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Herbst 3/2018

Scham ist auch Power, lasst sie uns nutzen!

Von Orane Courtalin

Menschen, die von gesellschaftlicher Diskriminierung betroffen sind, sind es gewohnt Scham zu empfinden: für den Körper, das Aussehen, für gelebte oder vermutete Sexualität, für das Selbstbewusstsein oder den Mangel daran. Scham können sie aber auch empfinden, wenn sie sich trauen, Selbstbestimmung zu fordern. Durch normative Annahmen, Menschen seien per se heterosexuell oder lebten in Übereinstimmung mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht, werden Leute in der patriarchalen Gesellschaft von klein auf gezwungen mit diesem Gefühl zu leben. Sobald sie von den gesellschaftlichen Normen abweichen. Manchmal auch wenn sie – um sich zu schützen – die Normen respektieren. Scham kennen sie. Als queere Frau kenne ich Scham. Scham tut weh. Wie viele Theoretiker_innen der Queer und Gender Studies stelle ich mir die Frage, ob es so bleiben muss; ob Scham immer wehtun muss? Kann Scham doch etwas Positives, etwas Treibendes sein?

Sally Munt beschreibt 2007 in ihrem Buch „Queer attachments: the cultural politics of shame“, dass Scham eine sozial und historisch konstruierte Einheit ist, die uns als Subjekt bildet. Munt entwickelt eine innovative Auffassung von Scham, indem sie erklärt, dass Personen, die Scham erfahren, dadurch nicht Opfer werden, sondern, dass Scham ihnen die Möglichkeit einer Selbstreflexion über Identität, Lust, soziale Beziehungen und die Möglichkeit einer kräftigen Katharsis anbietet. Munt theorisiert, wie wir Scham verarbeiten und warnt davor, Scham abstreiten zu wollen. Durch dieses Ablehnen von Scham werden unsere Verletzbarkeit und Ängste in Abscheu und Hass verwandelt, gegenüber uns selbst oder gegenüber den anderen. Stattdessen sollten wir uns Scham zu eigen machen und zurückerlangen. Dadurch können Selbst-Akzeptanz und sogar Stolz entstehen.

Diese Perspektiven sind in der Queer Theory verankert; ihre Interpretation von Scham und deren Auswirkungen bezieht sich auf queere Kontexte. Durch diese Fokussierung zeigt Munt, inwiefern Scham besonders queere Gruppen betrifft und wie groß das transformative Potential der Scham für sie ist. Scham ist tatsächlich ein Gefühl der Diskriminierten und sollte in diesem Sinne auch als ein Differenzmerkmal in Bezug auf die dominanten Kulturen und Normen zelebriert werden. Über diese Scham für Sexualität und Klassenherkunft schreibt Didier Eribon, insbesondere in seinem Buch „Retour à Reims“ (Rückkehr nach Reims). Für ihn wirkte diese Scham des Seins als Katalysator seiner Neu-Erfindung und seiner Willensstärke, die dazu beigetragen haben, dass er sich als homosexuell und Liebhaber der Literaturwissenschaft akzeptiert hat.

Scham ist transformativ, sie kann zur Stolz führen. Aber Scham hat auch, in der Auffassung von Eve Kosofsky Sedgwick, das netzwerkbildende Potential, Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen Menschen zu schaffen. Durch die Scham werden Menschen zwar selbstbewusster, aber auch für die Empfindungen der anderen bewusster: “shame points and projects; shame turns itself skin side out”, schreibt Sedgwick 2003 in ihrem Buch „Touching Feeling: Affect, Pedagogy, Performativity“. Diese Perspektive, Vergrößerungsglas und Projektionsfläche zu sein, betont, was vielleicht oft in der Debatte über Scham vergessen wird. Klar, Scham ist eine eigene Empfindung: und eine an sich selbst verübte Tat: „Ich schäme mich“. Aber Sedgwick ist es noch wichtiger, ihre sozialen Effekte und ihre Performativität – bzw. ihre Fähigkeit, durch Sprechakte und Zeichen Identitäten zu bilden – hervorzuheben.

Wenn Scham so sozial verankert ist und die Beziehungen zu anderen so sehr bestimmt, kann man sie auch politisch verstehen. In Bezug auf den Begriff „queer“ zum Beispiel. Heute tragen Menschen dieses Label mit Stolz. In den 1960ern und 70ern war „queer“ eine abwertende Beleidigung, die Betroffenen sollten sich schämen. Aber spätestens mit dem Aufstand vor der New Yorker Bar „Stonewall“ im Juni 1969 hat sich diese Scham in Stolz verwandelt. Diese Scham war eine treibende Kraft. Ohne dieses Gefühl wäre es heutzutage nicht möglich, sich als Teil der von der Gesellschaft geschaffenen Minderheiten gut fühlen zu können. Scham hat Homosexuelle und Transsexuelle in den Kneipen der Christopher Street zusammengebracht. Die Scham und das Gefühl, nicht dazuzugehören, hat zu der Gründung der STAR – die Organisation „Street Transvestite Action Revolutionairies“ – beigetragen. Und diese lange – zu lange – empfundene Scham hat zur politischen Revolte von Menschen wie Mascha P. Johnson, Sylvia Riveira und Stormé DeLaveirie geführt.
Scham tut weh. Scham will niemand empfinden. Es ist aber sehr schwer, sie zu kontrollieren und zum Verschwinden zu bringen. Scham existiert nur, weil in unserer Gesellschaft patriarchale und cis-heteronormative Normen existieren. Zu diesen zählen auch Normen, die mit Klasse und Rassifizierung einhergehen. Und natürlich ist es bedauerlich, dass Menschen, die zu diesen etablierten gesellschaftlichen Normen nicht passen, die Schmerzen, die Abwertung, manchmal die Einsamkeit, die mit dem Gefühl der Scham einhergehen, erleben müssen. Leider sind wir noch nicht an dem Punkt angekommen, dass die etablierten verletzenden Normen keine Rolle mehr spielen. Man muss dafür kämpfen, und der Weg ist noch lang.

Deswegen: Da wir – die Leute, die nicht wirklich zu gesellschaftlichen Normen gut passen – anscheinend noch eine kleine Weile Scham empfinden werden müssen, müssen wir eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidung bleibt persönlich, und klar ist es schon ein Privileg, diese überhaupt treffen zu können. Aber für die, die das können, bleibt die Frage: Was wollen wir mit unserer Scham machen? Wollen wir uns in Selbstmitleid fügen? Die Scham verinnerlichen? Versuchen, sich an die Normen anzupassen? Oder mit Kampfgeist, Wut und Stolz der Gesellschaft und deren Normen entgegentreten? Scham kann uns die Macht geben, sichere Gemeinschaften zu bilden, unser Miteinandersein zu stärken und unsere Revolte energisch zu gestalten. Scham ist keine ewige Verurteilung; Scham muss nicht für immer wehtun. Lasst sie uns einfach nutzen.