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Frühjahr 1/2020

Ist die Frauenbewegung Schuld am Bevölkerungsrückgang?

Marie fragt nach

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es wird jeden Tag größer und mächtiger und hört auf den Namen Bevölkerungsrückgang. Waren es vor einem Jahrzehnt nur verschrobene Spinner, die als Rufer in der Wüste die Parole von den aussterbenden Deutschen ausgaben, so sind es heute Wissenschaftler, Publizisten und Bevölkerungsexperten, die bestätigen, was das gesunde Volksempfinden schon längst gespürt hat: Die Geburtenzahlen sinken beträchtlich – die Deutschen drohen auszusterben.

Fragt man nach den Gründen für dieses neue Phänomen, hört man immer wieder ein und dieselbe Argumentationskette. Es ist die Individualisierung der modernen Gesellschaft, die Ichbezogenheit unserer Tage und vor allem die Weigerung der Frauen, ihrer angestammten Rolle gerecht zu werden. Wird eine Gesellschaft geschaffen – so ist zu hören –, in der jeder nur noch an sich denkt, wo Familien diskriminiert werden und wo Frauen ihre Bestimmung als Mutter nicht mehr leben können? Vor allem der letzte Punkt hat – und diese Einsicht verdanken wir der Expertin Eva Herman – massiv mit den Beeinflussungen zu tun, die die armen Frauen der 1970er und 1980er Jahre ausgesetzt waren. Und diese Beeinflussung war – Sie ahnen es schon! – : die Frauenbewegung. Also bringen wir es auf den Punkt: Die Frauenbewegung ist schuld am dramatischen Bevölkerungsrückgang. Aber ist das auch so?

Ich habe keine Mühen gescheut und präsentiere hier und heute die Ergebnisse meiner Studien. Dabei stütze ich mich auf einen Artikel, in dem die Autorin – Marie Bernays – ganz direkt fragt: „Besteht ein Zusammenhang zwischen der Frauenbewegung und dem Geburtenrückgang?“

Die mutige Autorin, die angetreten ist, die Frage aller Fragen zu klären, geht ihre Aufgabe sehr sachlich und wissenschaftlich an. Die ganzen Zahlenspielchen der Experten werden von ihr referiert und vorgestellt. Sie weist genau nach, wer mit welchem Interesse welche Statistik herausgegeben hat und wer zu welchem Ergebnis kam. Es wimmelt nur so von Fachausdrücken, den verschiedenen Berechnungsweisen, Lesarten und Definitionen. Natürlich fehlt auch der berühmte Blick ins Ausland nicht, wo es – je nach dem, wo frau hinblickt – mal besser und mal schlechter aussieht.

Dass die Bevölkerungszahlen sinken ist unstrittig, aber darum geht es nicht, denn die Autorin will vielmehr wissen, wer sich aus welcher Gesellschaftsklasse kommend, wie vermehrt – oder eben auch nicht. Sie will vor allem wissen, welche Schlussfolgerungen die Herren Gelehrten und Statistiker aus ihren Zahlen ziehen. Dafür zitiert sie aus Gutachten und Statistiken und kann nachweisen, dass die meisten Experten der Frauenbewegung eine negative Rolle zuschieben. Es sei die Frauenbewegung – und hier zitiert Bernays aus Originalexpertisen –, die einen „mangelnden Gebärwillen der Frau“, hervorgebracht habe. Frauen wollten – angestachelt durch die Erfolge der Frauenbewegung – sich lieber „selbstverwirklichen“ als zu gebären, sie wären „zu feige oder zu bequem“ zum Kinderbekommen. Diese Aussagen sind deutlich und lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Was aber kann Marie Bernays darauf antworten? Sie lässt sich erst mal – und das in sehr bewundernswerter Art und Weise – nicht aus der Ruhe bringen und argumentiert, dass die Autoren es sich insofern recht leicht machen, als sie alles was an „neuzeitlichen Tendenzen“ in der Gesellschaft zu beobachten sei, der Frauenbewegung in die Schuhe schöben. Alle anderen Indikatoren wie zum Beispiel die Weigerung des Mannes Kinder zu zeugen, oder das Vorhandensein von ökonomischen Zwängen, würden vernachlässigt. Keine anderen gesellschaftlichen Gründe würden in die Analyse mit einbezogen und so entstünde ein Zerrbild der Frauenbewegung, die als „zügelloses Freiheitsstreben“ der Frau dargestellt würde. Die Autorin wörtlich: „Die Frauenbewegung bringt nicht eine von Pflichten entleerte Willkür, die sich selbst vernichtet, sondern eine innere Freiheit, die erst durch das Sittengesetz uns gegeben wird.“

Sie wundern sich über die etwas schwülstige Art der Autorin? Oh, Entschuldigung. Ich vergaß wohl zu erwähnen, dass Dr. Marie Bernays diesen brandaktuellen Artikel im Januar 1914 schrieb, in der feministischen Zeitschrift „Die Frau“, herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer.

Kerstin Wolff