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Winter 4/2022

Ist die Heimat noch zu retten?!

von Isolde Aigner

(aus WIR FRAUEN Heft 4/2022)

Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff Heimat oft mit dem Geburtsort, dem Ursprungsland oder dem Wohnsitz einer Person verbunden. Nach dem Theologen und Philosophen Beat Dietschy verbinden wir mit Heimat außerdem oft unsere Kindheit oder das Gefühl, geborgen und beschützt zu sein. Weil ihr Leben von Krieg, Folter, Armut, und Unterdrückung geprägt ist, müssen viele Menschen jedoch die eigene Heimat zurücklassen – auf der Suche nach einem guten, gerechten, freien und sicheren Leben.

Die digitale Revolution und technische Entwicklungen wälzen unsere Lebensweise unentwegt um: „Was wir einmal gelernt haben, ist schon bald überholt“, so Dietschy. Es kommt zu Verunsicherungen, Angst vor sozialem Abstieg und dem Gefühl, Spielball von Prozessen zu sein, die nicht mehr zu durchschauen sind. Dadurch wächst auch die Sehnsucht nach „Heimat“, im Sinne von Schutz, Sicherheit und Vertrautheit. Auch die aktuellen, multiplen Krisen erhöhen das Bedürfnis nach einem warmen Zuhause – im wortwörtlichen wie im übertragenden Sinn.

Wenn die Heimat der einen zum Alptraum der „anderen“ wird

Auf das Bedürfnis nach Vertrautheit folgt nicht selten der Wille, das vermeintliche Eigene (Nation, Sprache etc.) zu bewahren, in dem das vermeintlich Andere abgewehrt und ausgegrenzt wird. Auch traditionelle, patriarchale Wertesysteme und Strukturen sollen aufrechterhalten werden.

Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah schreiben in ihrem Buch „Eure Heimat ist unser Alptraum“ (2019), dass Heimat in Deutschland das Ideal einer homogenen, christlichen weisen Gesellschaft darstellt, in der Männer das Sagen haben, Frauen sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern und andere Lebensrealitäten schlicht nicht vorkommen.

Rechtsextreme und Rechtspopulisten reklamieren den Heimatbegriff für sich – seien es Gauland (AfD) mit der Parole: „Wir holen unser Land zurück“ oder Trump mit seinem Versprechen, die USA wieder groß zu machen. Die eigenen Interessen sollen über alle anderen und über die gemeinsamen Interessen der Menschheit gestellt werden. Heimat ist hier immer zu verstehen, als „eine Heimat gegen andere, eine, welche andere ausschließt“ oder gar die Existenz abspricht. So wundert es nicht, dass der Begriff „Heimat“ auch innerhalb der Nazipropaganda von zentraler Bedeutung war.

Abgrenzung und Abwehr zeigen sich auch im gesellschaftlichen und medialen Umgang mit Geflüchteten, in dem sie häufig entmenschlicht und als Bedrohung wahrgenommen und dargestellt werden. Es ist die Rede von Fluten, Strömen, Stürmen oder auch Anstürmen. Pervers, wenn man bedenkt, dass Menschen doch genau aufgrund von Naturkatastrophen und Kriegen (an denen der globale Norden Mitverantwortung tragt) flüchten müssen. Im Aufnahmeland erwarten sie oft schlechte Versorgung, Entrechtung, drohende Abschiebung sowie rechtsextreme, aber auch Polizeigewalt.

Aktuell nimmt die Debatte um die vermeintliche Grenze der Belastbarkeit im reichen Deutschland erneut Fahrt auf, während die ersten Geflüchtetenunterkünfte (wieder) brennen.
Ein Schattenbericht zur Situation von geflüchteten Frauen, den u.a. Pro Asyl vorlegte, verdeutlicht, wie Massenunterkünfte als Zwangsgemeinschaften häusliche, sexualisierte und interfamiläre Gewalt gegen Frauen fordern. Immer noch können Zimmer selten abgeschlossen werden und selbst wenn, können sich Polizei und Security jederzeit Zugang verschaffen.

