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Frühjahr 1/2019

„utopie ist gegenwart, wartet gern noch auf morgen“ (1)

Eine andere Hochschule ist möglich

Ernüchterung, Unzufriedenheit und die Erfahrung, nicht allein mit unseren Gedanken zu sein, motivierten uns, diesen Artikel zu schreiben. Wir – die Autorinnen dieses Textes – sind in unterschiedlicher Weise an die Hochschule gebunden und sehen uns als Nachwuchswissenschaftlerinnen mit prekären Bedingungen an der Hochschule konfrontiert. Wie sieht sie aber aus, die Hochschule, an der wir lernen, forschen und arbeiten wollen? Diese Frage haben wir uns gestellt und gemeinsam diskutiert. Entstanden sind drei Porträts, die – jedes für sich – einen Einblick in unseren Wissenschafts-/Hochschulalltag und unsere Utopie einer „anderen“ Hochschule aufzeigen. (2)

„Ich bin Doktorandin in einem Forschungsprojekt, habe eine volle Stelle und mein Arbeitsvertrag läuft drei Jahre!“ So schön hört es sich an, wenn ich von meiner Arbeit in der Wissenschaft berichte. Meistens vergesse ich dabei zu sagen, dass ich wöchentlich acht Stunden in der Deutschen Bahn verbringe, zwei Wohnsitze finanziere und neben der Arbeit im Forschungsprojekt eigentlich keine Zeit für meine Promotion habe, ganz zu schweigen von meinem Privatleben. Um meine idealistische Vorstellung, kritische Forschung zu betreiben, Zeit für meine Promotion und vielleicht sogar noch Zeit zum Leben zu haben, geht es schon länger nicht mehr. Im Zentrum steht vielmehr meine alltägliche Selbstorganisation zwischen Privat- und Berufsleben, das Kämpfen um Anerkennung und die Sorge darum, ob ich wirklich immer die volle Leistung erbringe, die von mir erwartet wird.

Getrieben von der Frage um meine Existenz und der erfolgreichen Durchführung meines Qualifizierungsprojektes, der Dissertation, stelle ich mir jetzt schon die Frage, wo ich in 1,5 Jahren sein werde, wenn mein Vertrag ausläuft. Eine neue Hochschule, eine neue Stadt, ein neuer befristeter Arbeitsvertrag? Genauso wenig Zeit für das eigene Forschungsprojekt und ein neuer Kampf um Anerkennung im Wissenschaftsbetrieb? Die Promotion wird dann ein lebenslanges Qualifizierungsprojekt und meine Arbeitsorte wechsle ich wie meine Unterwäsche.

Wenn ich mich ehrlich frage, wie ich leben und arbeiten möchte, dann sieht meine Utopie einer (geschlechter-)gerechten Hochschule anders aus. In meiner Utopie haben Nachwuchswissenschaft-ler_innen langfristige Arbeitsverträge, die es ihnen auch neben Lehr- und Forschungstätigkeiten ermöglichen, eine kritisch-reflexive Haltung zu entwickeln und ausreichend Zeit für ihre Promotionsprojekte zu haben. Sie hätten Zeit, sich Gedanken zu machen, Zeit, sich eine Meinung zu bilden, und sie hätten die Möglichkeit, sich in einem kollegialen Umfeld auszutauschen.

Die Gewinnung von finanziellen Mitteln für die Forschung, z. B. aus der Wirtschaft, führt zu einem immensen Wettbewerbsdruck und einem Drittmittelzwang unter Professor_innen und Hochschulen. Das CHE-Hochschulranking, das einen regelmäßigen Vergleich von Hochschulen und Studiengängen veröffentlicht, trägt zusätzlich dazu bei, dass es mehr um einen Wettbewerb um ökonomische Ressourcen geht als um „exzellente Forschung“.

