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Herbst 3/2020

„Rassismus und Sexismus hängen zusammen“

Gespräch mit Gudrun Schyman, Vorsitzende der Feministischen Partei (F!) Schweden

Im April war sie bei uns, auf der Insel Orust nördlich von Göteborg, auf Einladung der Friedensbewegung. Mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Ausstrahlung und ihrem furchtlosen Anprangern des Patriarchats, des Militarismus und des Nationalismus zog sie 155 Menschen in ihren Bann.
Ursprünglich kommt Gudrun Schyman von der Friedensbewegung (END – European Nuclear Disarmament) und legt beim Aufbau der Feministisk Partei großen Wert auf die Betonung „Bewegung“.

Du warst Vorsitzende der Linken Partei und hast 2005 eine feministische Partei gegründet. Hat die Linke die Anliegen der Frauen nicht genügend vertreten?
Zehn Jahre lang war ich Vorsitzende der Linken Partei. Ich verließ die Partei, weil ich kein Gehör dafür fand, die feministischen Fragen intensiver und effektiver durchzusetzen. Die Linke Partei hat ihre ideologische Grundlage in der Analyse der Klassengesellschaft. Es gelang uns zwar, trotz Widerstand, den Feminismus in das Parteiprogramm einzuschreiben. Doch wurde es nur eine Art Zusatz, kein selbstständiger ideologischer Ausgangspunkt. Heute hat sich die feministische Arbeit in der Linken Partei beachtlich entwickelt, nicht zuletzt weil es unsere Feministische Partei (F!) gibt. Aber damals, zu meiner Zeit, als ich diese Fragen ansprechen wollte, war die Parteileitung nicht mit mir. Es wäre zu viel Feminismus, meinte man, dies würde die Partei zersplittern. Da ging ich.

Du hast vor einem Jahr bei den EU-Wahlen 5,3 % der Stimmen bekommen – die Losung war „Rassisten raus, Feministen rein“. Wie erklärt sich der Erfolg der Feministischen Partei in Schweden?

Unsere Kampagne zeigte auf einfache Art, dass Nationalismus und Feminismus völlige Gegensätze sind. Wir bekämpfen das Gesellschaftsprojekt der Nationalisten. Wir machen deutlich, dass die verschiedensten Formen der Diskriminierung miteinander zusammenhängen. In einer Gesellschaft, wo Hass gegen Frauen und Sexismus herrscht bzw. geduldet wird, wuchern auch der Rassismus, die Homophobie, die Transphobie usw. Dieser Zusammenhang war früher bei vielen nicht so klar und ist bis heute noch in keiner anderen Partei oder einem anderen Land sichtbar gemacht worden.

Visionen haben, eine Utopie: Ist das Sache der Frauen?
Ich weiß nicht, ob Frauen „besser“ sind, Utopien zu formulieren. Frauen machen aber die Mehrheit in den zivilisationskritischen Bewegungen aus. Die Ursache dafür liegt meiner Meinung nach darin, dass wir nicht an der Macht sitzen und deshalb freier sind, infrage zu stellen und neue Gedanken zu entwickeln. Frauen haben auch meistens mehr Rollen im Leben als nur das Arbeitsleben. Wir leben ein komplexeres Dasein, wir vereinen Elternschaft mit Lohnarbeit, Engagement mit ideeller Arbeit. Die traditionelle Rolle der Männer, mit einseitiger Einstellung auf Karriere und Versorgungsverantwortung, ist dagegen sehr begrenzt im Verhältnis zu den menschlichen Fähigkeiten: Sie regt nicht zum kreativen Nachdenken über Gegenwart und Zukunft an.

