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Herbst 3/2020

Mit weiblicher Stimme erzählen

Arantxa Urretabizkaia wird 60 Jahre und erscheint zum ersten Mal auf Deutsch

Das Baskische gilt als wohl älteste Sprache Europas. Mit ihren kniffligen Verbalformen und fast 20 Fällen ist sie schwer zu erlernen und direkte Übersetzungen ins Deutsche sind denn auch bislang kaum zu finden. Nun startet der Pahl-Rugenstein Verlag die „Baskische Bibliothek ZUBIAK“ (zu Deutsch: Brücke) mit zwei Romanen, einer davon „Das rote Heft“ von Aranxta Urretabizkaia, die am 1. Juli ihren 60. Geburtstag gefeiert hat. Sie gilt als eine der ersten engagierten baskischen Schriftstellerinnen der 1970er und 1980er Jahre und als wichtige journalistische und literarische Stimme.

Als Arantxa Urretabizkaia 1947 in San Sebastian geboren wird, befindet sich ihr Vater gerade im Gefängnis. Es herrscht die Lange Nacht aus Stein, die Zeit der Franco-Diktatur. In den bedrückenden, von materieller Not geprägten Jahren ihrer Kindheit lernt sie zwei Dinge, die ihr Leben entscheidend prägen sollen: die baskische Sprache – damals offiziell verboten – und, dass ein Beruf für eine Frau ebenso wichtig ist, wie für einen Mann.

1969. Es gärt unter der Oberfläche des Franquismus. Eine Generation ist herangewachsen, die begierig Nachrichten der neuen politischen und kulturellen Strömungen aufsaugt, die aus der ganzen Welt ins Land sickern. Sie kennen die Niederlage ihrer Eltern nur aus Erzählungen, versuchen von der eisernen Kralle von Faschismus und Kirche unentdeckt eigene Ausdruckformen zu finden, lesen nachts verbotene Bücher und schreiben – auf Baskisch. Allein das ist schon eine revolutionäre Tat, auch wenn das Verbot der Sprache Ende der 60er Jahre etwas gelockert wurde. Sie stellt nicht nur einen Gegenpol zur verhassten Militärdiktatur dar, sondern galt bis dahin auch als Unkultur, als Sprache der Bauern und Fischer, oder vielleicht noch der Pfarrer.

Arantxa Urretabizkaia stößt auf französische Literatur, die ihr eine neue Welt eröffnet, besonders Simone de Beauvoir. Sie beginnt Gedichte zu verfassen und lernt eine Gruppe baskisch schreibender Autoren kennen, die einen eigenen Verlag gegründet haben. Sie übersetzen Frantz Fanon und Nazim Hikmet, schreiben existenzialistische Prosa und soziale Gedichte, lesen und diskutieren nächtelang. Alles ist neu, alles muss erst geschaffen werden. Noch nie vorher gab es Zirkel weltlicher baskischer Intellektueller, die in ihrer Sprache schreiben. Arantxa Urretabizkaia ist die einzige Frau der Gruppe. Doch das stört sie wenig, fällt ihr noch nicht einmal auf. Es geht ihnen darum, Worte zu finden, Ideen auszudrücken, ihre Sprache zu entwickeln und zu verbreiten.

1975. Das Jahr, in dem der Diktator stirbt. Die lang ersehnte Freiheit scheint endlich gekommen. Alles ist im Umbruch, aber auch das alte Regime verteidigt sich. In ganz Spanien sind Streiks und Demonstrationen an der Tagesordnung, es gibt Tote, Gefangene, Hausdurchsuchungen, Straßenkämpfe. Schreiben scheint in dieser Situation zweitrangig. Es geht nicht mehr um die geistige Erneuerung, sondern um die Tat, die Umsetzung der lange im Verborgenen entwickelten Ideen.

