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Frühjahr 1/2020

„Saubere“ Kleidung – Clean Clothes Campaign

„Die täglichen Schikanen, die Hungerlöhne und die langen Arbeitszeiten sind letztendlich das, was die jungen Frauen so zermürbt.“

Ein Interview mit Christiane Schnura, Koordinatorin der Kampagne für „Saubere“ Kleidung, von Isolde Aigner

Was sind die zentralen Ziele eurer Kampagne und was waren bisher die wichtigsten Erfolge?

Ziel ist eine eindeutige Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungsindustrie, speziell die der Näherinnen bei der Konfektionierung. Bessere Arbeitsbedingungen bedeuten in erster Linie bessere Löhne. Aktuell ist der Stand so: Zwar lehnen sich fast alle deutschen und europäischen Bekleidungsunternehmen an die Standards der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) an, die u. a. Gewerkschaftsfreiheit, keine Zwangsarbeit aufführt, diese führt aber nicht die Zahlung eines existenzsichernden Lohnes auf. ein Lohn, der nicht nur Grundbedürfnisse abdeckt, sondern darüber hinaus Bildung, Gesundheit und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht – also das, was wir hier für die Hartz-IV-Empfänger_innen auch fordern. ein zweites Problem ist, dass die Einhaltung dieser Verhaltenskodizes (Vereinbarungen) in der Regel nicht unabhängig kontrolliert wird. So werden z. B. die lokalen Gewerkschaften, die das tun könnten, nicht mit einbezogen. ein Bekleidungsunter- nehmen hat aber so viele Zulieferer weltweit, sodass sie das gar nicht selbst überprüfen können. Neben diesen kurzfristigen Zielen brauchen wir dringend – und lieber heute als morgen – gesetzliche Rahmenbedingungen, also internationale Arbeitsgesetze. Denn aus unserer Sicht ist es unmöglich, dass z. B. ein bundesdeutsches Unternehmen sich hier an Gesetze halten muss, wenn es aber die Produktion in Länder mit niedrigem Lohnniveau verlagert, sich dort um nichts scheren muss. Die Unternehmen, diese Global Player, die überall auf der Welt produzieren, haben überhaupt nichts zu befürchten, es gibt keine Unternehmenshaftung und das muss dringend geändert werden. So haben z. B. Unternehmen, die in der eingestürzten Fabrik in Bangladesch produzieren ließen, in den ein- gerichteten Entschädigungsfonds bis heute weniger als die Hälfte der geforderten Summe eingezahlt. Dafür ist das öffentliche Bewusstsein für diese ganze Thematik größer geworden und wir erreichen auch immer wieder Einzelerfolge. Zum Beispiel die Wiedereinstellung von Gewerkschafterinnen, die aufgrund ihres Engagements gekündigt wurden oder auch dass ausstehende Löhne ausgezahlt werden. Im Moment kämpfen wir sehr um diesen Entschädigungsfonds für die Opfer des Gebäudeeinsturzes in Bangladesch.

Was sind die Hauptprobleme der Näherinnen?

Wenn Näherinnen zu uns kommen, dann ist immer die Lohnfrage zentral. es gibt eine Studie aus Kambodscha, die nachweist, dass der Lohn einer Näherin gerade dafür ausreicht, pro Tag Lebensmittel mit etwas mehr als 1.500 Kalorien zu kaufen. Wenn man weiß, dass diese Frauen oft 14 bis 15 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, arbeiten und zum Teil auch noch im Wachstum sind, dann wird deutlich, dass diese Unterernährung fatal ist. In Kambodscha ist jede vierte Näherin unterernährt, ein Drittel davon extrem unter- ernährt. Die gesundheitlichen Folgen dieser jahrelangen Unterernährung werden diese Frauen ihr ganzes Leben lang spüren. Was die Frauen auch immer wieder erzählen, sind alltägliche Schikanen. Denn die Männer, die in diesen Bereich arbeiten, um die Maschinen zu warten, oder als Vorarbeiter fungieren, üben eine ungeheure Macht aus und drangsalieren die Frauen. Wenn sie zum Beispiel aus Sicht des Vorarbeiters nicht schnell genug arbeiten, werden sie bestraft und müssen in der ecke auf einem Bein stehen. Auf der an- deren Seite erzählen die Frauen immer wieder von sexuellen Über- griffen. Das sind noch nicht mal die ganz großen arbeitsrechtlichen Verletzungen. Aber diese täglichen Schikanen sind letztendlich das, was die jungen Frauen so zermürbt.

Was hat es damit auf sich, dass unternehmen die Mitgift von Frauen übernehmen?

