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Frühjahr 1/2019

(K)eine Schwangerschaft ist illegal

Ich bin sieben Monate alt. Ich habe einen Herzfehler. Meine Mama weiß nichts davon. Sie kann nicht zum Arzt. Sie hat keine Papiere.“ Diese Worte leiten auf der Homepage von STAY! die Kampagne „Keine Schwangerschaft ist illegal“ ein. Seit dem 7. Juli hängen in der Düsseldorfer Innenstadt Plakate der Kampagne, die wir in dieser Ausgabe abgedruckt haben.

Seit 2008 bietet die Flüchtlingsinitiative neben der rechtlichen und sozialen Beratung über das MediNetz eine medizinische Versorgung von Papierlosen an.

Für die WIR FRAUEN sprach Mareen Heying mit der Sozialarbeiterin Nicole Tauscher und der Krankenschwester Simone Froschauer von der Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative STAY!.

Im Juli startete die Kampagne „Keine Schwangerschaft ist illegal“. Wie kam es dazu?

Nicole: Die Anzahl der schwangeren Frauen ohne Papiere in unserer Beratung hat sich gehäuft, dabei ist ihre Behandlung stets sehr umfangreich: Vor- und Nachbetreuung und vor allem die Entbindung selbst. Damit die Frauen dies nicht zuhause durchführen müssen, suchen wir Krankenhäuser und Arztpraxen, in denen MedizinerInnen kostenlos entbinden. Die Schwangeren, die aus Angst, abgeschoben zu werden, nicht zum Arzt gehen, sind DAS Beispiel dafür, dass in Deutschland Menschen die Grundrechte verweigert werden.

Wie viele werdende Mütter beratet ihr?

Simone: In diesem Jahr sind es bisher zehn gewesen, im letzten Jahr waren es 30. Aktuell betreuen wir drei Schwangere.

Wie sieht die rechtliche Situation für illegale Schwangere aus?

Simone: Bis zu sechs Wochen vor der Entbindung können die Frauen abgeschoben werden und acht Wochen danach. Das wissen sie und deshalb versuchen sie, selbst mit der Schwangerschaft umzugehen. Viele arbeiten auch im neunten Monat noch hart, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Wenn das Kind auf der Welt ist, ist es dem geltenden Recht nach illegal wie die Mutter.

Nicole: Dazu kommt ein frauenspezifisches Problem: Aus der Praxis ist mir kein Fall bekannt, in dem eine Frau politisches Asyl bekommen hat, es sei denn, sie ist die Frau von einem politisch Verfolgten. Wenn aber eine Frau ein Land verlässt, weil sie z. B. als Mädchen verheiratet wurde, dann flieht sie, weil die Politik des Heimatlandes dies zuließ. Das ist ein politischer Grund!

Ab wann könnt ihr die Frauen unterstützen?

Nicole: Ab dem Zeitpunkt, ab dem sie zu uns kommen. Je früher, desto besser.

Simone: Letztens hatten wir eine Frau in der Beratung, in deren Bauch wuchs ein Tumor, der so groß war wie das Ungeborene. Sie war bereits im achten Monat und der Tumor musste erst entfernt werden, damit sie das Kind problemlos zur Welt bringen konnte. Eine andere Patientin lebt seit zehn Jahren ohne Papiere in Deutschland. Während dieser Zeit musste sie aufgrund einer Erkrankung ein Kind abtreiben lassen. Hätte sie die Möglichkeit gehabt, schon vorher zum Arzt zu gehen, hätte sie ihr Kind wahrscheinlich gesund bekommen können.

Welche Rolle spielen die Väter, vor allem in rechtlicher Hinsicht?

Nicole: Wenn eine Frau von einem anderen Papierlosen geschwängert wurde, spielt das keine bedeutende Rolle. Wenn sie allerdings von einem deutschen Mann ein Kind erwartet oder von einem Migranten mit gesichertem Aufenthaltsstatus, dann bekommt das Kind nach der Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Mutter darf dann so lange in Deutschland bleiben, bis das Kind volljährig ist. Diese Vaterschaft muss jedoch nachgewiesen werden. Wenn ein Mann sich weigert, sich einem Test zu unterziehen, hat die Frau keine Chance auf einen Aufenthalt hier – und das Kind auch nicht. Dabei möchte ich eins klarstellen: Dass sich eine Frau schwängern lässt, nur um in Deutschland bleiben zu können, ist mir als Strategie noch nie untergekommen. Leider wird das von manchen unterstellt.

Sind Abtreibung oder Adoption ein Thema in der Beratung?

Simone: Selten. Die Frauen wollen ihre Kinder bekommen. Wir setzen uns dafür ein, dass sie dies können. In wenigen Einzelfällen drängt die extrem unsichere Lebenssituation und dauernde Angst die Frauen dazu, ihr Kind abtreiben zu lassen. Auch dann unterstützen wir sie dabei, sofern wir können.

Was wollt ihr mit der Kampagne „Keine Schwangerschaft ist illegal“ erreichen?

Simone: Vor allem möchten wir auf die Situation der werdenden Mütter aufmerksam machen. Vielen ist es nicht klar, mit welchen gravierenden Problemen die Frauen zu kämpfen haben. Zur Sichtbarmachung haben wir zwei verschiedene Plakatmotive und Postkarten.

Nicole: Und dann wünschen wir uns natürlich, dass sich Düsseldorf und andere Kommunen für die Frauen einsetzen. Denn wir übernehmen hier eine kommunale Aufgabe.

Wie erfolgversprechend ist euer Vorhaben?

Simone: Die Kampagne ist nur der Auftakt. Am 17. September veranstalten wir eine landesweite Konferenz in Düsseldorf, mit attac, den Gewerkschaften ver.di und NGG, der Aidshilfe, dem Eine Welt Forum und der Caritas. Ein gemeinsames Ziel ist die Forderung nach anonymen Krankenscheinen für papierlose Menschen. Es gibt ein Recht auf medizinische Versorgung, das muss allen offen stehen, nicht nur Menschen mit gültigen Papieren. Und natürlich müssen wir unsere Arbeit bekannter machen. Diese können wir nur mit Spenden durchführen, auf die wir dringend angewiesen sind.

Interview: Mareen Heying