Die Feministische Partei ist vor einem Jahr in das EU-Parlament gewählt worden. Was konnte seitdem erreicht werden, was nicht?
F!s Eintritt in das Europaparlament hat weltweit Aufmerksamkeit erregt. Die Tatsache, dass eine ideologisch selbstständige Partei in einem internationalen Parlament vertreten ist, veranlasste Medien in der ganzen Welt, darüber zu schreiben. Und das wiederum inspirierte FeministInnen weltweit.
Soraya Post (F!s-Abgeordnete im EU-Parlament) hat einen Hintergrund als Aktivistin und Lobbyistin für die Rechte der Roma. Mitte April konnte sie das EU-Parlament für eine Resolution gewinnen, welche die Übergriffe gegen die Roma im 2. Weltkrieg anerkennt und auch einen speziellen Gedenktag für die Roma festsetzt. Das ist ein großer Sieg!
Soraya Post trat auch dafür ein, die Fragen der Menschenrechte für Frauen in den Ausschuss für Menschenrechte zu verlegen, und nicht in den besonderen Frauenausschuss. Warum? Wir sind der Ansicht, dass da sonst die Einstellung zementiert wird, dass Frauen ‚andersartig‘ seien … Wir begreifen also die Fragen der Gleichberechtigung in der EU als Menschenrechtsfragen auf und kämpfen auch dafür.
Wir haben auch den Anspruch, mit dem EU-Sitz als Basis, die Kontakte zu den feministischen Initiativen in mehreren EU-Ländern zu ermutigen und zu fördern. Wir wollen, dass bei der nächsten EU-Wahl 2019 weitere sieben Länder mit F!-KandidatInnen antreten. Bekämen wir insgesamt 20 Plätze, so könnten wir eine eigene feministische Gruppe im Parlament bilden, die diesen Fragen mehr Bedeutung verleiht, und wir hätten materielle Möglichkeiten für die Arbeit.

Wie sieht es mit einem Prostitutionsgesetz „Freier unter Strafe“ in Schweden aus? Kann man von einem Erfolg sprechen, und wenn, warum?
Ja, absolut. Wir haben eine größere Anzahl Verurteilter, wodurch die Polizei jetzt, ganz anders als früher, ihre Fahndung betreiben kann. Natürlich ist die Prostitution nicht verschwunden, auch wenn sie in den Straßen viel weniger sichtbar ist. Doch gibt das Gesetz ein deutliches Signal, wie wir als Gesellschaft die Prostitution sehen. Wir machen die Frage der Macht sichtbar. Wir bestrafen die Käufer und unterstützen die Frauen, die von der Prostitution leben, mit sozialen Einsätzen. Da ist allerdings noch viel zu tun.
In Schweden wie in unserer internationalen Arbeit befassen wir uns auch mit der Verteidigungspolitik. Ein Umdenken, ein Umdefinieren ist absolut notwendig, damit der Krieg gegen Frauen, die Gewalt in all ihren patriarchalen Formen, auch im Verteidigungsbegriff mit eingeschlossen wird. Was soll verteidigt werden? Wessen Sicherheit gilt? Die Sicherheit des Menschen muss gelten, nicht des Territoriums oder des Staates. Weltweit sind 700 Millionen Frauen in ihren engen sozialen Beziehungen Gewalt ausgesetzt. Diese Gewalt aber wird immer noch als ‚Frauenfrage‘ betrachtet.
Wir haben jetzt in Schweden eine Außenministerin mit einer feministischen Außenpolitik auf der Agenda. Wir hoffen, dass Margit Wallström sich auch weiterhin behaupten kann. Darin wollen wir sie unterstützen.

Das Gespräch für WIR FRAUEN führte Erni Friholt, schwedische Feministin und Friedenskämpferin, die für den Friedensnobelpreis 2005 mit 1000 Frauen für den Frieden nominiert wurde.

Von Erni Friholt

Feministbrief 108 (Auszug)
In der Fähigkeit, das zu sehen, was noch nicht ist, liegt das Potenzial und die große Entwicklungskraft sowohl in unseren individuellen Leben wie in der Gesellschaft. Ohne diese Kraft würde alles stillstehen. Ohne diese Kraft hätten wir Frauen heute noch kein Wahlrecht. Ohne diese Kraft wären versklavte Menschen noch immer nicht frei. Ohne diese Kraft hätte die organisierte ArbeiterInnenbewegung niemals Schweden aus der Armut zum Wohlstand heben können. Ohne diese Kraft hätten die Fragen der Nachhaltigkeit keinen Eingang in die Politik gefunden. Und ohne diese Kraft erreichen wir weder Gleichberechtigung noch Freiheit von Diskriminierung. …
Der Feminismus als Vision und Werkzeug für Veränderung basiert auf der Einsicht der notwendigen Gleichzeitigkeit von Gleichheit, Freiheit von Diskriminierung, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und auch globaler Solidarität … All das kann die Kraft werden. die Empathie und auch Liebe von Furcht und Hass befreit. Es ist die Hoffnung, die uns vereint, nicht der Hass.