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Frühjahr 1/2025

„Sororidad: das Gegenteil von Kanone“

von Emelyn, Inés, Julia, Nadine, Norma, Pia und Sabela

Kann eine Person einen Artikel über Sororidad alleine schreiben? Können zwei Personen es tun? Wir sind sieben. Wir sind ein Kollektiv, das sich gerne als sororo bezeichnen würde, es aber nicht tut. Wir verstehen Sororidad nicht als einen Zustand oder Endstation, sondern als einen Prozess. Sororidad ist ein Bindeglied, eine Chance sowie ein revolutionäres und kämpferisches Werkzeug.

In diesem Artikel werden sehr unterschiedliche Stimmen und Positionen über Sororidad einbezogen, was sich in der Heterogenität des Textes widerspiegelt. Wenn jemensch Gegensätze findet, umarm diese bitte!

Foto: © Katherine Yábar Tito

Ein Teil von uns wurde gefragt, ob wir einen Text über Sororidad schreiben könnten. Wir stimmten ohne zu zögern zu, aber nur unter der Voraussetzung, dass das Denken und Schreiben über das Thema gleichzeitig Anlass und Zukunftsvision eines gemeinsamen Prozesses sein würde. Gleichwohl nicht alle auf die gleiche Weise mit dem Begriff Sororidad vertraut waren oder sich in derselben Tiefe bereits damit beschäftigt hatten, war die Tatsache, sich zu treffen und unsere verschiedenen Sichtweisen zu hören, ein Akt von Sororidad.

Der Beginn dieses Prozesses waren ein prächtiger Frühstückstisch und alle Freundinnen, die Lust und Zeit auf diese Reise hatten. Der vorliegende Text ist das Ergebnis verschiedener Begegnungen und unzähliger Gespräche.

Rührei und Tostadas sind bereits fertig, als die Tür klingelt. Ich weiß, wer das ist. Zum Glück sind auch der Tee und das Wasser mit Zitrone fertig. Ich mache mir Sorgen, aber nicht viele. Genug Sorgen, um mich zu hinterfragen: Warum stresst mich das Aussehen der Wohnung oder des Frühstückstisches, wenn ich in Wahrheit mit den eingeladenen Menschen nackt in einem Raum sein könnte? Meine Lieblingsperson mit kalten Füßen kommt an. Bald werden die anderen ankommen. Alle mit ihrem Lächeln, ihren Ideen, ihren Broten, ihren Aufstrichen, ihren Kuchen, aber auch mit ihren Ängsten, ihrer Müdigkeit, ihren Sorgen. Ich fühle ein bisschen Sororidad in den Unruhen, die ich (in mir) wahrnehme.

Als ich als Letze, etwas verspätet, den ersehnten Brunch erreiche, erwarten mich der süßlich wabernde Geruch frischer Tostadas zum dampfenden Kaffee, das helle Klimpern des Geschirrs und sechs aufmerksam lauschende Gesichter beeindruckender Frauen. Schon auf dem Weg hierher hatte die zufällige Wiedergabeliste passenderweise „Canción sin miedo“ (Gesang ohne Angst) von Vivir Quintana abgespielt und mich bereits gedanklich schwelgen lassen in der Sehnsucht nach solidarischem Widerstand gegen unterdrückende Systeme. Eine der Frauen berichtet von ihren Erfahrungen und Gedanken, alle anderen hören aufmerksam zu. Schon hier fühle ich mich bestärkt, schon hier spüre ich eine kleine Form einer Revolution. Menschen, die zusammenkommen, um sich auszutauschen, um voneinander und miteinander zu lernen, und versuchen, sich auf Augenhöhe zu begegnen, statt sich belehren zu wollen, ohne von ihrer Position abzurücken. Sororidad ist das Thema, das den Austausch prägt.

Sororidad ist nicht gleichzusetzen mit Freundschaft unter Frauen oder unter Menschen der Community LGBTQ+. Es gibt aber sorore Freundschaften. Eine sorore Freundschaft ist beispielsweise eine, die sich verweigert, an zweiter Stelle zu stehen, immer unter der romantischen Beziehung eines Paares, eine Freundschaft, in der du dir andere Welten vorstellen kannst, die nicht den heteronormativen Geboten entsprechen.

Bei Sororidad geht es eher darum, uns aller Beziehungen bewusst zu werden, auch derjenigen, die wir nicht im Blick haben. Wie wäre es, wenn sororizar – Sororidad (aus-)leben – eher bedeuten würde, sich zu verfeinden? Sprich Feindschaft mit den heteronormativen Strukturen zu schließen und sich auf jene Selbstbeobachtungen/-reflexionen einzulassen, die unsere Privilegien offenbaren und hinterfragen. Sororidad ist also eher das Üben der Verfeindung.