Erst 1977 findet Arantxa Urretabizkaia ihre literarische Stimme wieder. Nach der Euphorie des Umbruchs haben die ‚Mühen der Ebene’ begonnen. Viele politische Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, neue gesellschaftliche Widersprüche sind sichtbar geworden. Ehe, Partnerschaft und Familie werden thematisiert und politisiert. Im Baskenland entstehen die ersten Frauengruppen, an denen sich auch Urretabizkaia beteiligt. Wieder aus Frankreich erreicht sie die Literatur der neuen Frauenbewegung. Die Frage, ob Frauen anders schreiben als Männer, ob Frauen nur für Frauen schreiben sollen. Auch wenn Arantxa Urretabizkaia diese Frage für sich mit ‚nein’ beantwortet, weil sie der Meinung ist, dass ihr Frausein ganz automatisch in all ihr Tun einfließt, findet sie in der Auseinandersetzung mit der Frauenbewegung ihr literarisches ‚Ich’. Es ist eine Stimme, die in der ersten Person erzählt, die ihrer eigenen Wahrheit, ihrer eigenen Sicht der Gesellschaft treu ist, aber nicht zum Ziel hat, eine bestimmte Ideologie zu vermitteln, oder anderen einen Spiegel vorzuhalten.

In dieser Zeit schreibt sie den Kurzroman ‚Warum Panpox’, mit dem sie bekannt wird. Ein innerer Monolog, oder vielleicht auch ein, wie in einer Endlosschleife laufendes Prosa-Gedicht: eine Mutter mit ihrem Sohn, eine alleinerziehende Mutter, der Autobus, der Arbeitsplatz, der Sohn, der Supermarkt, der Abend, der Sohn, ihre Träume, die feuchte Kissen hinterlassen, der Morgen, der Kakao, der Geruch des gegangenen Mannes…

Es ist kein Buch, das Forderungen aufstellt, sondern die Ehrlichkeit der Beschreibung macht es radikal, die lyrische Stimme, welche die Banalität des Alltags, die Gefühle, die Intimität zwischen Mutter und Kind ebenso poetisch darstellt, wie sie mit der Verklärung des Mutterseins aufräumt. Das Buch schlägt eine Bresche in der Baskischen Literatur.

Vor allem ist es die Stimme einer Frau, die in erster Person schreibt: ein Novum. Seitdem haften Arantxa Urretabizkaia zwei Etiketten an: Intimismus und Frau. Mittlerweile hat sie diese Etiketten schätzen gelernt, als Erkennungszeichen, die sie als Autorin identifizierbar machen. Denn vor allem geht es ihr beim Schreiben darum, die Gefühle ihrer Figuren zu vermitteln. Und ihre Hauptfiguren sind häufig Frauen.

Auf ‚Panpox’ folgt ‚Saturn’, ein Roman, der die Geschichte einer gescheiterten Liebe erzählt, und danach ‚Das Rote Heft’, ihr dichtester Roman. Auch dies eine unbequeme, in erster Person erzählte Geschichte eine Frau, die aufgrund ihrer politischen Betätigung Ende der 70er Jahre den Weg in den Untergrund gehen muss und im Zuge der Ereignisse den Kontakt zu ihren Kindern verliert. Es geht um einen individuellen Lebensweg, um Hintergründe von Entscheidungen, um die Frage des Bandes zwischen Mutter und Kindern in einer dramatischen Situation.

Trotz dieser selbstbewussten Romane, denen eine Vorreiterrolle zukommt und die einer weiblichen, baskischsprachigen Erzählstimme Gestalt gegeben haben, machen Schriftstellerinnen im Baskenland auch heute noch nur etwa 15 % der Autoren aus. Die inzwischen dritte Generation baskischer Autorinnen meidet in ihrer Prosa eher dieses direkte, persönliche, weibliche ‚Ich’, das in der Gegenwartsliteratur von Frauen auf der ganzen Welt so verbreitet ist.

Ein Zeichen der Anpassung, der Orientierung an männlichen Vorbildern? Oder ein Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins, das es möglich macht, die eigene Person in den Hintergrund zu stellen?

Eins ist sicher, für viele baskische – baskischsprachige – Frauen war und ist die Literatur Arantxa Urretabizkaias eine ihrer ersten lesbaren weiblichen Stimmen, und als Radio- und Fernsehjournalistin – dem Beruf, den sie auch heute ausübt, auch eine der ersten hörbaren.

Petra Elser

 

Mehr Infos zum Projekt, zur Geschichte baskischer Literatur und Sprache gibt es unter www.zubiak.de