Krisen wird viel diskutiert, über die Grenzen des Profits, soziale Kosten und Umweltzerstörung. Auch Feministinnen ergreifen das Wort und fordern, mehr Frauen an der Macht zu beteiligen. Die Krise sei von Männern gemacht, mehr Frauen in den Aufsichtsräten würden die Sache schon richten. Wenn bald und wie üblich an sozialen Dienstleistungen gespart wird, ist klar, wer – in bester Tradition – unbezahlt die meiste Sorge-Arbeit in Pflege, Erziehung und Haushalt leisten wird. Frauen seien als „soziale Airbags“ im besonderen Maß betroffen, zudem stellen sie das Gros der unsicher Beschäftigten. Der Staat diskriminiere, er rettet lieber Männer- (Opel) statt Frauen-Arbeitsplätze (Arcandor).

All diesen Ansätzen, so Frigga Haug, ist eines gemeinsam: Sie führen nicht weiter, sofern sie sich darauf beschränken, Phänomene zu verdammen. Sie setzen Frauen ans unterste Ende im „Opfer-Ranking“ und nähren damit die Idee von der weiblichen Ohnmacht. Wer glaubt, es ginge allein um Macho-Gehabe und Testosteron-überschuss, begreift die gegenwärtigen Krisen als rein psychologisch oder biologisch. Wer aber von patriarchalen Strukturen reden will, darf vom Neoliberalismus nicht schweigen. In diesem werden auf vielfältige Weise Ungerechtigkeits-, Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse produziert, besonders wirkungsvoll entlang der Achsen Geschlecht, soziale Herkunft/Besitz, Nationalität … Es sind diese Verhältnisse, die den Neoliberalismus am Laufen halten.

Linker Feminismus muss weiter wagen, Utopien zu denken, über die Grenzen des Bestehenden hinaus. Es geht um solidarisches Handeln statt Vereinzelung und Resignation.

Wer sind „Wir“?

Angesichts all der Unterschiede zwischen Frauen ist ein einfaches „Wir Frauen“ schon lange nicht mehr zu haben. Vorschnell ausgerufen, werden Machtverhältnisse und Konflikte innerhalb des „Wir“ übertüncht. Zugleich aber hält uns die Idee, wir seien ganz allein, in den Verhältnissen fest. Ein strategisches „Wir“ bleibt wichtig, es muss jedoch immer wieder errungen werden, was heißt, sich auseinanderzusetzen statt auseinander zu gehen, jede für sich in „Selbstverantwortung“ und Vereinzelung.

Ein feministisches Wir könnte z. B. Gesellschaft vom Standpunkt von Frauen aus kritisieren: Achtsam sein gegenüber Ausbeutung und Ausgrenzung in all ihren Formen. Hartnäckig zur Sprache bringen, was ausgeblendet wird, weil es von der „Norm“ abweicht, die stets eine implizit weiße, männliche, bürgerliche, heterosexuelle, westliche … ist.

Christina Thürmer-Rohr erinnert daran, dass die Frauenbewegung seit jeher Gewaltverhältnisse aufdecken und überwinden will: „Geschlechtsbedingte Diskriminierung und sexuelle Gewalt geht alle Frauen auf der ganzen Welt an, und solange diese Gewalt existiert, bleibt jede Arbeit unentbehrlich, die die Betroffenen unterstützt. Allerdings wäre die Zeit des Feminismus tatsächlich vorbei, sofern er „Geschlecht“ zur totalisierenden Kategorie erhebt und lebendige Menschen zu bloßen „Geschlechtsgenoss/innen“ zusammenschmieden wollte. Zum Glück besitzt der Feminismus mit seinen vielen Varianten kein Dogma. Er ist selbst so plural wie verschieden die Probleme sind und die Beteiligten handeln. Er überlebt nur, (…) wenn er im Auge behält, dass er ein Beitrag für eine gerechtere Welt ist.“ (1)

Judith Butler stellt den Begriff der Prekarität in den Mittelpunkt: Unser aller Leben ist prekär, wir sind endlich und verletzlich, eingebunden in wechselseitige Abhängigkeiten. Auch hier geht es um Grenzen. Prekarität ist jedoch ungleich verteilt. Dies ist „zugleich eine materielle Frage und eine der Wahrnehmung, denn jenen, deren Leben nicht als potenziell betrauerbar und dementsprechend wertvoll „betrachtet“ wird, wird die Last des Verhungerns, der Unterbeschäftigung, der legalen Entrechtung und des ungleich größeren Risikos von Gewalt und Tod aufgebürdet.“ (2) Um in Prozesse von Prekarisierung einzugreifen, braucht es Bündnisse, die auf gemeinsamen Zielen und weniger auf vermeintlicher Identität basieren.

Begriffe neu und feministisch denken

Linker Feminismus sucht einen neuen „Gesellschaftsvertrag“ zwischen den Geschlechtern und Generationen, zwischen Nord und Süd, zwischen Mensch und Umwelt. Die Globalisierungsgegnerin Claudia von Werlhof beschreibt, inwiefern im Neoliberalismus gnadenlos alles zur Ware und damit „plünderbar“ gemacht wird, ein Prozess der Enteignung, der selbst vor Wasser nicht halt macht. Sie setzt dagegen eine liebevolle, spirituelle Haltung, basierend auf der Einsicht, dass alles Sein miteinander verbunden sei. (3) Renate Genth fordert eine „Zivilisationspolitik“, die auf fünf politischen Sinnen beruht: Gemeinsinn, Gerechtigkeitssinn, Gleichheitssinn (gemeint ist materielle Gleichheit), Freiheitssinn und Verantwortungssinn. Antje Schrupp schlägt vor, Wirtschaft zu definieren als „das gemeinschaftliche Organisieren der Bedürfnisse der Menschen“ (www.bzw-weiterdenken.de).