In meiner Utopie habe ich eine ‚Dr.-Mutter‘, die sich stets darum bemüht, mich in meiner Arbeit emotional und inhaltlich zu unterstützen und nicht nur für eine Drittmittelakquise kämpft. Es würde (wieder) mehr um die Qualität der Forschung gehen und weniger um ihre Quantität. Hochschulen wären kein Ort für das „hochqualifizierte Prekariat“, sondern ein Ort des Lernens für ALLE Menschen. Für ALLE Menschen heißt, auch für Frauen. Der Anteil der Professorinnen an deutschen Hochschulen läge dann auch nicht bei 19 %, sondern bei über 50 %.

Die Hochschule: ein Ort, an dem Wissen erfahrbar ist, Bildung emanzipiert und Aufklärung uns zu mündigen Menschen verhilft. Hier kann Demokratie erprobt und gelebt werden. Die Hochschule: ein Ort, an dem ohne Schranken nachgedacht wird und Kritik ihren Eingangs- und/oder ihren Ausgangspunkt findet. Dachte ich, als ich den Zugang zur Hochschule erwarb. Utopie, denke ich nun, als Promotionsstipendiatin und ehemalige Mitarbeiterin einer Universität. Eine Hochschule, die Wissen und Bildung erfahrbar und erlebbar macht und nicht nur im Denken schrankenlos ist, sondern auch in ihren Zugangsmöglichkeiten, diese Hochschule kann nicht in einer Gesellschaft existieren, die patriarchal-kapitalistisch organisiert ist.

Die Hochschule als Teil der Gesellschaft unterliegt gesamtgesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen und den darin geltenden kapitalistischen Verwertungslogiken. Die gegenwärtige patriarchal-kapitalistische Gesellschaft ist geprägt von verschiedenen Formen der Arbeitsteilung: zwischen Männern und Frauen, Kopf und Hand, Stadt und Land. Diese Teilung spiegelt sich auch in der Organisation von Bildung und Produktion von Wissen wieder. So z. B. in der geschlechtsspezifischen Studienwahl und in der Art, wie Studiengänge konzeptionalisiert werden.

Des Weiteren unterliegen Bildung und Wissen Spezialisierungsprozessen, durch die Wissenschaft „kastriert“ wird und Studiengänge immer feingliedriger werden. Mit dem Bildungsbegriff wird heute primär der Erwerb von ausgewählten „Kompetenzen“ verbunden. Die „Kompetenz“ bezieht sich dabei nicht nur auf den Inhalt, sondern auch darauf, dass Individuen lernen, wie sie ihr Wissen in der Gesellschaft einsetzen können (vgl. Demirovic 2010). Bildung hingegen bedürfe der Liebe, so Adorno. Damit spricht er die Fähigkeit der Menschen an, überhaupt etwas „Geistiges“ an sich heranzulassen und es produktiv in das Bewusstsein hereinzulassen (Adorno 2003: 485). Bildung ist nicht das Lernen, das „Studium Generale“, sondern geht darüber hinaus.

Was also ist Bildung und was könnte sie in einer anderen Gesellschaft sein? In meiner Utopie haben solche grundsätzlichen Gedanken und Fragen Platz, sie sind kein „Nicht-Ort“. Die Menschen haben die materiellen und immateriellen Möglichkeiten, an einer Hochschule zu studieren, sich mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragen gleichermaßen auseinanderzusetzen – ohne dabei ein „verwertbares Ergebnis“ im Sinne kapitalistischer Verwertungslogik produzieren zu müssen. Die Menschen können Erfahrungen sammeln und werden mündig; die Demokratie ist lebendig und voller produktiver Widersprüche. Schön wär’s.

Wissen aufnehmen und erleben, kritisch beleuchten und mitgestalten, um gesellschaftliche Verhältnisse zu hinterfragen und zu verändern – das sind meine Ideale als junge Wissenschaftlerin. Doch oft sieht der Alltag von mir und auch vielen Nachwuchswissenschaftlerinnen in meinem Umfeld anders aus: Wir verwalten unsere Deadlines, sind oftmals „Getriebene“, die sich – zum Teil selbstverständlich und unhinterfragt – immer wieder neu aufstellen, beweisen, anpassen und dabei vorlegen für die „Credit-Points“ unseres Lebenslaufs. Momente des Innehaltens und Reflektierens von Wissen sind fast genauso selten wie eine sichere Anstellung. Fast nirgendwo sonst fallen Qualifikation und Prekariat (in puncto Bezahlung und Stellenbefristung) so zusammen wie im Wissenschaftsbereich.

