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Herbst 3/2020

Projektionsfläche Islam

Über politische Beschäftigungstherapie und Ablenkungsmanöver

Gott sei Dank gibt es Muslime – sonst müssten wir uns mit unseren eigenen Problemen beschäftigen! Man stelle sich vor, wir sollten die Ideale der Aufklärung verwirklichen?! Etwa die Gleichstellung von Mann und Frau – nicht nur die der Frau. Viel einfacher ist es, auf „die muslimische Frau“ zu verweisen, auf deren Conditio humana, die, soziale und geografische Faktoren ausblendend, angeblich überall gleich ist.

Wie gut, dass wir in diesem Zusammenhang über Islam und Scharia diskutieren können, statt die Benachteiligung von Frauen tatsächlich anzupacken. Auch bei uns sind bestimmte Wunschvorstellungen solche geblieben, sind erreichte Errungenschaften wieder rückläufig.

Das unbewusste Ablenkungsmanöver auf „die dort“ lenkt ab von den Möglichkeiten, die systemischen Unterdrückungsstrukturen zu durchbrechen, die weltweit die Mehrzahl von Frauen als nicht beachtete Arbeitskraft ohne Ansehen halten und oft als rechtlose Untergebene. So wird die Situation von Frauen in vielen Ländern kritisiert – nur in Bezug auf Afghanistan wird die Religion der Frauen miterwähnt.[1] In Lateinamerika nicht, wo vielen Frauen sowohl die Familien- als auch die Erwerbsarbeit überlassen werden. Der Machismo wird als Problem erkannt, für seine Herkunft werden aber keine Erklärungen angeboten.

Die Neuauflage des Sündenbock-Prinzips

Es gibt Vorbilder für die Verweisung eigener Probleme auf eine markierte Gruppe – eine solche waren die Juden hier und die Armenier in der Türkei. Während wir die Schaffung eines „Sündenbocks“ hinnehmen, werden von ganz anderen Kräften irreversible Fakten geschaffen.

Es bringt nichts, den weit verbreiteten Informationsausschnitten weniger verbreitete Fakten aus der sog. islamischen Welt gegenüberzustellen – etwa die von sehr hohen Studentinnenzahlen im Iran, von dreimal so viel Professorinnen in der Türkei wie in Deutschland, von weiblichen Regierungschefinnen in Bangladesch, Pakistan und Fernost. Denn alles verbleibt in zwei festgefahrenen Schemata:

  1. das Klischee von der „Eroberung der Männerdomänen als Zeichen für Emanzipation“ lässt die Emanzipation der Männer aus.
  2. das Schema „Anklage und Verteidigung des Islams“ bleibt bei der Verweisung – der Projektion – allgemein relevanter Fragestellungen auf diesen.

Ein geschickter Schachzug zum Erhalt der eigenen Ordnung. Und ein altbekanntes Muster, das den Orient entweder als exotisch oder gewalttätig erscheinen ließ und lässt, also als vermeintlich homogener Gegenpol zu unserer davon angeblich unabhängigen Zivilisation.

Es gibt genügend brisante Fakten in bzw. aus der sog. islamischen Welt, durchaus auch im Zusammenhang mit Terror und Gewalt. Diese wirken als vermeintlich plausibler Beweis von Aggression und Expansionismus nur dann, wenn man den historischen und aktuellen politischen Kontext ausblendet. Die meisten Bewegungen gibt es schon länger als ihre „islamische“ Begründung. Erst in den letzten Jahren setzen sich zunehmend die Extremisten durch, während die Konflikte schon vorher da und – wenn wir uns erinnern – anderen Ursprungs waren.

Nur noch „Islamisches“ hat Nachrichtenwert

Solange wir die Auswahlkriterien der Berichterstattung nicht reflektieren, drängt sich der Verdacht eines Zusammenhangs zwischen Islam und Gewalt auf .Wenn wir von terroristischen Bombendrohungen, Anschlägen und Selbstmordattentaten weltweit erführen, dann ließe sich die Behauptung nicht mehr halten, hierfür seien der Islam an sich oder auch nur sein Missbrauch verantwortlich. Allein die vielen Selbstmordattentate, die von Tamilen in Südindien verübt werden, bezeugen, dass hier keine Monokausalität vorliegt. Inzwischen ist aber „Islamisches“ zum Nachrichtenwert geworden und das führt zu einer verstärkten Präsentation von Ereignissen, an denen Muslime beteiligt sind.

Bei der sprachlichen Zuordnung von Begriffen wie „Verhaftung“, „Kidnapping“, „Liquidation“ oder „Mordversuch“ bleibt oft undiskutiert, wer hier wem Legitimation zu- oder abspricht. Wer definiert, was „Terror“ ist? Das Völkerrecht bietet eine klare Richtschnur, aber es wird durch die Eskalationen in Irak, Afghanistan und Libanon, einhergehend mit propagandistischen Argumentationen, immer weiter ausgehöhlt.

Es geht hier nicht darum, die Auswüchse von Gewalt wo auch immer gutzuheißen – ganz im Gegenteil. Es muss darum gehen, nicht bei einzelnen Fakten stecken zu bleiben, sondern einen Überblick über alle Akteure terroristischen und machtpolitischen Handelns zu bekommen. Dann wird deutlich, wo in der hierarchischen Weltordnung die Verantwortlichkeiten liegen.