Sororidad ist ein Prozess, der vielleicht mit der Bewusstwerdung von Unterdrückung, von verübter und erlittener Gewalt an uns allen beginnt und in eine Art Pakt von aktivem Kampf gegen jegliche Form von Ungerechtigkeit mündet, sei diese Produkt des heteropatriarchalischen Systems, des Kolonialismus, Rassismus oder Kapitalismus.

Sororidad ist für jene zu kämpfen, die nicht deine Freund:innen sind, die nicht deine Familie sind, die nicht aus deiner Heimat sind, die sogar nicht zu deiner Spezies (Tiere und Pflanzen) gehören. Es ist Liebe unter den sozialen Praktiken der Mehrheitsgesellschaft zu verlernen.

Sororidad ist eher pansexuell. PANsororidad! Sororidad als Mittel dafür, die Gesellschaft anders zu denken.

Sororidad ist aus dir herauszukommen und die Komfortzone zu verlassen. Es ist das Betrachten aus den Perspektiven der anderen und diesen selbst einen Raum zu geben. Es ist ein sich Bündeln, Bestärken und das alles, ohne zu wissen, für wen du das machst. Sororidad ist geteiltes Privileg.

Sororidad ist sich zu erforschen, sich zu erlauben, dahin Licht zu werfen, wo es einem selbst weh tut, so dass es andere erst gar nicht schmerzt. Es ist nicht nur Privilegien teilen, sondern auch Schmerz.

Sororidad ist die Erinnerung an all die Geschichten, die ebenfalls passiert sind (und immer noch passieren), aber nicht erzählt oder gehört wurden. Ein Versuch, sie wiederherzustellen, sie ins Gedächtnis zu rufen und sie nicht zu vergessen.

Sororidad ist Unterstützung anzubieten. Dies kann in finanzieller Form, durch Worte, Gesten, politische Arbeit oder geschenkte Zeit stattfinden. Zu Beginn stehen die Offenheit und Achtsamkeit, Probleme und Ungerechtigkeiten wahrzunehmen, bevor man mit Unterstützung reagieren kann. Die Gründe sind vielfältig, aber Empathie und Verbundenheit werden eine wichtige Rolle spielen. Es ist nicht egal, was den Frauen außerhalb deines sozialen Umfelds passiert, es ist nicht egal, was deiner Nachbarin widerfährt und es ist auch nicht egal, wenn jemand deine Freundin schlecht behandelt. Es kommt darauf an, sich zu verbünden, einzumischen und gegenseitig stark zu machen.

Damit eine Pflanze aufblühen kann, muss auch das umliegende Ökosystem gesund sein – und damit möglichst divers; reich an verschiedensten Pflanzen und Tieren. Auch Menschen können nur dann ihr wundervolles Selbst entfalten, wenn sie in einem gesunden, diversen Umfeld leben. Einem Umfeld, in welchem jeder Mensch einzigartig ist und als solcher wertgeschätzt wird. Sororidad scheint also angewiesen auf die Intersektionalität und die Wahrnehmung und Wertschätzung aller Einzigartigkeiten. Sororidad blüht durch die Umkehr der in den unterdrückenden Systemen diskriminierten zu „nicht-Personen“ erklärten in wertvolle, unverzichtbare Akteur:innen eines gemeinsamen Ökosystems der Unterstützung.

Sororidad ist alles, was wir im Text beschrieben haben und so viel mehr. Es ist auch Solidarität, Dekonstruktion, andere Gemeinschaften schaffen, verbindliches Engagement, Erfahrungen teilen, Feminismus, Empathie, Heilung, Empowerment und ohne Angst weitermachen.

Das Lied „Canción sin miedo“ von Vivir Quintana, eine feministische Hymne im Kampf gegen Femizid und gegen das Patriarchat, verweist auf Sororidad. Dieses Lied hat uns alle in irgendeiner Weise beim Verfassen dieses Textes begleitet. Die letzte Strophe des Liedes ändert den Text der mexikanischen Nationalhymne, der von Krieg und Kanonen handelt, in eine Metapher über Sororidad um.

„… y retiemblen sus centros la tierra, al sororo rugir del amor.“
(„…und das Innere der Erde bebt durch den schwesterlichen Schrei der Liebe.“)

Denn Sororidad ist auch das: Das Gegenteil von Kanone.