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Winter 4/2019

Junge Frauen, die bewegen!

von Isolde Aigner

(aus WIR FRAUEN Heft 2/2019, Schwerpunkt: Girlpower)

Ob für Klimaschutz, LGBTI-Rechte oder Empowerment muslimischer Jugendlicher: Drei junge, politisch aktive Frauen erzählen, wie sie sich auf unterschiedliche Weise für eine gerechtere Gesellschaft stark machen. Isolde Aigner sprach mit ihnen über ihr Engagement und ihre Visionen.

Pauline, 19 Jahre alt: „Die Organisation der Fridays for Future-Demo hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben.“

Mein Engagement
Die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind mir sehr wichtig, deshalb bin ich bei der Grünen Jugend, Fridays for Future und bei campus:grün an der Universität zu Köln aktiv. Ich organisiere zum Beispiel die Fridays for Future-Demos in Solingen. Ich habe mich damals für den Jugendstadtrat Solingen aufgestellt, weil mir die Beteiligungsmöglichkeiten der Projektgruppen gefallen haben, in der Gruppe „Pro Agenda Contra Nazis“ haben wir eine Plakataktion gestartet und auf diskriminierende Schimpfwörter, wie „Du Homo“ aufmerksam gemacht. So kam ich auch zu „fYOUture“, ein Modellprojekt zur Förderung kommunaler Jugendbeteiligung. Hier habe ich einen Workshop zum Thema Sexismus geleitet und kam bei den Trialogen in Kontakt mit Politik und Verwaltung. Das ist ein Workshop, bei dem wir zusammen mit städtischen Mitarbeiter_innen und Politiker_innen Maßnahmen für mehr Jugendgerechtigkeit und Jugendpartizipation in Solingen entwickeln.

Was mich stärkt
Die erste Fridays for Future-Demo in Solingen hat mich gestärkt. Die Demo war ein unglaublicher Erfolg und es war sehr bewegend zu sehen, wie viele Jugendliche sich für die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit interessieren. Bei der Organisation der Demo habe ich eine sehr große Rolle übernommen und alles koordiniert. Das war zeitweise sehr stressig, aber dass mir so viele damit vertraut haben, mich als verantwortlich gesehen haben und sich bei allem für meine Meinung interessiert haben, hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Auch in der Jugendpolitik ist es so, dass man sich oft gegen sehr dominante Persönlichkeiten durchsetzen muss, und hier hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass ich nicht dafür kämpfen muss, etwas zu sagen zu haben.

Meine Vision für eine bessere Welt
Ich würde Rüstungsexporte stoppen, das Pariser Klimaabkommen einhalten, Bafög erhöhen, Tamponsteuer abschaffen, Paygap senken oder besser noch auf 0 setzen, für soziale Gerechtigkeit sorgen, Gleichberechtigung schaffen, mehr Geld in Bildung stecken, Landwirtschaft ökologischer gestalten und das Wahlalter auf 16 herabsetzen.

Merve, 23 Jahre: „Ich weiß jetzt, dass ich mit meinem Handeln etwas erreichen kann!“

Mein Engagement
Mir ist es wichtig, dass sich muslimische Jugendliche  politisch beteiligen und sich für ihre Standpunkte stark machen. Viele von ihnen haben Angst sich zu beteiligen, aufgrund von Erfahrungen mit Kriminalisierung und medial vermittelten Ressentiments. Mir ist Jugendbeteiligung zwar im Allgemeinen wichtig, aber weil dies meine Community ist, sehe ich es hier erst recht als meine Aufgabe, diesen Jugendlichen eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Ich habe z.B. das Projekt „Wenn aus Fremden Freunde werden“ von der Arbeiterwohlfahrt geleitet und dafür gesorgt, dass Patenschaften zwischen geflüchteten (muslimischen) Jugendlichen und Jugendlichen ohne Fluchterfahrung entstehen. Ich habe sie außerdem dazu bewegt, bei einem Kunstprojekt über ihre Erfahrungen in der neuen Heimat zu sprechen. Ich engagiere mich außerdem gegen Rassismus und habe z.B. Fälle von Rassismus gegenüber Musliminnen im Busverkehr (durch Busfahrer_innen) dokumentiert, damit die Stadt die Mitarbeiter_innen der Verkehrsbetriebe in Zukunft entsprechend sensibilisiert.

