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Frühjahr 1/2020

Sex zwischen 13 und 60

Während wir Redaktionsfrauen über das Schwerpunktthema der Frühjahrsausgabe diskutieren, schweifen meine Gedanken ab. So vieles fällt mir dazu ein, die Assoziationen sind reichlich. Der Kampf um die Pille, die Sache mit der Selbstbefriedigung, der erste Sex mit einem Mann, der erste Sex mit einer Frau, das stundenlange Reden mit Freundinnen, die vielen Erfahrungen eines mittleren Lebens. Dass ich in jungen Jahren heimlich den Hite-Report las und den im Buch abgedruckten Fragebogen ausfüllte, weil ich es wichtig fand. Ich wollte mich über meine Antworten positionieren, Raum einnehmen, indem ich mich zum Ausdruck brachte. Es war spannend, auf diese Weise einzutauchen in meine eigene Welt von Körper und Sex.

Gibt es eigentlich feministischen Sex? Muss ich als Feministin immer ‚oben‘ sein, aktiv sein, führen, anleiten? Darf ich mich nicht einfach mal hinlegen und mich beschlafen lassen, passiv sein und Sex lustvoll genießen? Muss ich grundsätzlich einen Orgasmus haben beim Sex, auch wenn ich keine Lust dazu habe? Da merke ich den Dogmatismus der 1970er und auch noch der 1980er Jahre, wie er bei mir hängengeblieben ist und mich in meinen Anfangszeiten geprägt hat.

Ein anderer Impuls: Wie ist das mit der Monogamie? Wenn ich in einer festen Partnerschaft bin und Lust habe, mit anderen Menschen zu schlafen, muss ich diesen Impuls unterdrücken? Ist das selbstbestimmt, weil ich es so entscheide? Und wie ist das mit Selbstbefriedigung, wenn ich in einer festen Partnerschaft lebe? Muss Sexualität immer mit einem anderen Menschen stattfinden?

Dabei bin ich 42 und behaupte zu wissen, was für mich selbstbestimmte Sexualität ist: Sie ist lustvoll, erfüllend, sie ist unkonventionell, ich lebe sie frei aus, mit mir, mit anderen. Aber was bedeutet ‚frei‘? Meine Neugier auf das Thema, auf den Erfahrungs- und Gedankenaustausch ist erwacht. Sie bringt mich ins Gespräch mit Frauen zwischen 13 und über 60.

In den 1950er Jahren fand Aufklärung, wie wir sie heute kennen, nicht statt, erzählen mir die älteren Frauen. Die Eltern schwiegen, viele sahen ihre Mütter geschweige denn ihre Väter nie nackt. Körpertabuisierung war das Stichwort. Also fand auch die Menstruation ‚irgendwie‘ statt: schambesetzt, angstbesetzt („Das kommt jetzt 1x im Monat, du musst aufpassen, du kannst jetzt Kinder kriegen.“). Stoffreste und alte Handtücher wurden zu Binden umfunktioniert oder diese wurden gehäkelt. Häufig gab es keine Gelegenheit zum Wechseln, das Waschen dieser Binden war unangenehm und zeitaufwändig.

Kam es dann doch mal zum Knutschen, in einem Park zum Beispiel, stand sofort die Sittenpolizei daneben, die knutschende Jugendliche zur Wache brachte. Das war damals Erregung öffentlichen Ärgernisses. Überhaupt durften Mädchen nicht mit einer Gruppe von Jungen unterwegs sein, das galt als anzüglich, da konnte ja „was passieren“. Ab 22 Uhr klopfte ein Hauswirt an die Tür der Untermieterin, denn wenn der männliche Gast geblieben wäre, hätte der Vermieter wegen Kuppelei angezeigt werden können. Anfang der 1960er Jahre gab es noch das Kranzgeld: Wenn ein Mann eine Frau, mit der er verlobt war, vor der Ehe entjungferte und sie dann nicht heiratete, musste er ihr eine finanzielle Entschädigung zahlen. Die ‚geraubte Jungfernschaft‘ – ein Straftatbestand.

