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Herbst 3/2020

„…unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten.“

von Dagmar Hertle und Karin Bergdoll

 

„Ein saurer und erstickender Geruch umgibt einen bereits am Eingang. Dort, in drei Etagen, 150 Frauen, zu zweit in einem Bett, leidend und stöhnend. Wir sind 3 Krankenschwestern für 150 Patientinnen. Alle leiden unter Erschöpfung, Ödemen, Ruhr. Horror … All diese Wunden eitern, Papierbandagen halten nicht, Eiter fließt überall.“

Cécile Goldet, französische Häftlingspflegerin, 1945

„Die Arbeit im Revier war zwar eine körperliche Entlastung, aber eine ungeheure seelische Belastung. Manchmal dachte ich, ich ertrag das nicht mehr. Ich bring mich um.“

Antonia Bruha, österreichische Schreiberin und Dolmetscherin im Krankenrevier, 1995

„Im Revier hat meine Mutter beim Vertauschen von Namen und Nummern geholfen. Ich war auch daran beteiligt. Wir tragen das wie eine notwendige Schuld. Denn wir haben sterbende Menschen weggeschickt und gesunden Menschen ihre Nummer gegeben, damit diese überleben konnten.“

Annette Eekman, belgische Revierarbeiterin, 1994

 

 

In Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück realisiert der Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF) derzeit eine Fallstudie zum Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, welche die Arbeit des medizinischen Häftlingspersonals zwischen 1939 und 1945 untersucht und SS-Quellen, kulturelle Zeugnisse (wie Zeichnungen und Gedichte) und Berichte dokumentiert. Im Rahmen einer Wanderausstellung werden die Ergebnisse der breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.

Die SS verschleppte 120.000 Frauen aus 30 Ländern nach Ravensbrück, 80 km nördlich von Berlin. Es handelte sich um das größte Frauenkonzentrationslager auf deutschem Gebiet. Die SS hatte Häftlinge aus unterschiedlichen Ländern Ost- und Westeuropas als Ärztinnen und Pflegerinnen eingesetzt. Ihre Position als Funktionshäftlinge verlangte eine dauernde Gratwanderung zwischen den Befehlen der SS, ihren eigenen Überlebensinteressen und den Bedürfnissen der Kranken.

Was konnten sie tun? Was taten sie? Die meisten von ihnen versuchten, ohne ausreichende Medikamente und Verbandsmaterialien, kranken und verletzten Mithäftlingen zu helfen. Ihre Patientinnen beurteilten ihre Arbeit jedoch, wie die Berichte von Überlebenden dokumentieren, sehr unterschiedlich. Neben der Anerkennung ihres Einsatzes für die Mithäftlinge wurden sie u. a. auch für die Nichtbehandlung von Kranken, Selektionen und Tötungen mitverantwortlich gemacht.

Anhand von Fotos, Dokumenten, Zeichnungen und Schriftzeugnissen ehemaliger Revierarbeiterinnen und ihrer Patientinnen, beleuchtet die Ausstellung Facetten des Lageralltags, in dem das Krankwerden oder Kranksein oftmals den ersten Schritt zum Sterben oder Vernichtung bedeutete.