Prägende Ereignisse innerhalb meines Engagements
2012 habe ich mit meiner Schwester an dem Projekt „Nachbar? Machbar!“ teilgenommen. Dort konnten wir eine Mediationsausbildung machen. Das hat meine Schwester und mich so begeistert, dass wir seither gerne in verschiedensten Gremien und Vereinen aktiv sind. Bei dem Beteiligungsprojekt „fYOUture“ sollte ich mit einer öffentlichen Rede das bisherige Engagement der Kommunalpolitik gegen Rassismus bewerten und die Politik in die Verantwortung nehmen. Das Halten dieser Rede war ein entscheidender Punkt in meinem Leben: Es hat mich so geprägt, dass ich mich bis heute vor keiner Aufgabe scheue und mehr Selbstbewusstsein habe, um für das, was ich möchte, einzustehen – und auch weiß, dass ich mit meinem Handeln etwas erreichen kann!

Meine Vision für eine bessere Welt
Aktuelle Probleme der Demokratie müssten verändert werden: Politiker_innen sollten nur mit der passenden Qualifikation in das entsprechende Amt eingesetzt werden. Der Verfassungsschutz muss unter die Lupe genommen werden, so dass dort keine faschistischen Personen arbeiten und Nazi-Propaganda nicht länger unter den Teppich gekehrt wird. Außerdem muss auf die Einhaltung des Grundgesetzes geachtet werden – so dass der Eingriff in die Privatsphäre oder die Missachtung der menschlichen Würde (zum Beispiel in Form rassistischer Taten) stärker bestraft wird, damit Menschen die hier längst beheimatet sind, sich wohlfühlen können. Wir brauchen einen starken Umweltschutz, das heißt: Kohleabbau stoppen, Atomkraftwerke abschaffen und nur noch nachhaltige Energien einsetzen. Die Rente muss verbessert werden – damit alle Menschen auch in der Zukunft von der Rente leben können. Wir müssen Fluchtursachen bekämpfen. Und das heißt, dass wir endlich aufhören müssen, Waffen zu produzieren und zu exportieren.

Celina, 18 Jahre alt: „Ich möchte aufklären und über Themen sprechen, die nicht im Mainstream besprochen werden.“

Mein Engagement
Zentrale Themen, mit denen ich mich beschäftige, sind Sexismus, Homophobie und Transphobie, LGBTQ – ich interessiere mich vor allem für Diskriminierungen, aber auch Empowerment. Ich möchte aufklären und über Themen sprechen, die nicht im Mainstream besprochen werden. In der Schule war ich sehr aktiv für LGBTIQ-SchülerInnen und habe mich in einer AG engagiert. Hier konnte man untereinander sprechen und hatte das Gefühl, nicht alleine zu sein. Ich habe mal einen Workshop „We are queer, we are here“ für Jugendliche entwickelt und durchgeführt. Ich fand es toll, selber zu entscheiden, wo und auch wie über das Thema geredet wird. Es war schön, dass wir den Workshop mit unseren Erfahrungen verbinden konnten – und dass so ein Workshop nicht von jemand geleitetet wird, der eigentlich keine Ahnung vom Thema hat.

Das gibt mir Kraft
Mir gibt Kraft, die Möglichkeit zu bekommen, mit ganz unterschiedlichen Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich finde es gut, dass z.B. in Solingen der Raum geschaffen wird, um sich mit verschiedenen Jugendlichen ungebremst auszutauschen und etwas auf die Beine stellen zu können. Ich habe das Gefühl, dass man hier etwas schafft und dass jeder dazu beigetragen hat, auch wenn jetzt nicht gerade irgendwas Riesiges geplant ist oder fertig gestellt wird, und am Ende kommt was Schönes bei raus.

Meine Vision für eine bessere Welt
Ich glaube, dass sehr viele gesellschaftliche Probleme mit bestimmten Strukturen und Systemen zusammenhängen, aber auch damit, dass viele Leute gar nicht erst versuchen mit anderen Menschen mitzufühlen, Empathie zu entwickeln, weil sie vielleicht fremd und anders sind. Ich würde mir wünschen, dass andere Menschen mehr Mitgefühl und Verständnis für ihre Mitmenschen und ihre Erfahrungen aufbringen, auch für andere Weltanschauungen. Vor allem auch: Wenn man gesellschaftlich in einer privilegierteren Position ist, und dadurch natürlich mehr Macht hat, dann sollte man diese auch nutzen, um Menschen, die über weniger Privilegien verfügen, zu unterstützen.