Diese Praxis findet in Indien statt und nennt sich Sumangali-Prinzip (hindi für „glückliche Braut“). Fabrikbesitzer schicken gezielt Leute in die Dörfer und rekrutieren junge Mädchen (ca. 14 bis 15 Jahre), die drei Jahre für Kost und Logis in einer Fabrik arbeiten sollen, um da- nach die Mitgift zu bekommen. In Indien ist es absolut notwendig, dass eine Frau verheiratet ist. Die Familien mit Töchtern versuchen alles, um ihren Töchtern eine Mitgift mitzugeben, damit sie heiraten können – denn ohne Mitgift keine Hochzeit. Und wenn sie merken, dass sie das nicht schaffen, dann greift dieses Prinzip. Aus der Not heraus geben Eltern den Unternehmen ihre Töchter, die dann irgendwohin verfrachtet und dort wie Sklavinnen gehalten werden. es gibt eine ganz hohe Selbstmordrate, weil die Mädchen das nicht ertragen. Wir hören auch immer wieder, dass die Mädchen – wenn sie die drei Jahre durchhalten – letztendlich doch keine Mitgift bekommen, meist mit irgendwelchen fadenscheinigen Begründungen.

Welche Rolle spielen die Länder und die unternehmen, die dort produzieren lassen?

Natürlich müssen die Regierungen in den Ländern dafür sorgen, dass ihre Leute unter vernünftigen Bedingungen arbeiten, aber man muss sich diese Länder genau anschauen. In Kambodscha z. B. machen 95 % der Exporte Textilien aus. Diese Länder sind absolut abhängig von Aufträgen aus der Textilindustrie in Europa, USA, Australien, Japan u. a. Im Grunde ist das wie Kolonialismus in der heutigen Zeit. Sie diktieren letztendlich auch, wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen in diesen Ländern sein sollen. Das Besondere an der Textilindustrie ist ja, dass sie sich ohne Weiteres von Punkt A nach Punkt B bringen lässt, man braucht nur Nähmaschinen, die man relativ schnell transportieren kann, und angelernte Kräfte, die innerhalb von einer Woche den Job machen können. Wir erleben jetzt, dass Produktionen zunehmend in Afrika etabliert werden, zum Beispiel in Äthiopien, weil offensichtlich die Löhne dort noch niedriger sind. Sich jetzt zurückzulehnen und zu sagen, die Länder sollen mal machen, geht nicht. Deshalb sagen wir: Die Unternehmen, die dort Aufträge platzieren und in den letzten 40 Jahren ungeheure Profite gemacht haben auf Kosten der Arbeiterinnen, tragen ganz, ganz große Verantwortung und dieser werden sie nicht gerecht und auch nicht gerecht werden, solange sie nicht gezwungen werden können, für menschenwürdige Arbeitsstandards zu sorgen.

Was können wir als Konsument_innen tun?

Man kann erstens den eigenen Konsum auf den Prüfstand stellen. es gibt hier einen absoluten Überfluss an Kleidung. Wir haben selbst zuviel in den Schränken und vieles wird in den Läden nicht mehr verkauft, weil dauernd die Kollektionen wechseln und es ein absolutes Überangebot gibt. Dies führt zu einer massiven Ressourcenverschwendung an Wasser, Arbeitskraft, Energie usw. Zweitens sollte ich – wenn ich meinen Kleiderkonsum nicht einschränken möchte – auf faire Kleidung umsteigen, wenn ich es mir leisten kann. Drittens ist es wichtig, dass die vielen Menschen in unserem Land, die am Existenzminimum rumkratzen und es sich absolut nicht leisten können, sich auch wehren können. Auf unserer Homepage gibt es Protestmailassistenten, hier kann man also Protestmails wegschicken und so deutlich machen: „Ich habe im Moment zwar keine Alternative, aber ich bin damit nicht einverstanden“. Tauschbörsen finde ich auf jeden Fall unter dem Aspekt der Ressourcenschonung sinnvoll, denn es ist eine gute Sache, wenn Kleidung einfach länger im Gebrauch bleibt. Schlimmes Gegenbeispiel ist Primark, da hier ein Neukauf z. T. günstiger ist als waschen. Das ist eine verheerende Entwicklung.

Was ist die Kampagne für „Saubere“ Kleidung?

1990 entstand in den Niederlanden die „Clean Clothes Campaign“ (CCC) mit dem Ziel, gegen die menschenunwürdigen Zustände in der Textilindustrie, in der zu 90 % Frauen arbeiten, zu kämpfen. Neben den Arbeitsbedingungen kritisiert die Kampagne die ungerechte Entlohnung; in Kambodscha z. B. verdienen Näherinnen pro Monat 80 US-Dollar (ca. 59 €). Nach und nach verbreitete sich die CCC in verschiedenen europäischen Ländern, u. a. in Deutschland. 1996 gründete sich hier die Kampagne für „Saubere“ Kleidung. Von Anfang an arbeiteten kirchliche Organisationen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen aus dem entwicklungspolitischen Spektrum eng zusammen. Katastrophen wie der Gebäudeeinsturz einer Textilfabrik in Bangladesch 2013, bei dem 1.142 Menschen ums Leben kamen, erreichten viel Aufmerksamkeit und erhöhen den weltweiten Bekanntheitsgrad der Kampagne. „Nach dem Unglück war das mediale Interesse gigantisch“, so Christiane Schnura. Solche Ereignisse können kurzfristig den Druck auf Unternehmen erhöhen, die jedoch auf Zeit spielen, bis das mediale Interesse wieder nachlässt.