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Herbst 3/2020

Honduras: Im Auftrag Mord!

Von Kathrin Schultz

Berta Cáceres, indigene Menschenrechts- & Umweltschützerin, wurde am 2. März 2016 von Auftragsmördern erschossen. Dabei geraten auch deutsche Unternehmen in die Kritik.

Cáceres, 1973 in La Esperanza geboren, war 1993 Mitbegründerin von COPINH. Diese Organisation kämpft für die Rechte der Lenca – eine Volksgruppe, der Cáceres selbst entstammte. Dafür erhielt sie mehrere Preise, zuletzt 2015 den Goldman-Umweltpreis. Durch ihre Kampagnen, die sich gegen Landraub ebenso wie gegen Rassismus oder Machismus richteten, war die Aktivistin oftmals sexuellen Angriffen, Entführungs- und Morddrohungen ausgesetzt. Einschüchtern ließ Cáceres sich davon nicht, was sie am Ende mit dem Leben bezahlte.
Indigene Menschenrechte
90% der Bevölkerung in Honduras sind Mestizen – Nachfahren europäischer Einwander_innen und den Ureinwohnenden des Landes. Die 7% Indigenen leben in abgelegenen Bergtäler oder den Karibikwälder ganz traditionell als Jäger und Sammler. Doch selbst dieser noch verbliebene Lebensraum ist bedroht. Green Economy lautet das Schlagwort: Kohle, Öl, Gas, Wind, Sonne, Wasserkraft – zwecks Energiegewinnung setzen Großunternehmen und Regierungen den Profit fast immer über Menschenrechte und Umweltschutz. Weltweit werden 450 Mio. Angehörige von 5000 indigenen Völkern kriminalisiert, verfolgt und sogar getötet für ihren Freiheitskampf.
Neokoloniale Ausbeutung – auch in Honduras, denn die Machthabenden haben längst neue Geldquellen für das strukturschwache Land entdeckt: Holzgesellschaften beispielsweise. Dabei läge es in der Verantwortlichkeit aller, die ILO-Konvention 169 zu achten, nach der indigene Gemeinden solchen Projekten auf ihrem Siedlungsgebiet zustimmen müssen. Doch die Konvention findet kaum Beachtung. Deshalb gelang es den Lencas erst 2002, kommunale Landtitel zu erwerben und über 30 Holzfirmen zu vertreiben – nicht immer mit legalen Mitteln, wie Cacéres einräumte, aber immer gewaltfrei. Anders die Unternehmen, die mit Waffengewalt reagieren.
Dabei hatte sich die Menschenrechtslage in ganz Zentralamerika nach jahrelangen Bürgerkriegen zunächst erheblich verbessert. Als Gründungsmitglied der Vereinten Nationen ist Honduras laut UN-Angaben heute jedoch eines der unsichersten Länder mit der höchsten Rate an Tötungsdelikten. Mitverantwortlich dafür sind die vielen Jugendbanden, die mangels Zukunftsperspektiven ganze Stadtviertel terrorisieren. Spätestens seit dem Staatsstreich 2009 ist laut Menschenrechtsorganisationen darüber hinaus eine starke Zunahme von Repressalien gegen Regime-Kritiker_innen spürbar. Cáceres war eine von ihnen. Als prominenteste Protestlerin gegen den Staudamm Agua Zarca – der durch Zwangsumsiedlungen die Existenzgrundlagen der Lenca und das Ökosystem am Fluss Gualcarque zerstört – hatte die COPINH-Koordinatorin 2013 eine einjährige, friedliche Straßenblockade mitorganisiert, um die Baufirma DESA an der Weiterarbeit zu hindern. Nach mehreren Räumungsversuchen durch das Militär erschoss ein Unteroffizier den Aktivisten Tomás Garcia. Keine zwei Wochen nach Cacéres wurde mit Nelson García eine weitere COPINH-Führungsperson auf offener Straße hingerichtet. Seither ist das Leben weiterer Mitstreiter_innen in Gefahr. Denn Auftragsmorde sind in Honduras keine Seltenheit. Allein zwischen 2002 und 2014 wurden demzufolge 150 Menschen umgebracht. Wie Cáceres, kurz vor ihrem 43. Geburtstag von zwei vermummten Angreifern in ihrem eigenen Haus.
