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Frühjahr 1/2024

Klassenfragen

von Melanie Stitz

(aus WIR FRAUEN Heft 2/2023)

„Plötzlich arm, plötzlich reich“, „Zahltag – ein Koffer voller falscher Hoffnung?“, „Hartz und herzlich“, „Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?“ – mit Armut lässt sich TV-Quote machen. Zwischen vom Reichtum gelangweilten Geißens und mal anrührend, mal als dummdreist inszenierten Hartz IV-Empfänger:innen sollen sich die „Helden des Alltags“ verorten, die „unser Land jeden Tag am Laufen halten“ (BILD-Kampagne „Für Euch“), und für die Söder zu sprechen vorgibt, wenn er gegen das Bürgergeld wettert, das ungerecht sei gegenüber allen, die für wenig Geld tüchtig malochen. Auch das ist Teil des Klassenkampfes von oben.

Schon die Debatten um „Pöbel“ und „Lumpen“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ähnelten der Diskussion um Hartz IV, inklusive der Sorge, dass sich leider „die Falschen“ vermehren. Auch daraus wurde ein „Arbeiterstolz“ geschmiedet, der sich abgrenzt nach unten.

Dieses System braucht, was es verachtet – um Abstiegsängste zu erzeugen und zu disziplinieren, so Anna Mayr, Tochter (lohn-)arbeitsloser Eltern, in ihrem Buch „Die Elenden“. Armut sei gewollt. Sie ließe sich aufheben – durch Großzügigkeit: „Jemand, der unrechtmäßig Hartz IV bezieht, müsste etwa 5600 Jahre alt werden, um der Gemeinschaft so sehr zu schaden wie Uli Hoeneß. Wir könnten uns also ein Sozialsystem zutrauen, das einen Menschen-Rettungsschirm enthält, der nicht nur ‚„armutsfest“ ist, sondern „lebensfest“.“ Das Gegenteil von Armut sei Freiheit – auch das ein Gedanke, der ihr Buch so lesenswert macht.

Mayr spricht von einer seit „Jahrzehnten eingeschliffenen Ideologie, die uns davon abhält, über Eigentum und Verteilungskonflikte“ zu sprechen und stattdessen über „Milieus“ und „Schichten“, als gehe es um natürliche Unterschiede.

„Von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ sei das Kapital in die Welt gekommen, schrieb Marx, brutal zusammengeraubt in der „Neuen Welt“, durch Aneignung der Allmende – Land, das einmal allen gehörte – und auf Kosten von Arbeiter:innen, Sklaven, Kindern…, die sich zu Tode geschuftet haben. Er widersprach damit der Erzählung von den wenigen, die tüchtiger und fleißiger waren als die anderen und sich den Reichtum „verdient“ haben. Viel wird gesprochen von „Risiken“ und Ursachen (selbstverschuldeter) Armut, wenig darüber, woher exorbitanter Reichtum eigentlich kommt.

Jede Mäßigung des Profitstrebens wurde erkämpft: Arbeitnehmer:innenrechte, Arbeitsschutz, höhere Löhne, kürzere (Lohn-)Arbeitszeiten. Manches wurde gewährt, weil es ökonomisch sinnvoll erschien. Die Agenda 2010 brachte eine massive Deregulierung der Arbeit und trug zur Schwächung der Gewerkschaften bei. Im früheren Bundesgebiet galt 1998 für 76 % der Beschäftigten ein Tarifvertrag – heute gilt das in Deutschland nur noch für 43 %. Es gilt, das Erreichte wenigstens zu verteidigen, z.B. das Renteneintrittsalter in Frankreich, das Streikrecht oder die Inflation teilweise auszugleichen.

Etwas Umverteilung ist nicht die Lösung. Es muss an die Verhältnisse gehen, die Armut und Reichtum – zwei Seiten derselben Medaille – erzeugen: Klassenkampf statt „Sozialpartnerschaft“, die auf Kompromissen und Teilhabe an der Ausbeutung anderer fußt. Es braucht verbindendes Klassenbewusstsein und gemeinsame Kämpfe. Erst das macht die Klasse „an sich“ zu einer „für sich“.

Zur Arbeiterklasse gehören alle, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen und abhängig sind vom Lohn – vom eigenen oder dem eines anderen. Also selbstverständlich auch Frauen und die „Reservearmee“ der (Lohn-)Arbeitslosen, all jene, die nicht arbeiten können, dafür noch zu klein sind oder zu alt, und auch jene, deren Arbeit unentlohnt einverleibt und zum Beispiel „Liebe“ genannt wird. „Wanderarbeiter:innen“ und Migrant:innen gehörten stets mit dazu. Proletarische Frauen arbeiteten knochenhart in den Fabriken und ernährten die Familie mit kargem Lohn.

Marlen Hobrack ärgert sich deshalb, wenn es heißt, „wir“ seien die erste Generation Frauen, die Lohn- und Hausarbeit unter einen Hut bekommen muss. Das negiere u.a. die Erfahrungen von Frauen der DDR und zementiere geschlechtliche Stereotype, gegen die Feminismus eigentlich angehen will. Auch cis-Männer zählen zu den Verlierern im Kapitalismus. Hobrack kritisiert einen Feminismus, der sich schwertut, sich auch ihnen gegenüber empathisch zu zeigen.

Der Herrschaftsknoten – ein Begriff von Frigga Haug – ist eng geknüpft und verschlungen.
Man muss kein Kapitalist sein, um von der Ausbeutung anderer zu profitieren oder gar darauf angewiesen zu sein. Wenn Erzieher:innen streiken, wird das für Alleinerziehende, prekär Berufstätige, denen Oma und Opa nicht beispringen können, zum Problem. 2021 urteilte das Bundesarbeitsgericht, dass Rund-um-die-Uhr Pflege nur noch mit Mindestlohn legal sei. Für die meisten werde sie so unbezahlbar und es drohe „das Armageddon der häuslichen Pflege“, so VdK-Präsidentin Verena Bentele.

Selbst in ein und demselben Unternehmen stehen Abteilungen und Standorte zueinander in Konkurrenz. Welche Kaufhof-Filiale darf bleiben? Als Frauen gegen das fordistische Geschlechtermodell – jedem Arbeiter einen „Ernährerlohn“ und eine Hausfrau – aufbegehrten, stellten sie damit eine zentrale Errungenschaft der Arbeiterbewegung in Frage.

Im Zuge der Automatisierung verlor der einst traditionell männliche Setzer an Bedeutung. Dass nun auch Frauen textgestaltend tätig wurden, ging einher mit einer Abwertung der Arbeit und geringeren Löhnen, so Haug. Arbeitskämpfe der männlichen Arbeiter seien daher zum Teil auch Abwehrkämpfe gegen die (neuen) Arbeiterinnen gewesen. Sexismus hält Frauen klein und aus Arbeitsfeldern und Einflusssphäre fern. Rassismus folgt ähnlicher Logik.

Ein gemeinsames Interesse der Arbeiter:innenklasse lässt sich also nicht einfach behaupten – es ist immer wieder neu zu erarbeiten. Ein Zusammenhang zwischen den Kämpfen besteht nur, wenn wir ihn herstellen, so Haug.

Wer andererseits die Kämpfe von Frauen und Queers, People of Color und Klima-Aktivist:innen per se als „identitätspolitisches“ Gedöns und Ablenkung vom „Eigentlichen“ abwertet, treibt Spaltungen und das Prinzip „Teile und Herrsche“ selber voran.

Es gibt viel zu entdecken in den Arbeiten marxistischer Feministinnen: Auch „Zuhause“ wird gearbeitet, erfahren wir Ausbeutung und Entfremdung und wird nicht zuletzt Arbeitskraft reproduziert. Auch in der Sorgearbeit sind wir nicht Eigner:innen unserer Produktionsmittel und Arbeitsbedingungen. Aber auch hier üben wir uns in Solidarität, streiten trotzig für unsere Rechte und Tag für Tag dafür, das Leben in den Mittelpunkt stellen zu können. Auch am Küchentisch beginnt die Revolution, sofern wir aus der Vereinzelung treten, in den Kämpfen der anderen unsere eigenen Interessen erkennen und aufhören, an persönliches Versagen zu glauben.

Auf den folgenden Seiten stellen Klara Schneider den Comic „Scheiblettenkind“ von Eva Müller und Isolde Aigner das Buch „Klassenbeste“ von Marlen Hobrack vor – beide erzählen auf unterschiedliche Weise von Klassismus, Konflikten und der Ambivalenz eigenen „Aufstiegs“.
Immer wieder geht es um Scham und Beschämung – darüber schreiben auch Isolde Aigner und Gabriele Bischoff. Sie stellen eine Initiative von Reichen vor, die ihr Unbehagen politisieren. Bafta Sarbo plädiert dafür, Rassismus nicht nur als problematische Einstellung zu verstehen, sondern in antirassistischer Praxis an die Verhältnisse zu gehen. Annegret Kunde hat Zahlen und Daten zusammengetragen, um zu verdeutlichen, was Reichtum und Armut bedeuten. Unter „Herstory“ erinnert Nuria Cafaro an den Streik der Pierburg-Arbeiterinnen 1973 – ein Arbeitskampf, der maßgeblich von Migrantinnen geführt wurde.

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