Logo
Frühjahr 1/2026

Nachrufe

von Florence Hervé

(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 1/2026)

Gertrude Degenhardt

(New York 1.10.1940 – Greifswald 12.11.2025)

Im Wir Frauen-Kalender 2025 gratulierten wir ihr noch zum 85. Geburtstag. Kurz danach starb die Malerin, Grafikerin, Lithografin und Zeichnerin.

Mit ihren skurrilen, komischen, grotesken, auch lustvollen Bildern begleitete sie den Kalender seit der ersten Ausgabe 1979.

Sie wuchs in der Nachkriegszeit in Berlin-West auf – das prägte. 1956 Umzug mit der Familie nach Mainz. Bis 1959 studierte sie an der Staatlichen Werkkunstschule für Gebrauchsgrafik. Ab 1966 arbeitete sie als freischaffende Grafikerin und Malerin in Mainz, abwechselnd auch vier Monate im Jahr an der Westküste ihrer Wahlheimat Irland, wo sie und ihr Mann Martin Degenhardt ein Cottage in Connemara besaßen.

Inspiriert von irischer Musik schuf sie den Zyklus Women in Music, wunderbare Vagabondagen von wilden, aufmüpfigen Frauen, die trinken und tanzen in Blau und in Rot.

Kaltnadel, Gouache, Pinselzeichnung und Farbradierung waren ihr Metier. Sie gestaltete die Plattencover ihres Schwagers, des Liedermachers Franz-Josef Degenhardt, und ihrer Tochter, der Komponistin und Gitarristin Annette Degenhardt, und illustrierte Texte von François Villon und Bertolt Brecht. Und sie mischte sich mit ihren Lithografien u.a. in Debatten um Arbeit (35 Stunden sind genug, 1979), um Krieg und Frieden (Soldat, Soldat, 1967; So soll es bleiben) sowie um Gewalt und Fremdenhass (Die Fratze spielt auf, 1992) ein. Themen, die leider immer noch aktuell sind.

Zahlreiche Auszeichnungen, Ausstellungen u.a. in der BRD und in Irland.


Margot Schroeder

(Hamburg 29.4.1937 – Bad Sooden-Allendorf 30.8.2025)

Sie habe sehr viel geschrieben, sagte mir die Mitarbeiterin einer Seniorenresidenz in Bad Sooden-Allendorf, Hessen. Dass Margot Schroeder ab Mitte der 70er Jahre eine bekannte Schriftstellerin war, wusste sie nicht. Als die Lyrikerin Ende August verstarb, gab es in den Medien keine Nachricht und keinen Nachruf.

Ihr bewegtes Leben begann in Hamburg: dort Buchhandelslehre, Heirat, zwei Kinder, Scheidung, dann Mitarbeit in der 1970 entstandenen linken Schriftsteller*innengruppe Werkkreis Literatur der Arbeitswelt und in Fraueninitiativen, 1971 Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller*innen, seit 1975 freie Schriftstellerin.

1987–2007 lebte, schrieb und las sie in Düsseldorf: Lyrik, Prosa, Romane (Bestseller: Ich stehe meine Frau, 1975), Kinderbücher, Hörspiele, Nonsens-Gedichte (Haltlose Tage, 1993; Nulpen – Tulpen, 2001). Sie war zudem Kunstfotografin und Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität.

Sie schrieb Bissiges und Humorvolles für den Kalender und die Zeitschrift Wir Frauen. Die Feministin mischte sich kritisch in gesellschaftliche Auseinandersetzungen ein. So initiierte sie eine Friedenstournee 1981 mit der Liedermacherin und Jazzsängerin Angi Domdey und rief 1991 mit einem Dutzend Düsseldorfer Frauengruppen zur Schweigestunde in Trauerkleidung anlässlich des Golfkriegs auf.

2007 zog sie mit ihrer Gefährtin nach Essen, in den Beginenhof.

Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Über sie schrieben u.a. Ingeborg Drewitz und Ulla Hahn (Deutsche Volkszeitung 1977/78).

DER LETZTE FRIEDEN
Für den sicheren Frieden
gibt es Bombenteppiche
für den gerechten Frieden
gibt es Kollateralschäden
für den inneren Frieden
gibt es die Polizei
für den Arbeitsfrieden
gibt es die Rüstungsindustrie
für den Familienfrieden
gibt es das Fernsehen
für den Seelenfrieden
gibt es Psychopillen
für den lichten Frieden
gibt es Atomkraftwerke
für den sauberen Frieden
gibt es Entsorgungsparks
für den stillen Frieden
gibt es Schlafstädte
für den letzten Frieden
gibt es den Himmel!
Margot Schroeder
Aus dem Wir Frauen-Kalender 2004