Die Rechtsanwältin Barbara Wessel fordert deshalb die Anwendung der in Deutschland ratifizierten Istanbul-Konvention, die vorsieht, Frauen – unabhängig von Herkunft und Geflüchtetenstatus – vor Gewalt zu schützen. Gleichzeitig haben Geflüchtete wenig Möglichkeiten, selbstbestimmt für sich selbst einzutreten.

Genau hier setzen Initiativen von geflüchteten Frauen an. Sie kämpfen gegen geschlechtsspezifische Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen und beraten und empowern andere geflüchtete Frauen, für ihre Rechte einzutreten, beispielweise ‚Women in Exile & Friends‘ – hier im Heft mit dabei – oder auch ‚Together We Are Bremen‘, die für das Recht auf Geburtsurkunden ihrer Kinder kämpfen.

Heimat als Utopie und solidarisches Zusammenleben

Ist der Heimatbegriff durch seine rechte Vereinnahmung verbrannt? Kann Heimat etwas sein oder werden, dass das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit aller erfüllt, oder setzt sie immer schon die Ausgrenzung bestimmter Gruppen voraus? Kurz gesagt: Ist die Heimat noch zu retten?!

Eine Frage, auf die es wohl keine einfachen Antworten gibt. Es war der Philosoph Ernst Bloch, der den Begriff nicht dem Nationalsozialismus überlassen wollte und Heimat als etwas Ungewordenes und Ungelungenes verstand – als Utopie – ein Ort, „worin noch niemand war“.

Das Ungewordene verweist auf die Idee, etwas Neues zu entwerfen: Orte, Verhältnisse, Gesellschaft so zu gestalten, dass wir alle uns wohl und sicher, eben zu Hause fühlen.

Die Autorin und Aktivistin Simone Dede Ayivi beschreibt, wie wichtig es ist, sich gemeinsam dafür einzusetzen: „Wo Menschen zusammenleben, müssen sie auch zusammen Probleme lösen“ – z.B. durch die gemeinsamen, solidarischen Kämpfe in ihrem Kiez in Kreuzberg gegen Mieterhöhung und Verdrängung: „Ich mag dieses Gefühl von Zusammenhalt, mit anderen zusammen für etwas einzustehen.“ Nicht Heimat, sondern Heimaten sind es, an die sie glaubt – und das sind meistens „Menschen, die uns vertraut sind und denen wir vertrauen. Zu Hause ist, wo Ihr seid.“

„Kreuz Kotti ist unsere Heimat“, Lärmdemo von Kotti & Co. am 18. August 2012.
Bild: Anne Roth / flickr, CC BY 2.0

In diesem Heft

Annegret Kunde widmet sich dem Thema der Flucht aus dem globalen Süden aus Sicht der Zurückgebliebenen, die um ihre Kinder und Angehörigen bangen. Es sind insbesondere Mütter, aber auch traumatisierte Rückkehrer, die vor Ort versuchen, junge Menschen davon abzuhalten, sich auf den gefährlichen Weg zu machen.
Der Duisburger Stadtteil Marxloh ist immer wieder bundesweit als vermeintliche „No-Go-Area“ in den Schlagzeilen. Sylvia Brennemann engagiert sich hier u.a. für Menschen ohne Krankenversicherung oder Obdach und arbeitet als Familienbegleiterin. Im Interview mit Melanie Stitz zeichnet sie ein differenziertes Bild ihres Stadtteils, der von Armut, Existenzkämpfen, Ausgrenzung und der Gefahr von Abschiebungen geprägt ist – gleichzeitig aber auch vom Zusammenhalten.
‚Women in Exile‘ ist eine Initiative von geflüchteten Frauen, die seit 2002 für ihre Rechte kämpfen. Gabriele Bischoff sprach mit Sarah von Women in Exile & Friends, einer Asylbewerberin aus Kenia. Sie erzählt, wie die Initiative geflüchtete Frauen unterstützt, berät und empowert, „denn diejenigen, die mit Wissen ausgestattet sind, sind mächtig und erheben ihre Stimme, wenn sie fühlen, dass etwas nicht in Ordnung ist“, so Sarah.
Tina Berntsen stellt künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Begriff und der Bedeutung von Heimat vor. Wie verarbeiteten Schriftstellerinnen im Exil ihrer Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Sehnsucht nach der Heimat in ihrem literarischen Schreiben? Dieser Frage widmet sich Christiana Puschak in ihrem Artikel.

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