Das kann sich heute niemand mehr vorstellen, wie rigide Frauen noch bis in die 1970er Jahre hinein aufwuchsen. In einer solchen Atmosphäre redete niemand über Sexualität, alles fand heimlich statt. Lustempfinden? Frauen durften „das“ nicht wollen, das Männer immer wollen.

Aber wie kamen die Frauen an Informationen? Natürlich wurde viel hinter vorgehaltener Hand erzählt, Andeutungen aufgeschnappt. Die Frauen sagen, dass sie mit guten Freundinnen über fast alles reden konnten, über Lust und Sex und Männer und den eigenen Körper. Dabei gingen auch Bücher von Hand zu Hand wie „Liebe in der Ehe“. Sie enthielten Praktiken für ehelichen Sex, aber auch zur Selbstbefriedigung. Trotzdem war die Zeit der erwachenden und sich entwickelnden Sexualität geprägt von einer großen Körperfeindlichkeit und von der Schwierigkeit, an Verhütungsmittel zu kommen. Der Weg zu einer selbstbestimmten Sexualität, zu vielseitigem Lustempfinden, zum Entdecken des eigenen und des anderen Körpers war lang, aber sie sind ihn alle gegangen.

„Dass Frauen lange Zeit nicht ‚Nein‘ gesagt haben, das war anerzogen.“ Heute ist es so eine Art Verpflichtung, Sex zu haben, ist ihr Eindruck, „tust du es nicht, bist du minderwertig“. Und wie ist die Aufklärung der eigenen Kinder gewesen? Die Töchter haben alle Aufklärungsunterricht in der Schule gehabt, der steht seit Jahrzehnten auf dem Lehrplan. Das sei erleichternd gewesen, sagen mir einige, und dass die Töchter ihren Müttern Dinge erklären konnten, die diese trotz der heimlichen Lektüre nicht wussten.

Bei den Frauen, die heute um die 25 sind, ist es selbstverständlich, Kondome zu benutzen, sich einen Aids-Test zeigen zu lassen, selbst einen gemacht zu haben. Sie kennen sich aus mit Verhütung: Pille, Spirale, Hormonring – das sind die gängigen Mittel, andere Methoden wie Diaphragma oder Verhütung per Computer eher nicht. Sie alle sind in jungen Jahren bei der Frauenärztin gewesen, nicht, um sich bestätigen zu lassen, dass ihr Körper und ihre Entwicklung ‚normal‘ sind, sondern weil sie Verhütungsmittel brauchten.

Am wichtigsten ist auch ihnen bei diesem Thema der Austausch mit Freundinnen. Dabei findet Aufklärung heute bereits in der Grundschule statt. Im Mittelpunkt stehen Anatomie und Genetik. Aber Emotionen, Unsicherheiten, Erfahrungen, Masturbation, Homo- oder Bisexualität, Transsexualität, Petting, Abtreibung – all das kommt in der offiziellen Aufklärung nicht vor. Die ist stur heterosexuell und kommt zeitlich zu spät. Da wissen alle schon Bescheid durch Jugendzeitschriften wie „Bravo“, „Mädchen“, „Girl“. Die Vermittlung durch Bücher – in diesem Fall Jugendzeitschriften – ist wichtig, ein geschützter Raum, so nehme ich diese Form von Aufklärung wahr.

Was ist für sie selbstbestimmte Sexualität? Nichts gegen den eigenen Willen tun, gesellschaftliche Konventionen nicht bedienen, sich nicht durch den Partner beeinflussen lassen, selbst entscheiden, wann und wo und mit wem und wie. An dieser Stelle zeigt sich deutlich ein Unterschied zwischen den Generationen: Heute erhalten junge Frauen mehr Informationen, sie können offener über Sexualität, ihren Körper, ihre Bedürfnisse reden. Ihr Weg hin zu einer selbstbestimmten Sexualität ist kürzer, weil sie Freiräume und Anlaufstellen zum Austausch haben, weil ihnen mehr sexuelle Freiheiten zugestanden werden. Würde heute ein Vermieter einer Frau Herrenbesuch ab 22 Uhr verbieten (wie es mir bei meiner ersten eigenen Wohnung noch gesagt wurde, das war 1989!), würde sie darüber laut lachen.