Mächtig sind nicht terroristische Organisationen oder Einzeltäter. Mächtig sind die Drahtzieher des Great Game, der großen Weltpolitik. Dennoch wird die Bezeichnung „asymmetrischer Krieg“ zur Rechtfertigung des militärisch-hochgerüsteten „Kriegs gegen den Terror“ verwendet, als wären die Gegner in der Übermacht. Hier findet eine Umkehrung der Bedeutung statt. Aus Reagierenden und teils Ohnmächtigen werden plötzlich Potentaten. Der Begriff der Asymmetrie sollte die tatsächlich Mächtigen desavouieren, nicht die vermeintlichen.

Kulturdebatte und Antiterrorkampf sind Opium fürs Volk

Die Verwirrspiele durch gezielte Streuung selektierter Fakten vernebelt unsere Sinne und erschwert es, zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

Dabei funktioniert diese Vernebelung, einmal angestoßen, wie ein Selbstläufer – gespeist aus Missverständnis, Ängsten und so entstandenen Überzeugungen. Wenn wir erkennen können, dass die Drahtzieher der Ordnung der Welt weder nationale, ethnische noch religiöse Berührungsängste haben, dann ist schon ein wichtiger Schritt Richtung aufgeklärter Emanzipation gelungen – dann hat die aufgezwungene Kulturdebatte ihre opiate Wirkung verloren.

Kein Grund also, sich zurückzulehnen. Das Gefühl eines erreichten hohen zivilisatorischen Standards gab es bereits im 19. Jahrhundert in Europa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen. Es folgten zwei Weltkriege und der Holocaust.

Krieg herrscht nach wie vor und wird von den „zivilisierten“ Mächten verstärkt vorangetrieben. Auch China und Russland nutzen den Kulturkampf, um von nicht ganz legitimen Methoden ihrer Machtsicherung abzulenken.

Die weiche Wertediskussion, die naturgemäß auf immer unbeendet bleiben muss, ersetzt erfolgreich eine Diskussion und ein Entgegenstellen gegen harte politische Fakten, die im Windschatten von Leitkulturdebatten und Antiterrorkampf geschaffen werden. So etwa die Aufrüstung: Die Ausweitung militärischer Potenziale ist u.a. angelegt im Text der neuen EU-Verfassung, der Nato-Doktrin von 1999 sowie durch die Pläne für den neuen Bundeshaushalt, der die Aufstockung des Militärhaushalts vorsieht.

Während man vor ungebauten „islamischen“ Atombomben warnt, schreitet die atomare Verseuchung durch bereits eingesetzte Uranmunition auf dem Balkan und im Mittleren Osten fort. Militärstrategische Verblendung mit nicht mehr gut zu machendem Schaden für uns alle, bei Halbwertzeiten von 4,5 Mrd. Jahren. Wir sitzen alle im gleichen Boot der Bedrohung durch langfristige radioaktive Bestrahlung.

Wir sitzen alle im selben Boot

Warum verheimlichen uns unsere Wirtschaftspolitiker das längst bekannte Faktum des „jobless growth“ – „Wachstum ohne Arbeit“? Dass Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze nicht in Korrelation stehen, ist eine alte wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnis. Durch die Globalisierung von Hierarchien wird vor allem Armut gefördert, während wenige horrende Gewinne abschöpfen. Die Verantwortung übernimmt – der Wirtschafts-Propaganda folgend – der Einzelne und ist froh, wenn er seinen Frust einem anderen – vielleicht einem Ausländer? – in die Schuhe schieben kann. Erst wenn wir erfahren, dass durch europäisch subventioniertes Obst und Gemüse lokale Märkte in Afrika zerstört werden, weil die Bauern ihre Produkte nicht mehr verkaufen können, dann erscheinen Bootsflüchtlinge in einem anderen Licht. Täglich fließt mehr Geld von der dritten in die erste Welt, als umgekehrt. Auch im Boot der Ausbeutung sitzen wir gemeinsam, auch wenn man uns gegeneinander ausspielt.

Falls der einst noch gebildete europäische Bürger die Zusammenhänge doch noch erkennt, ist vorgesorgt. Durch die Abschaffung wichtiger Bürgerrechte ist ein noch größeres Potenzial für einen Überwachungsstaat geschaffen. Kameravorrichtungen etwa an den Autobahnbrücken in Deutschland erinnern erschreckend an die Visionen Orwells in „1984“. Zu glauben, dass derlei Kontrolle der freien Bewegung kein Problem sei, wenn man eine weiße Weste habe – sprich ein „Weißer“ sei – ist naiv und ignoriert historische Erfahrungen. Wir sitzen alle im gleichen Boot der Entmündigung.

Fragen, ob „Islam und Demokratie“ oder „Islam und Freiheit“ vereinbar seien, suggerieren, eine Bedrohung für Demokratie und Freiheit sei „nur dort“ – weit weg – gegeben. Auch die gut gemeinten Versuche, Differenziertheit in die Debatte zu bringen, dienen als Beschäftigungstherapie. Sie helfen dabei, Ängste umzulenken, statt sie für gesellschaftliche Verantwortung nutzbar zu machen. Es geht um die Projektion eigener Probleme auf eine vermeintlich andere Gruppe. Damit wird verschleiert, dass die Mehrheit aller Menschen – die der sog. islamischen Welt ebenso wie die hier lebenden Muslime – die gleichen Wünsche in Bezug auf (Meinungs-)Freiheit und (Bürger-)Rechte haben. Und dass sie ihnen und bald auch uns verweigert werden.

Dr. Sabine Schiffer, Institut für Medienverantwortung, Erlangen

www.medienverantwortung.de
info@medienverantwortung.de

[1] So z.B. in der Zeitschrift Contacts Nr. 1/2006 der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe.