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Herbst 3/2020

Mein Freund aus Faro

Die kurzhaarige, burschikose Mel – die wahrscheinlich Melanie heißt und diesen Namen genauso wenig passend findet für sich wie ihre Arbeit und ihr enges Elternhaus – wird erst lebendig, wenn sie in ihrem roten Ralley-Auto sitzt und scheinbar ziellos umherfährt, irgendwo mitten in der Landschaft hält, sich aufs Autodach legt und in den Himmel schaut.

Und so beginnt auch der Film – mit Mels Blick auf Flugzeuge im Start- oder Landeflug. Eine Perspektive, die man zuerst nicht deuten kann. Um Deutung geht es Nana Neul in ihrem Debütspielfilm „Mein Freund aus Faro“ nicht. Sie erzählt stringent und nachvollziehbar eine Liebesgeschichte.

Mels Tage in einer Cateringfirma sind eintönig und steril wie die abgepackten Menüs für Fluggäste. Als ein neuer Mitarbeiter aus Portugal auftaucht, erwacht Mel aus ihrer Lethargie. Doch Miguel aus Faro interessiert sich überhaupt nicht für Mel als Frau, sondern nur als Kundin für die Zigaretten, die er stangenweise verkauft. Eines Nachts, als Mel wieder einmal ziellos umherfährt, springt ihr aus dem Nichts eine kleine Prinzessin vors Auto; diese und ihre Freundin ergreifen die Initiative, lassen sich von der geschockten Mel in die Disco fahren, in die sie aufgrund ihres Alters gar nicht hinein dürften. Und Mel ergreift ihre Chance, in eine andere Identität zu schlüpfen. Nach ihrem Namen befragt, antwortet sie spontan und wie selbstverständlich: Miguel aus Faro. Jenny gefällt dieser vermeintliche junge Mann von Stunde zu Stunde mehr, vor allem seine Souveränität und Zurückhaltung. Er gehört nicht zu den jungen Macho-Typen, mit denen sie ansonsten verkehrt.

Zu Hause wird Mel zunehmend vom Vater bedrängt, doch endlich mal einen Mann ins Haus zu bringen. Überraschenderweise kündigt Mel an, dass zur Geburtstagsfeier ihres Bruders Miguel, ihr Freund aus Faro, mitkommt. Knallhart verhandelt sie am nächsten Tag mit ihrem Arbeitskollegen Miguel über den Job, für zwanzig Euro die Stunde ihren Freund zu spielen – er verlangt vierzig, sie einigen sich in der Mitte. Für ihre Familie ist damit die Welt in Ordnung und Mel hat erst mal Ruhe für ihre zaghafte Beziehung zu Jenny. Es beginnt ein Spiel der Verkleidung und Verwirrung, über dessen Ausgang sich Mel keine Gedanken macht. Sie ist glücklich verliebt, ein bisher nicht gekannter Zustand.

Dass diese Liebe anders ist, spürt Jenny … Als sie mit der nackten Wahrheit konfrontiert wird, läuft sie weinend fort und findet sich in einem Gefühlschaos wieder. Ihre Frage an die beste Freundin, „Bin ich jetzt lesbisch?“, beantwortet Nana Neuls Film nicht. „Es geht um die Liebe, und die fällt dahin, wo es ihr gefällt. Man muss mutig sein, um sich ihr hinzugeben, denn sie verändert das Leben.“

Es ist nicht ausgemacht, wohin es Mel zieht. Nur eines ist klar: Dass die 23-Jährige mit der 14-jährigen Jenny keine Beziehung haben darf. Dieser Verantwortung wird sich Mel bewusst. Sie verzichtet und gibt ihrem bisherigen Leben eine neue Perspektive: Sie möchte das Land kennen lernen, aus dem Miguel in ihr Leben geplatzt ist und ihr damit eine neue Richtung eröffnet hat – zwar mit typisch männlichen Gesten und Verhaltensweisen, aber mit weiblichem Empfinden.

Mit Anjorka Strechel hat Regisseurin und Drehbuchautorin Nana Neul (Jg. 1974) die ideale Verkörperung dieser ambivalenten Frauenfigur gefunden. Ihr Spiel ist intensiv und einnehmend, sie trägt den Film und bietet jungen Mädchen und Frauen Orientierung an auf der Suche nach sexueller Identität.

Die Regisseurin und Autorin Nana Neul erhielt auf dem Max Ophüls Festival 2008 in Saarbrücken den Drehbuch-Preis. Aus der Begründung: „Ehe man sich versieht, zieht uns die Autorin mit eindrucksvollen Bildern in ein Spiel der Verführung und Verwirrung der Geschlechter. Ohne ein schweres Drama zu sein, erzählt uns der Film die dramatische Suche nach Identität durch ein fein gezeichnetes Figurenensemble. Mit wenigen Worten wird hier viel gesagt. … Die Überwindung der Ängste und das Bekenntnis zu sich selbst sind nicht nur Mels erster Schritt in die Wirklichkeit, sondern auch in die Freiheit – und das Ende eines schönen Films.“

Die verdiente Anerkennung für ein Spielfilmdebüt, dem ein großes interessiertes Publikum zu wünschen ist!

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel