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Herbst 3/2020

Multiplikatorinnen rechten Gedankenguts

Die zunehmende Partizipation von Frauen innerhalb der Rechten läutet eine Modifizierung weiblicher Rollenmodelle ein und erweitert so deren Handlungsfelder. Denn: Rechtsextremismus gilt nicht länger als reine Männerdomäne. Studien wie die von Oliver Decker und Elmar Brähler (Vom Rand zur Mitte, Friedrich-Ebert-Stiftung 2006) decken auf, dass es hinsichtlich rassistischer Einstellungen kaum quantitative Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Demnach vertreten 25 % der Frauen und 26 % der Männer in Deutschland ausländerfeindliche Positionen.

Auch bei der Partizipation von Frauen in rechtsextremen Organisationen zeigt sich, dass Frauen vermehrt aktive Ämter in rechten Parteien einnehmen. Seit 15 Jahren ist ein kontinuierlicher Anstieg der Teilhabe von Frauen zu verbuchen, mittlerweile hat sich der durchschnittliche Frauenanteil in Bundes- und Landesvorständen bei etwa 20 % eingependelt. Die Sozialwissenschaftlerin Renate Bitzan weist darauf hin, dass in diesem Zusammenhang das Erbe der Frauenbewegung eine entscheidende Rolle spielt. Frauen räumen sich – in unbewusster Adaption emanzipatorischen Gedankenguts – wie selbstverständlich das Recht auf Teilnahme am politischen Geschehen ein. Der Zulauf von Frauen wird zum Selbstläufer, da mit der steigenden Anzahl an weiblichen Neumitgliedern auch die Hemmschwelle anderer Frauen sinkt, es ihnen gleich zu tun.

Der steigende Frauenanteil im rechtsextremen Spektrum schafft neue Möglichkeiten der strategischen Gestaltung politischer Inhalte. Hier sehen Parteien die Chance, Frauen als Multiplikatoren einzusetzen: Die Verbreitung rechter Positionen durch eine, wenn möglich, junge Frau kann das Ansehen stärken und dient dazu, einen weniger reaktionären Eindruck der Partei in der öffentlichen Wahrnehmung zu hinterlassen. Außerdem tragen Frauen zur Stabilisierung der Parteien bei: Integrieren Männer Partnerinnen in ihr rechtsextremes Umfeld, kann so dem Rückzug der Männer – etwa in Folge einer Familiengründung – entgegengewirkt werden. Gleichzeitig dient diese Vorgehensweise der Erziehung des Nachwuchses hin zur rechten Gesinnung.

Diese quantitative Steigerung des Frauenanteils in rechtsextremen Organisationen und Parteien geht jedoch auch mit einer Veränderung gelebter wie wahrgenommener Rollenmodelle einher. Begegnen Frauen beim Eintritt in eine Organisation zwar nach wie vor einer weitgehend sexistischen Konstruktion von Geschlechterrollen, vollzieht sich hier langsam ein Prozess. Er spiegelt sich zum einen in den Lebensentwürfen der Frauen: So widmen sich Frauen vermehrt der Parteiarbeit, gestalten die Politik aktiv mit und lassen sich nicht von geringfügiger Anerkennung durch die männlichen Mitstreiter abschrecken. Das Ergebnis: Frauen nehmen innerhalb rechter Parteien inzwischen führende Positionen ein. Ferner zeichnet sich eine Heterogenität innerhalb der vertretenen Meinungen zu den Geschlechterrollen ab. Betrachtet ein Teil der Frauen innerhalb rechter Organisationen die Frau weiterhin allein in ihrer Funktion als Mutter und Hausfrau, rückt der Anspruch, die Frau als eigenständige Person mit allen Möglichkeiten der freien Entfaltung wahrzunehmen, immer weiter in den Vordergrund.

Auch in Bezug auf die Mutterschaft treten unterschiedliche Positionen sowohl in Bezug auf die Ausgestaltung als auch in Bezug auf die Rolle auf. Wird einerseits eine hohe Opferbereitschaft der Frau eingefordert, steht diesem Ansatz die Entlastung der Mutter, beispielsweise in Form von materieller Entlohnung, entgegen. Die verschiedenen Auslegungen der Mutterrolle reichen von „schutzbedürftig“ bis „stark und selber schützend“. Wird die Erwerbstätigkeit der Frau von einigen Akteurinnen mit einer Vermännlichung gleichgesetzt, so wird sie von anderen als absolut selbstverständlich anerkannt.

