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Winter 4/2019

Spuren suchen – Spuren finden

276 Frauen aus Frankfurt – sie alle wurden nach Ravensbrück verschleppt. Das Buch „Frankfurt am Main – Frauen-KZ Ravensbrück – Lebensspuren verfolgter Frauen“ stellt ihre Biografien vor und damit sehr anschaulich ein Stück Geschichte des deutschen Nationalsozialismus, aber auch der Bundesrepublik. Fast 65 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus haben einige Frauen des Studienkreises Deutscher Widerstand diese Lebensläufe zusammengestellt und sind buchstäblich auf Spurensuche gegangen. Das Besondere: Es handelt sich um Frauenschicksale, denn an Männer wird in öffentlichen Dokumenten häufiger gedacht.

Die Schriftstellerin Hilde Domin wanderte schon 1932 aus, dabei hielten viele ihrer Freunde ihre Einschätzung der Nazis für überspannt. 2004 wird sie von einer jungen Filmemacherin gefragt, ob sie Angst vor Hitler gehabt habe. Sie antwortet: „Nein, aber vor der Bewegung.“

Beim Lesen wird deutlich, dass die Deportierten – uralte Frauen bis junge Frauen – aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen kommen. Manchmal ist kaum ein Lebensdatum von ihnen zu finden, manchmal gibt es vieles, wenn die Frau schon vor der Deportation bekannter war. Die Gründe für die Deportation wurden von den Nazis festgelegt und nicht mehr rechtsstaatlich überprüft. Sehr häufig war es eine einfache Hilfeleistung gegenüber rassisch Verfolgten oder ZwangsarbeiterInnen. Erfolgreiche Verhaftungen gingen häufig auf Denunziationen zurück.

Jüdinnen, Sinti und Roma, politisch aktive Frauen, Zwangsarbeiterinnen

Unter diesen vielen Einzelschicksalen sind 93 Jüdinnen. Zwei Drittel von ihnen wurden in Ravensbrück ermordet. 10 waren Sinti und Roma, eine wurde mit Sicherheit in Ravensbrück ermordet, bei 5 verliert sich die Spur. 84 der nach Ravensbrück überstellten Frauen waren Ausländerinnen; zumeist Jugendliche aus Polen oder der Ukraine, die mit dem Kriegsbeginn als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland verschleppt wurden. Ihnen wurde Deutschfeindlichkeit, Arbeitsbummelei, Widerständigkeit vorgeworfen. Die Dunkelziffer der Ermordeten ist noch nicht geklärt. 11 Frauen kamen aus Frankreich, Belgien und Luxemburg, 2 von ihnen wurden umgebracht. 21 Frauen waren Zeuginnen Jehovas, 2 davon überlebten die KZ-Haft nicht. Weitere 63 Frauen aus Frankfurt waren Kommunistinnen bzw. Sozialdemokratinnen. Von ihnen wurden 15 ermordet.

Die Nachkriegszeit

So grausam die Verschleppung und Ermordung der Frauen ist – ebenso erschütternd ist, wie nach dem Krieg in der Bundesrepublik mit den Überlebenden umgegangen wurde. Auch hier gibt das Buch genauere Informationen: Nach der Befreiung 1945 mussten diese Frauen darum kämpfen, als zu Unrecht Verfolgte anerkannt zu werden. Die Bundesrepublik Deutschland verweigerte z. B. allen, die im Lager als asozial bezeichnet wurden und deshalb einen schwarzen Winkel zu tragen hatten, eine Entschädigung. Sie galten in der neu gegründeten Demokratie weiterhin als asozial.

Die überlebenden Sinti- und Roma-Frauen erhielten erst 1963 eine Entschädigung, auch für ihre Haftzeit vor dem Himmler-Erlass von Dezember 1942. Darin wurden Sinti und Roma als rassisch zu Verfolgende benannt. Haftzeiten vor diesem Erlass galten bis 1963 als rechtmäßig. Den Kommunistinnen wurde nach dem KPD-Verbot im Jahr 1956 die Entschädigung wieder aberkannt.

Die Täter

Und schließlich gibt es Informationen zu den Tätern. Zu den Tätern? Der verantwortliche Leiter des Judenreferats Frankfurt, Heinrich Baab, ließ schon ab 1943 auch sogenannte „Halbjuden“ verhaften und deportieren. Reichsweit erfolgte dies erst ab Ende 1944. Er wurde als Einziger von den 180 Gestapo-Männern in Frankfurt nach 1945 verurteilt, zu lebenslanger Haft. Gegen den Protest ehemaliger politisch Verfolgter wurde er 1972 von Ministerpräsident Oswald (SPD) begnadigt und freigelassen. Keiner der Täter – eine Bewegung – wird verfolgt.

Orte des Gedenkens

Ergänzend zu den Biografien enthält das Buch genaue Informationen über die nationalsozialistische Verfolgungspolitik, so zum Beispiel zu den Judenhäusern. Dort wurden jüdische Menschen zusammengetrieben, bevor sie deportiert wurden. Die Adressen werden angegeben, auch gibt es Fotos einzelner Häuser. Auf jeder Seite ist ein Stück Stadtplan von Frankfurt: Dies markiert die Orte der Judenhäuser bzw. Straßen, aus denen die Frauen verschleppt wurden. Zusätzlich gibt es Informationen zu Arbeitserziehungslagern, zur Zwangsarbeit, zu SS-Werkstätten.

Die Texte werden durch Bilder von Wohnhäusern oder Arbeitsstätten der verfolgten Frauen ergänzt. Sie helfen, sich auch heute zu erinnern. Für dieses Erinnern sorgen die Gedenkstätte auf dem Börneplatz oder einige Stolpersteine – es sollen mehr werden. Leider gibt es nur wenige Fotos von den Frauen selbst.

Wienke Zitzlaff

Petra Busmann, Ursula Krause-Schmitt, Cora Mohr, Birgit Moxter, Doris Seekamp: Frankfurt am Main – Frauen-KZ Ravensbrück – Lebensspuren verfolgter Frauen.

Herausgegeben vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945. VAS Verlag für akademische Schriften 2009.