25 Mio. US-Dollar Jahresgewinn könnte der geplante Staudamm den honduranischen Betreibern und internationalen Geldgebern einbringen. 20.000 US-Dollar wurden laut neuer Erkenntnisse für den Tod der unbequemen Aktivistin gezahlt. Eine Tat, die bislang nicht restlos aufgeklärt wurde, da Beamte – laut COPINH – aktiv daran beteiligt sind, die Ermittlungen zu manipulieren. Die Aufklärungsrate der Polizei liegt bei unter 10%. So behaupteten Regierungspersonen anfangs, dass vieles auf einen „Raubüberfall“ hindeute.
Daraufhin sorgten Protestmärsche im ganzen Land für Öffentlichkeit. Zur Beerdigung kamen Tausende und riefen: „Der Kampf geht weiter! Berta lebt!“ Cáceres ist zur Symbolfigur des sozialen Widerstands geworden. Ihr Tod löste international Bestürzung aus. Die drei erwachsenen Kinder, die aus Sicherheitsgründen aktuell im Ausland studieren, werfen dem honduranischen Präsidenten Hernández eine Mitschuld vor, ihre Mutter nicht ausreichend geschützt zu haben. Deren Bedrohung war seit 2009 bekannt. Die Behörden – sogar trotz mehrfacher Aufforderung durch die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte – taten jedoch nichts, um das Attentat zu verhindern.
Die Europäische Union fordert nun eine unabhängige Morduntersuchung und sofortige Schutzmaßnahmen für die Hinterbliebenen. Zudem suspendierten die holländische Bank FMO, der finnische Finnfund und die zentralamerikanische BCIE angesichts der Gewaltwelle ihre Weiterfinanzierung im März 2016. Ein Bündnis internationaler NGO’s forderte daraufhin die deutschen Firmen Voith GmbH und Siemens AG auf, sich ebenfalls aus dem Wasserkraftprojekt zurückzuziehen. Rund 200.000 Unterschriften überzeugten Voith. Allerdings sei dies, laut Hilfsorganisationen wie Oxfam, mit Vorsicht zu genießen. Das Heidenheimer Familienunternehmen hätte von Anfang an gewusst, worauf es sich mit dem gewaltbereiten Auftraggeber DESA einlässt. Und so behält der Turbinen-Lieferant sich tatsächlich vor, abhängig von den Ermittlungen vor Ort, eventuell wieder in das Geschäft einzusteigen. Und Siemens? Lehnte – nicht zum ersten Mal in der eigenen Unternehmensgeschichte – von Anfang an jede Mitverantwortung ab.
Ist-Stand
Gustavo Castro Soto, in dessen Armen Cáceres starb, gilt als einziger Zeuge. Der mexikanische Aktivist war als Verdächtiger stundenlang verhört worden und konnte erst durch eine Eilaktion von Amnesty International in seine Heimat zurückkehren. In der Zwischenzeit wurden 6 Tatverdächtige verhaftet, unter ihnen der ehemalige DESA-Sicherheitschef, der die tödlichen Schüsse abgegeben haben soll.
Die Kriminalisierung von COPINH in regierungsnahen Medien hält allerdings an, ebenso wie straffreie Übergriffe von Polizei und Militär gegen unabhängige Reporter_innen. Ob alle Schuldigen also wirklich jemals hinter Gittern landen, bleibt ungewiss.


Gesellschaft für bedrohte Völker: www.gfbv.de
https://www.oxfam.de/
www.urgewald.org
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