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Frühjahr 1/2019

Netzfeminismus und seine Grenzen

Von Isolde Aigner und Anna Schiff

Das Gute am modernen Feminismus sei, dass außerhalb des Netzes niemand etwas davon mitbekomme, ließ Jan Böhmermann neulich verlauten. Als weißer, heterosexueller Mann der Mittelschicht hat er da natürlich gut lachen. Aber ist modernen Feminismus automatisch Netzfeminismus?

Netzfeminismus ist zum einen eine kritisch-feministische Perspektive auf netzpolitische Themen, zum anderen sind unter Netzfeminismus die vielen, unterschiedlichen Aktivist*innen zu verstehen, die sich online für feministische Themen einsetzen. Dabei sind Letztere besonders häufig sexistischen, wenn nicht sogar offen frauenfeindlichen Kommentaren ausgesetzt. Laurie Penny nannte die Meinung einer Frau einmal den Minirock des Internets. Denn natürlich gibt es online Sexismus, eben weil es ihn auch offline geht.

Feminismus on- wie offline sind Schwestern im Geiste. Jede mit ihren Eigenarten, Chancen und Grenzen. Auch online geht es darum sich Räume anzueignen, anderes Wissen zu verbreiten, solidarisch zu sein und auf Missstände hinzuweisen. Auch und gerade online stellt sich die Frage, wie mit guten Ideen noch Geld zu verdienen ist (siehe diesen Schwerpunkt) oder wie viel politisches Ehrenamt neben Lohn- und Hausarbeit noch zu schaffen ist. Auch online verlaufen die Grabenkämpfe nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen den Positionen. Und deshalb stellt sich für Feminismus online dieselbe Frage, die sich Feminismus offline stellen muss: Wer spricht?

Wir können nicht über Netzfeminismus sprechen, ohne über Teilhabe im Netz an sich zu sprechen. Faktoren, die außerhalb des Netzes beeinträchtigend, privilegierend und benachteiligend sein können (wie z.B. Religion, soziale oder ethnische Zugehörigkeit, finanzielle Situation, Bildung…) beeinträchtigen auch innerhalb des Netzes die Teilhabe. Es verfügen nicht alle über die gleichen Ressourcen, Möglichkeiten und Anerkennungsformen, um die vielfältigen Beteiligungsformen des Netzes (Blogs verfassen, Vernetzung mit politischen Gruppen) zu nutzen. Anfang 2013 lösen Netzfeministinnen durch den #Aufschrei die „Sexismusdebatte“ mit aus. Viele tauschen sich über Alltagssexismus aus und doch kommen gleichzeitig viele, die besonders von Sexismus und Geschlechterungleichheit betroffenen sind (z.B. transsexuelle Menschen, Migrantinnen, sozial benachteiligte Frauen), nicht oder zu wenig zu Wort. Das wurde bis heute zu wenig reflektiert.

Der Netzfeminismus läuft Gefahr im Elfenbeinturm zu verbleiben

Die Gefahr im Elfenbeinturm zu verharren zeigt sich an zwei netzfeministischen Phänomenen. Zum einen fehlt oftmals der Bezug zu feministischen Kämpfen und geschlechterpolitischen Auseinandersetzungen außerhalb des Netzes. Das Netz kann Debatten anstoßen, wie zum Beispiel die „Sexismusdebatte“ Anfang 2013. Aber man darf nicht dem Trugschluss erliegen, dass auf diese Weise auch die Geschlechterdebatten außerhalb des Netzes nachhaltig mitgestaltet werden können. Denn während ein Teil der feministischen Netzcommunity #Aufschrei als Erfolg feierte, kam es offline zu harten geschlechterpolitischen Auseinandersetzungen: So gab es eine reflexhafte Solidarität unter Männern, die einander rieten, Begegnungen alleine mit einzelnen Frauen zu vermeiden. Es bildeten sich ‚Geschlechterfronten‘ mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, von denen auch Antifeminist_innen profitierten. Frauen wurden mit dem alten und gängigen Vorurteil konfrontiert, sie würden sexuelle Belästigung gegen sie provozieren. Dieses Beispiel macht deutlich, wo die Grenzen des Netzfeminismus liegen und dass ein Blogeintrag oder Tweet (Twitternachricht) nie die Diskussionen und feministische Kämpfe im realen Leben und in Form von realen Begegnungen ersetzen wird.

Zum anderen gibt es einen wenig reflektierten Umgang mit dem eigenen feministischen Wissen und damit verbundenen Ausgrenzungstendenzen. Kübra Gümüşay sagt hierzu: „Wir baden uns im Wissensfetisch, Kampfeslust und einer arroganten Erhabenheit gegenüber jenen, die noch nicht das Wissen erlangt haben, mit dem wir uns heute stolz schmücken. Die Einsichten, die wir heute haben, setzen wir bei anderen als Mindestwissen voraus. Das macht uns ängstlich und stumm. Nicht nur Anfänger_innen, sondern auch alte Hasen.“

Netzfeminismus ist nur eine Form des Feminismus im 21. Jahrhundert

Netzfeminismus ist nicht der Feminismus des 21. Jahrhunderts. Er ist aber eine große Bereicherung für den Feminismus im 21. Jahrhundert. Er ist unentbehrlich für die gegenwärtigen feministischen Auseinandersetzungen. Es ist jedoch unabdingbar, die eigenen Privilegien und Wissensvorsprünge zu reflektieren, sich mit feministischen Kämpfen außerhalb des Netzes auseinanderzusetzen und sich diesen zu stellen. Nur so wird ein gemeinsamer, solidarischer und starker Feminismus möglich.