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Herbst 3/2020

„Mindestens jeden Tag ein Fall“

Feminizid in Guatemala

Wir kennen das Problem der „Frauenmorde in Serie“ bereits aus Ciudad Juárez in Mexiko. Seit mehr als zehn Jahren werden im Grenzgebiet zu den USA Mädchen und junge Frauen entführt, sexuell misshandelt, gefoltert und schließlich getötet. MenschenrechtlerInnen gaben dem Unfassbaren einen Namen: Feminizid. Ebenso unfassbar ist es, dass sich um die Morde eine dicke Mauer des Schweigens und Vertuschens aufgebaut hat. Die Behörden scheinen auch nach einem Jahrzehnt kaum an einer Aufklärung interessiert zu sein; in vielen Fällen wurden Erkenntnisse sogar bewusst verfälscht oder den Opfern die Schuld am eigenen Schicksal zugesprochen.

Mittlerweile hat der Feminizid auch in anderen Gesellschaften Lateinamerikas Wurzeln geschlagen. Im südlichen Nachbarstaat Guatemala stieg die Zahl der ermordeten Frauen von 163 im Jahr 2002 auf über 600 Fälle im Jahr 2005! Diese massive Gewalt gegen Frauen tritt in lateinamerikanischen und karibischen Ländern signifikant häufig auf. Entführungen und Morde werden ergänzt durch zahllose Fälle häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe durch Familienangehörige.

Guatemala erlebte bis vor neun Jahren einen drei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg. Frauen galten als Freiwild. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Eine allgemeine Verrohung durchzieht noch immer die Gesellschaft. Im Land herrscht eine erschreckende Straffreiheit, die es ermöglicht, Frauen mit ungeheurer Brutalität sexuell zu erniedrigen und zu töten. Korrupte staatliche Strukturen und mächtige Clans werden für die Verbrechen verantwortlich gemacht. Ein extremer Frauenhass, einhergehend mit einem „Machismo“ des Einschüchterns und Beherrschenwollens sowie mangelnde Investitionen in die soziale Infrastruktur kommen hinzu. Mittlerweile haben Regierungsvertreter aus Mexiko, Guatemala und Spanien eine erste Deklaration unterschrieben, die den Kampf gegen den Feminizid in patriarchalen Gesellschaften politisch forcieren soll. Bleibt abzuwarten, ob dieser erste „offizielle“ und längst überfällige Schritt ein zahnloser Papiertiger bleibt oder endlich ein Ende der unsäglichen Gewalt gegen Frauen einläutet.

Sonja Vieten

Zum Weiterlesen:

Mord ohne Risiko. Die Tageszeitung, 25.11.2005.

Amnesty International: Intolerable Killings – Ten years of abductions and murders in Ciudad Juárez and Chihuahua. 2003.