Auch bei der Frage um das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch zeigt sich eine unterschiedliche Haltung bei rechten Frauen. Während ein Großteil den Abbruch als Mord bezeichnet, halten andere Vertreterinnen das Recht auf Selbstbestimmung hoch. Diese Heterogenität der Positionen verdeutlicht, dass nicht mehr allein eine völkische Linie vertreten wird, sondern dass die Frage nach einem modernen Lebensentwurf zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dies spiegelt sich auch in den zahlreichen Neugründungen rechter Frauenorganisationen seit 1998 wider: Hier entdecken Frauen die Möglichkeit der inhaltlichen Gestaltung.

Die Arbeit innerhalb rechter Parteien zeigt die Vielschichtigkeit weiblicher Rollenmodelle. Sie bedienen sowohl die traditionalistischen wie auch die modernen Frauenrollen. Nach wie vor überwiegt aber die politische Partizipation innerhalb „geschlechtstypischer“ Frauenbereiche (wie beispielsweise der Familienpolitik), wobei der Ansatz vertreten wird, dass sich insbesondere „weibliche“ Themen glaubwürdiger von einer Frau vertreten lassen.

So hat PRO NRW, einer der Ableger des rechtspopulistischen Netzwerks PRO KÖLN, seit neuestem einen Arbeitskreis zum Schwerpunkt Familien- und Frauenpolitik mit einer Sprecherin, der 26-jährigen Altenpflegerin Stefanie Uhlenbrock. Diese fordert eine Steigerung der Geburtenrate zur Erhaltung des deutschen Volkes sowie die Erhaltung der Familie als „Keimzelle unserer Gesellschaft, entgegen einer Verhöhnung durch Zerrformen, wie die Homoehe“. Sie führt weiter an, dass die Rolle der Hausfrau eine der wichtigsten Funktionen in unserer Gesellschaft sei und spricht sich für eine aktive Bevölkerungspolitik aus, „aber keine Zuwanderungspolitik“. Erhält hier eine Frau die Funktion eines „weiblichen Steckenpferdes“, kann PRO KÖLN sogar mit einer weiblichen Führungsposition aufwarten: Die 29-jährige Staatsanwältin Judith Wolter bildet das Gegenstück zu Stefanie Uhlenbrock. Wolter entspricht dem Bild der jungen, dynamischen und karriereorientierten Frau.

Nach Beginn des Jurastudiums war Judith Wolter von 1999 bis 2004 Vorsitzende von PRO KÖLN und wurde danach zur geschäftsführenden stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Während die organisatorische Arbeit weitgehend von den beiden Zugpferden Manfred Rouhs und Markus Beisicht ausgeübt wurde, beschränkte sich ihre Funktion zunächst auf zaghafte Auftritte in der Öffentlichkeit, wie bei Aufmärschen, Mahnwachen oder beim Verteilen von Flugblättern. Wolter wurde nach und nach zum Aushängeschild der Partei. Nach wie vor tritt sie vermehrt in der Öffentlichkeit auf und äußert sich zur politischen Ausrichtung ihrer Partei. So gab sie im Juni 2007 ein Interview in der National Zeitung, in dem sie sich zu Themen wie Moscheebau, „Masseneinwanderung“ und „Islamisierung“ äußerte und den Abbruch der Verhandlungen mit der Türkei wegen des EU-Beitritts forderte.

Die Entwicklung unterschiedlicher Rollenmodelle in rechten Parteien und Organisationen zeigt möglicherweise einen leisen Trend auf, der noch in einem langwierigen Prozess steht, aber schon jetzt eine große Gefahr birgt: Galt in der ursprünglich rechtsradikalen Szene die Frau weitgehend als Anhängsel, das kein politisches Mitbestimmungsrecht mitbrachte, entstand so eine klare Trennlinie zu modernen Lebensentwürfen der Gesellschaft, die einen großen Kreis an Wählerschaft automatisch ausklammerte. Nun kristallisiert sich die Entwicklung in rechtsradikalen Parteien hin zu einem differenzierten, flexibel gestalteten Rollenbild der Frau.

Hier wird eine Ambivalenz in den Strukturen und dem nach außen getragenen Image deutlich, die aufzeigt, dass rechte Parteien inzwischen auch in der Lage sind, moderne Lebensentwürfe zuzulassen und anzubieten. Sie erscheinen so nach außen hin assimilierter, modernisierter und differenzierter. Diese Entwicklung dient den rechtsradikalen Parteien als Strategie, eine neue Wählerschaft heranzuziehen, da sie hier eine größere Identifikation stiften können als über das als antiquiert geltende Modell der traditionalistischen Frauenrolle. Gleichzeitig verwischen sich immer mehr die Grenzen zu demokratischen Parteien, was Wählerinnen und Wählern die klare Identifizierung rechtsradikaler Gruppierungen erschwert.

Isolde Aigner