Für junge Frauen ist es ok, zwei Affären gleichzeitig zu haben oder sich nur für einen Abend einen Mann ins Bett zu holen. Da schlägt Lust nach Experimenten und Erfahrungen durch. Aber neben einer festen Partnerschaft Sexualität mit anderen zu leben, beides voneinander zu lösen, das kann sich keine vorstellen. Denn bei der Treue bleiben sich die Frauen treu: Sie ist ein wichtiger Teil der Partnerschaft, Untreue ein Trennungsgrund. Aber wie das so ist im Leben: Wenn er genug zu Kreuze kriecht, nimmt sie ihn auch wieder zurück. Sexualität als Teil der Partnerschaft ist ihnen wichtig, darauf verzichten? Nein.

Was ist ihnen wichtig beim Sex? Ehrlichkeit, Spaß haben, hemmungslos sein. Sie können formulieren, was sie wollen und was nicht. Meiner Meinung nach eine wichtige Errungenschaft der Zweiten deutschen Frauenbewegung: Frauen sagen, was sie wollen. Auch und gerade beim Thema Sex.

Die Frauen um die 25 halten das Thema in den Medien ebenfalls für komplett überbewertet, es wird zu wenig persönlich darüber geredet. Ihrer Meinung nach fangen Kinder heute zu früh an, haben aber keine Filter, keine Grenze bei dem, was sie konsumieren. Beispielsweise Pornos auf den Handys. „Krass“ ist das und, so höre ich heraus, nicht zu verantworten, wenn eine Marke wie Playboy Kinder als Zielgruppe missbraucht, zum Beispiel mit Bunnys auf Federmäppchen.

Und die ganz jungen, so ab 13? Sie reden noch nicht über Sex, das ist ihnen noch nicht wichtig, erzählen sie mir. „Wir halten Händchen und küssen und sind alle paar Tage in einen anderen verliebt.“ Sie stehen am Anfang, wollen sich Zeit lassen mit allem. Und sie reden mit ihren Eltern über Sex und Menstruation und Verhütung. Das theoretische Wissen bekommen sie in der Schule: Schwangerschaft, Verhütung, Geschlechtsverkehr, Orgasmus, Abtreibung, Homosexualität, Menstruation, Aids. Erfahrungen machen finden sie gut und wichtig, Homosexualität ist für sie, wie für alle anderen, ok. Auch wenn einige der Frauen nicht daran interessiert sind, sich in diesem Bereich auszuprobieren.

Selbstbefriedigung ist kein Thema, weder im Aufklärungsunterricht noch privat. Obwohl sie eine sehr gute Möglichkeit ist, den eigenen Körper kennen zu lernen, sich selbst zu entdecken. Geredet wird darüber aber nicht. Selbstbefriedigung ist offensichtlich weiterhin ein Tabu. Infos dazu finden die Mädchen in Jugendzeitschriften, die Relevanz von Medien zeigt sich auch hier. Die dortigen Witze allerdings (siehe den Beitrag von Melanie Stitz in diesem Schwerpunkt) gehen gar nicht. „Damit machst du dich doch echt zum Obst.“

Trotz all dieses Wissens haben die Mädchen keine Vorstellung davon, wie so ein Beischlaf ist. Sie sind mit den ersten Menstruationserfahrungen beschäftigt, mit Körbchengrößen (fast alle tragen BH, sagen sie mir) und Verliebtsein.

Mein Eindruck nach diesen Gesprächen: Es ist erfrischend zu sehen, wie Mädchen und Frauen über Sex reden, offen, fast ungeprägt. Doch bereits die Mädchen wissen, dass frau sich durch bestimmte Verhaltensweisen „zum Obst“ machen kann. Neben dem Selbstbewusstsein der Frauen und Mädchen, das mir begegnet ist, gibt es offensichtlich immer noch ein Ungleichgewicht: Frauen und Männer dürfen sich sexuell nicht gleich verhalten, es gibt gesellschaftlich vorgegebene, subtile Regeln. Werden sie überschritten, kann es zu Sanktionen kommen. Und Realität und Medienbilder driften zunehmend auseinander.

Mechthilde Vahsen