Logo
Frühjahr 1/2019

Kanada

Die führende Rolle von indigenen Frauen im Kampf gegen Ausbeutung von Mensch und Umwelt (1)

„Ein Volk ist nicht eher besiegt als die Herzen seiner Frauen am Boden sind“ – so ein Spruch der Cheyenne, ein Volk der amerikanischen UreinwohnerInnen. Die UreinwohnerInnen sind es, die die Kämpfe gegen soziale und ökologische Ungerechtigkeit, für das Wohl und die Rechte ihrer Gemeinden führen. Im Zeitalter des globalen Neoliberalismus, in dem Mensch und Umwelt als rohe Materialien verwertet werden, wird ihr Kampf auch zu unserem Kampf.

Indigene Frauen – Mythos und Selbstbild
Indigene Frauen sind Stereotypisierungen ausgesetzt. So gibt es den Mythos von den schönen Indianerinnen wie Pocahontas (2). Andererseits gibt es die rassistische Stigmatisierung indigener Frauen als „Squaws“, also als „Arbeitstiere“ und sexuell verfügbare Ware. Ihr Selbstbild sieht anders aus, sie sind stolz auf ihre traditionell wichtige ökonomische und politische Stellung. Deswegen setzen sie sich für die Rekultivierung ihrer Rechte und ihrer politischen Funktionen ein. Die führende Rolle indigener Frauen ist jedoch nicht neu. Das Ergebnis moderner Ideen von Gleichheit der europäischen Siedler?! Das Gegenteil ist der Fall.

Indigene Menschen in Kanada – eine historische Perspektive
Schon bevor die EuropäerInnen Amerika entdeckten, gab es viele indigene Gruppen, zwischen denen es hoch entwickelte Handelswege, kultivierte Handelsbeziehungen, Bündnisse und Kriege gab. Um ihre gemeinsame Geschichte und aktuelle gemeinsame Kämpfe gegen Unterdrückung zu betonen, nennen sie sich UreinwohnerInnen oder Indigene Amerikas. Um ihre jeweilige Identität hervorzuheben, benutzen sie den Namen ihrer Bevölkerungsgruppe. Zusammen heißen diese Bevölkerungsgruppen „First Nations“ (erste Nationen), was den Anspruch auf ein Verhältnis „auf Augenhöhe“ zwischen den ersten Nationen und den neueren Staaten wie Großbritannien und Kanada beschreibt. Diese Verhältnisse haben eine lange Geschichte, die in Staatsverträgen politisch anerkannt wurde. Ab 1676 haben zunächst europäische Staaten, später Kanada Verträge mit mehreren indigenen Bevölkerungen geschlossen, um Kriege zu vermeiden und Kriegsalliierte sowie ökonomische PartnerInnen zu gewinnen. Trotzdem werden sie häufig mit wenig Respekt behandelt, die Politik Kanadas gegenüber den UreinwohnerInnen wird hauptsächlich im Sinne einer Assimilation verstanden. Eines der wichtigsten Werkzeuge dieser Politik ist das sogenannte Indianergesetz (3).

Das Indianergesetz als Spiegel des Patriarchats
Seit 1876 regelt das Indianergesetz das Leben der UreinwohnerInnen, ein koloniales Gesetz, das die Besetzung indigener Wohngebiete, Familienrecht und Grundstücksgesetze regelt und dabei die traditionellen Regierungsformen durch eine patriarchale Regierungsform ersetzt. Obwohl in vielen „First Nations“ Frauen besondere politische Funktionen einnahmen, durfte von 1876 bis 1951 keine Frau Stammesratsmitglied werden oder wählen. Männer erhalten (bis heute) exklusive Rechte für Grundstücke und Häuser. Nach dem Gesetz verliert eine Indianerin, die einen Nicht-Indianer heiratet, ihren Indianer-Status. Im Gegensatz dazu kann ein Indianer eine Nicht-Indianerin heiraten und ihr so den Status einer Indianerin übertragen. Erst 1982 ist dieser Aspekt des Indianergesetzes reformiert worden. Sogar die Sexualität indigener Frauen wurde durch das Indianergesetz kriminalisiert. War die Ehescheidung und Wiederverheiratung bei vielen „First Nations“ legitim, so galt nach dem Indianergesetz eine geschiedene Frau, die zusammen mit einem neuen Mann wohnte, als Bigamistin und wurde wegen dieser „Unsittlichkeit“ in weit entfernte Strafanstalten geschickt. Ureinwohnerinnen, die früher (auch gegenüber den SiedlerInnen) wichtige ökonomische und politische Funktionen einnahmen, galten plötzlich als „Kontrastprogramm“ zu den eingewanderten Siedlerinnen, den weißen „zivilisierten“ christlichen Damen, die ein Bild von Reinheit verkörpern sollten. Indigene Frauen galten als untaugliche Mütter, sodass die SiedlerInnen deren Kinder „retten“ wollten. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1996 kamen Millionen indigene Kinder in Internate, wo sie nicht ihre eigenen Sprachen sprechen durften, den christlichen Glauben annehmen mussten und keine indigenen Bräuche ausüben konnten. Sie wurden vernachlässigt, misshandelt und missbraucht – mit schweren psychischen und sozialen Folgen und sehr hohen Krankheits- und Sterberaten.