Gleichzeitig zeigt sich die Hochschule als Ausschlusssystem. Zwar studieren immer mehr Menschen ohne Abitur. Eine Promotion mit FH-Abschluss ist aber oft, wenn überhaupt, nur mit Vorlage äquivalenter Leistungen zum Studiengang des jeweiligen Promotionsfachs möglich, und das unabhängig von beruflicher oder wissenschaftlicher Qualifikation. Vereinbarkeit von Studium bzw. Wissenschaft und Kind stellt Studierende und Wissenschaftler_innen vor eine immense Herausforderung: Die mangelnden Betreuungsmöglichkeiten für studierende Eltern erschweren den Wiedereinstieg in das Studium. Wissenschaftler_innen mit Kind arbeiten nicht selten bis zur Erschöpfung die Elternzeit durch.

In meiner Utopie ist Hochschule ein geschlechter- und familiengerechterer Ort mit flächendecken-den Betreuungsangeboten für Studierende und Wissenschaftler_innen. Wissen fließt hier durch neue „Räume“, das mehr Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden schafft, Interessierte außerhalb der Hochschule anspricht und einbezieht und einer Entschleunigung unterworfen wird, die seine kritische Reflektion ermöglicht. Bildungs- und Wissenschaftskultur wird mit Solidarität und kritischem Bewusstsein zusammengedacht, in dem nicht die (ökonomische) Wissensverwertung, sondern der gemeinsame Austausch, das Hinterfragen und Weiterdenken, die wechselseitige Unterstützung und der Auftrag der kritischen Aufklärung über gesellschaftliche Zustände im Fokus stehen.

Wissenschaft statt Wissenschaftsbetrieb, emanzipatorische Bildung statt Ausbildung und Qualifizierung für den Arbeitsmarkt, kritische und unabhängige Forschung statt kapitalistischer Verwertungs- und Wettbewerbslogik, erfahr- und wandelbares Wissen statt starrer Theorievermittlung und offene „Räume“ statt geschlossener Gesellschaften.

Eine andere Hochschule ist möglich, doch sie erfordert Mut und viel Energie, Solidarität und Organisation sowie kritische Selbstreflektion der Wissenschaftler_innen und Studierenden. Nur so können wir sie (schon heute) mitgestalten und ihr in kleinen Schritten und geduldig jeden Tag ein Stück näher kommen, denn „utopie ist gegenwart, wartet gern noch auf morgen“.

Katharina, Elena, Isolde

 

Zum Weiterlesen

Adorno, Theodor W. (2003): Philosophie und Lehrer. In: ders.: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte, Frankfurt/M., S. 474–494.

Demirovic, Alex (2010): Bildung und Gesellschaftskritik. Zur Produktion kritischen Wissens. In: Lösch, Bettina/Thimmel, Andreas (Hg.): Kritische politische Bildung. Ein Handbuch, Schwalbach/Ts, S. 65–76.

Pegel, J./Schmalz, P. (2007): „Studieren mit Kind“ als hochschulpolitische Herausforderung. Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien, 25 (1), 110–123.

Weitere Informationen zum CHE-Hochschulranking: www.che-ranking.de

Professorinnen-Programm vom BMBF: www.bmbf.de

Drittmittelakquise an deutschen Hochschulen: www.sueddeutsche.de

 

1 Zitat aus dem Song „Working on Wonderland“ der queerfeministischen Rapperin Sookee.

2 Unsere folgenden Ausführungen haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern werfen ein Blitzlicht auf die Thematik Utopie und Hochschule.