Von einer re-produktiven Ökonomie spricht Adelheid Biesecker, basierend auf der Maßgabe „Erhalten im Gestalten“, der Fürsorge ebenso verpflichtet wie der Vorsorge. „Neue Menschen“ seien dazu nötig, „deren Ethik sich nicht in Profit- oder Nutzenmaximierung ausdrückt, sondern im Sorgen“. (4) Auch die Vier-in-einem-Perspektive Frigga Haugs basiert auf einem Paradigmenwechsel und setzt eine gesamtgesellschaftliche Debatte voraus. In dieser müssten Ziele, Inhalte, Ausmaß und Formen menschlicher Arbeit demokratisch verhandelt werden. Als Arbeit versteht Haug auch Muße und kulturelle Weiterentwicklung, das politische Engagement ebenso wie die (Re-)Produktion des Lebens selbst. All diese Arbeit gehört gerecht geteilt, jedeR hat ein Recht, sich in allen Bereichen zu entfalten. (5)

Die Volkswirtin Friederike Habermann suchte nach „Halbinseln gegen den Strom“ und stieß dabei auf Projekte, in denen Menschen anders miteinander leben, arbeiten und wirtschaften. Der „utopische Überschuss“ in diesen Projekten bestehe darin, „die scheinbare Natürlichkeit der kapitalistischen Logik allein durch die Erfahrung aufzubrechen, dass es auch anders geht. Wenn wir es als Selbstverständlichkeit leben, beizutragen statt zu tauschen, zu teilen statt zu kaufen, wird uns niemand mehr erzählen können, dass die Tatsache, dass 100.000 Menschen am Tag verhungern, leider nicht zu ändern wäre. Oder dass wir nur etwas Wert sind, wenn wir imstande sind, uns zu verwerten.“ (6)

All diese Ansätze fordern auf, Begriffe wie „Arbeit“, „Wachstum“, „Wohlstand“ und „Entwicklung“ völlig neu und feministisch zu denken.

Zeit-Raum für uns

Terri Seddon (7) erklärt: „Dem individualisierenden Impuls zu widerstehen, heißt „nein“ zu sagen zu der Annahme persönlichen Versagens, die die Vorstellung einer „work-life-balance“ impliziert. Das Unbehagen der Menschen in der extrem beschleunigten neoliberalen Welt ist keine persönliche Unzulänglichkeit. Die Ausdehnung der Erwerbsarbeit auf die Lebensarbeit muss nicht als persönliche Schuld gelebt werden – dass ich nicht genug Zeit für meine Familie habe, dass ich nicht gesellig genug bin, meine Freundschaften nicht genug pflege und nicht genug dafür sorge, Spaß zu haben, dass ich nicht gut genug bin. Schuld ist grundlegend für die neoliberale Verzauberung.“ In solchen Verhältnissen erscheint politisches Engagement wahlweise als Zeit-Luxus oder Zumutung.

Was wir als ständige Überforderung erleben, ist nichts anderes als eine unmenschliche Unterforderung, so die pro:fem-Autorinnen. Denn eigentlich haben wir „eine Sehnsucht nach viel, viel mehr. Wir wollen leben, lieben, arbeiten, lernen, lachen, musizieren, dichten, malen, denken, tanzen, Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit, Gesundheit, Freundlichkeit, Frieden, solidarisches Miteinander … Der Traum von einer besseren Welt, mit uns darin, ist eine unserer Kraftquellen.“ (8) Es braucht immer wieder aufs Neue erstrittene Zeit-Räume, in denen wir gemeinsam lustvoll Utopien spinnen, hart diskutieren, Positionen formulieren und für unsere Ziele kämpfen.

Melanie Stitz

 

1 Christina Thürmer-Rohr: „Geschlechterverhältnisse. Selbstbestimmung, Menschenrechte und Gewalt“, Vortrag zum 8. März 2009 in Köln.
2 Judith Butler: „In Prozesse der Prekarisierung eingreifen“, in: Das Argument 281: Elemente eines neuen Feminismus. 2009.
3 Claudia von Werlhof: Lizenz zum Plündern – Was tun? Vortrag vom 9.-11.11.2002, www.frauenakademie.de.
4 Adelheit Bieseker: „Geld zum Spekulieren? Nein – Geld zum Leben!“ – Feministische Anmerkungen zur Finanzkrise auf www.genanet.de.
5 Frigga Haug, u. a. in „Die Vier-in-einem-Perspektive“, Hamburg 2008.
6 „Utopischer Überschuss“: Interview mit Friederike Habermann im Freitag, 20.6.2009.
7 in: Das Argument 281: Elemente eines neuen Feminismus, 2009.
8 pro:fem (Hg.): „Auf der Suche nach der vergeudeten Zeit. Überforderung ist Unterforderung“, Hamburg 2009.