Indigene Frauen und ihr Kampf um ökologische und soziale Rechte
Obwohl indigene Frauen inzwischen wählen dürfen und Häuptlinge werden können, setzen sie weder große Erwartungen in die neoliberale Regierung Kanadas noch in die hauptsächlich von Männern besetzten Stammesräte. Denn während die Regierung als neoliberales Werkzeug der Industrie gilt, stellen die Stammesräte ein Überbleibsel der kolonialen Herrschaft dar.

Viele treten als Aktivistinnen, Rechtsanwältinnen und Häuptlinge vor Medien und Politik und stellen sich gegen Ausnutzung, private Bereicherung und den heuschreckenartigen Ressourcenraub sowie den Abbau von Umweltschutzgesetzen. Denn nach einer mehr als vier Jahrhunderte andauernden kolonialen Politik stellen die aktuellen politischen Maßnahmen eine soziale und ökologische Verwüstung indigener Wohngebiete dar – z. B. der Abbau von Bodenschätzen. So entstand im November 2012 die Grassroots-Bewegung „Idle No More“ (gegründet von vier Frauen), die sich durch die sozialen Medien schnell verbreitete und zahlreiche gewaltlose Aktionen wie Protestveranstaltungen, Flashmobs und traditionelle Tänze auf öffentlichen Plätzen initiierte. Kurz nach ihrer Gründung baute Theresa Spence, Häuptling der Nation Attawapiskat, in der Nähe der Bundesregierung ein Lager auf und lebte sechs Wochen im Hungerstreik, um ein Treffen mit dem Premierminister und dem Generalgouverneur wegen der Gesundheits-, Schul- und Wohnungsnot in Attawapiskat einzufordern.

Auch wenn diese nicht erschienen, kamen viele andere Menschen, darunter auch junge Indigene, und initiierten einen 1.500 Kilometer langen Fußmarsch vom Whapmagoostui nach Ottawa. Doch es gab rassistische Gegenreaktionen, die die Proteste als Auflehnung der „Wilden“ bezeichneten. Die Rechtsanwältin Janice Makokis hat als Vertreterin von 21 „First Nations“ deshalb eine Beschwerde gegen Kanadas Regierung bei der UNO eingereicht. Darin beklagt sie, dass diese sich nicht angemessen zu den rassistischen Mediendiskursen zu Spence and der „Idle No More“-Bewegung verhalten hat.

Rassistisch motivierte Gewalt gegen UreinwohnerInnen in Kanada ist jedoch nichts Neues, auch wenn sie in den Medien entweder nicht thematisiert oder in reißerischen Schlagzeilen verewigt wird, die die Würde der Opfer in den Schatten stellt. In der „Sisters in Spirit“-Kampagne der Native Women’s Association of Canada und deren Dokumentarfilm Finding Dawn von der Métis(4)-Regisseurin Christine Welsh wird auf hunderte Fälle von verschwundenen oder ermordeten indigenen Frauen in Kanada aufmerksam gemacht. Im Dezember 2011 führte dies zu einer Untersuchung zu den vermissten und ermordeten Ureinwohnerinnen durch einen UN-Ausschuss zur Beiseitigung der Diskriminierung gegen Frauen (CEDAW). Nach dem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vom Februar 2013 (5) umfasst die systematische Gewalt gegen indigene Frauen Polizeigewalt sowie Missbrauch.

Die Gewalt gegen Ureinwohnerinnen betrachten indigene Aktivistinnen aber auch im Zusammenhang mit Ressourcenraub, Assimilationspolitik gegen indigene Menschen und dem globalen Versuch, gewöhnliche Leute in einer neoliberalen Weltordnung zu assimilieren. Deshalb fordert die Mohawk-Aktivistin Nicole Lebrasseur z. B. die Occupy-Bewegung auf, Ureinwohnerinnen anzuhören und eine Bewegung zur Dekolonisierung anzustreben.

Noch konkreter verlangen jetzt „Idle No More“-AktivistInnen in Kooperation mit der Gruppe „Defenders of the Land“ eine Sommerkampagne „gewaltloser Aktionen“. Die Herzen der indigenen Frauen sind noch lange nicht am Boden.

Jacqueline Davies und Isolde Aigner

Die Autorin Jacqueline Davies

ist Professorin im Philosophischen Seminar an der Queens University in Kingston, Ontario, Kanada. Sie unterrichtet in Gender Studies, Jewish Studies und Cultural Studies. Queen’s University befindet sich auf traditionellen Gebieten der Indigenen Nationen Anishnabe und Haudenosaunee.

 

1 Im folgenden Artikel werden die Bezeichnungen „UreinwohnerInnen“ und „Indigene“ synonym verwendet. Der Begriff „First Nation“ bezieht sich ebenfalls auf diese Gruppe, betont aber vor allem die internationale Anerkennung.

2 Pocahontas war eine Häuptlingstochter, die als Botschafterin zwischen ihrem Stamm und den englischen KolonistInnen auftrat. In vielen Darstellungen, wie z. B. der gleichnamigen Disneyverfilmung, wird Pocahontas jedoch verklärt dargestellt und ihre politische Rolle unterschlagen.

3 Der Begriff Indianer gilt als kolonialer Begriff und bezieht sich auf den gesetzlichen Status indigener Menschen in Kanada.

4 Die Metis sind eine eigene Bevölkerungsgruppe und NachfahrInnen europäischer PelzhändlerInnen und Frauen indigener Abstammung.

5 www.hrw.org/reports/2013/02/13/those-who-take-us-away-0.